Nationalmannschaft TV-Kritiker: Jogi in der Guru-Falle

Die Kritik der TV-Experten Mehmet Scholl und Oliver Kahn setzt Joachim Löw zu. Als wäre es ein Ping-Pong-Spiel, haben sich die beiden auf den Bundestrainer eingeschossen.

 

WIEN - Argentinien, Färöer oder Österreich – für Joachim Löw gibt es immer noch eine dritte Halbzeit, die im TV-Studio.

Auch die muss der Bundestrainer ernst nehmen, weil dort die neue Kritiker-Elite des deutschen Fußballs auf ihn wartet: Mehmet Scholl (ARD) und Oliver Kahn (ZDF), stets unberechenbar, seit der EM deutlich schärfer in Ton und Inhalt.

Erst Scholls Angriff auf Stümer Gomez ("Wundgelegen!"), dann Kahns Ausbruch nach dem 1:3 gegen Argentinien ("Diese Zufriedenheit nervt mich!”), jetzt Scholls Aufruf zur Revolte vor dem 2:1 in Österreich ("Wir brauchen Spielertypen, die vielleicht auch mal einen anderen Plan haben als der Trainer!”) – als wäre es ein Ping-Pong-Spiel. Heute du, morgen ich.

Löw, nach dem dritten titellosen Turnier nicht mehr unantastbar, muss da durch – widerwillig. Scholl etwa zeigte er in Wien nach einem kurzen Händedruck fast nur die kalte Schulter, sah immer wieder nur ARD-Moderator Gerhard Delling an.

"Ich hatte ja jetzt sechs Jahre lang im Grunde null Kritik. Mir war aber immer klar, dass die Fallhöhe bei uns extrem groß ist”, hatte Löw zuvor in einem Interview mit dem österreichischen „Kurier” gesagt und stellte klar: "Ich lasse mir nicht den Boden unter den Füßen wegziehen.”

Klare Ansage in Richtung der Meinungsmacher am Mikro, deren Kritik sich der Bundestrainer nie sonderlich zu Herzen nehmen will – aus einem einfachen Grund: "Ich kenne ja auch die Mechanismen und merke auch, dass zwischen der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung schon eine Diskrepanz herrscht.”

Was Löw meint: Kahn und Scholl werden zu scharfen Meinungen gedrillt, sollen nicht nur informieren, sondern auch unterhalten. Von Experten werde nunmal verlangt, "live im Sekundentakt griffige Kommentare und interessante Informationen zu liefen”, meinte Kahn schon während der EM zur AZ.

Manches legen sich beide schon vorher zurecht, so wie Scholls Revoluzzer-Aufruf in Wien, zu dem er zweimal ansetzte. Positiv formuliert: Die Experten nehmen ihren Job ernst. Die Kehrseite der Medaille: Sie machen sich damit keine Freunde.

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Denn während Vorgänger Günter Netzer stets frei von der Leber weg granteln konnte, haben Scholl und Kahn Probleme mit dem "Familienanschluss” – beim DFB und bei Bayern hört man stets ganz genau hin, was die Ex-Profis so vom Stapel lassen.

"Am Ende stecken da natürlich auch finanzielle Interessen dahinter”, bemerkte Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge in der "Sport-Bild” und berichtete von einem Mittagessen mit Trainer Jupp Heynckes, bei dem man sich über das Thema ausgelassen habe.

"Der Jupp sagte da einen wahren Satz: 'Die leben davon, dass sie Experten sind.'” Und Heynckes muss mit ihren Statements leben. DFB-Pokal? Kahn und Scholl. Champions-League-Spiele? Seit das ZDF die Free-TV-Rechte hat: Kahn.

Die TV-Experten, immerhin in 289 Bundesligaspielen für Bayern und Karlsruhe gemeinsam im Einsatz, eint ihr Guru-Dasein. Während der EM schickten sie sich SMS, man neckte sich. Kahn, der stets vom Strand-Studio in Usedom auf Sendung ging, fragte den von Stadion zu Stadion umherreisenden Scholl: "Weißt Du überhaupt, in welcher ukrainischen Stadt Du gerade bist?”

Kahn selbst muss am 12. Oktober nach Dublin zum WM-Quali-Spiel gegen Irland. Vier Tage später wartet dann Scholl nach dem Schweden- Kick in Berlin auf Löw. Liegt der Bundestrainer nach der zweiten Halbzeit jeweils vorne, kann die dritte nicht so schlimm werden.

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