Nachtkritik aus Bayreuth Premiere von Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg"

Klaus Florian Vogt als Stolzing in den "Meistersingern" mit einem Wagner-Porträt. Foto: Enrico Nawrath

Mit königlichem Glanz sind am Dienstag die 106. Bayreuther Festspiele eröffnet worden. Die Kritik zum Auftakt.

 

Bayreuth - Theodor W. Adorno hat in seinem "Versuch über Wagner" behauptet, alle die Zurückgewiesenen im Werk des Komponisten wie Mime, Klingsor und Beckmesser seien eigentlich Judenkarikaturen. Dann schlägt der Philosoph einen psychologischen Haken: Letztlich seien es heimliche Selbstporträts, wie Wagner sich "selbst mit Schrecken inneward".

Barrie Koskys Neuinszenierung der "Meistersinger von Nürnberg" bringt diese These zur Bayreuther Eröffnung auf die Bühne des Festspielhauses. Am Ende des zweiten Akts, wenn es in der Prügelszene spukt, wird ein riesiger Komponisten-Kopf mit Hakennase, Schläfenlocken und Davidstern-Kippa aufgeblasen. Dazu laufen kleinere Ausgaben der Figur über die Bühne, während Beckmesser hinter einem Wagner-Porträt verprügelt wird.

Was bringt das? Nicht viel. Der "Versuch über Wagner" erschien 1952. Über die Frage, ob Wagners Antisemitismus auch sein Werk betreffe, wurde noch vor 20 Jahren heftig gestritten. Heute ist das Thema auf dem Grünen Hügel gepflegte Pausenkonversation. Es gibt Antisemitismus in Deutschland, aber nicht mehr auf dem Grünen Hügel. Ein australischer Jude als Regisseur ist da mehr ein Sahnehäubchen. Die Wirkungsgeschichte wurde im Festspielhaus schon in Katharina Wagners "Meistersingern" und 2008 in Stefan Herheims "Parsifal" mitinszeniert – mit mehr Mut zum persönlichen und ästhetischen Risiko.

Kosky beginnt ziemlich furios in Wahnfried. Wagner spielt da mit Cosima, Franz Liszt und dem Münchner Generalmusikdirektor Hermann Levi die "Meistersinger" nach. Beim Choral wird Levi vom Komponisten zum Niederknien gezwungen – eine Anspielung auf das Katz- und Maus-Spiel um die Taufe, zu der Wagner den jüdischen Dirigenten vor der Uraufführung von "Parsifal" nötigen wollte. Wagner gibt natürlich den Sachs. Cosima ist die Eva und Levi wird widerstrebend zum Beckmesser gemacht. Lehrbuben und Meister tragen opulente Kostüme der Dürerzeit. Sie hampeln mit viel Zappelkomik durch den ersten Akt, bis Wahnfried im Bühnenhintergrund verschwindet. Der Rest spielt im Saal der Nürnberger Prozesse. Das bleibt eine steile These. Wagner muss sich nicht rechtfertigen, er wird nicht vor Gericht gestellt.

Kosky inszeniert die gute alte Komödie, hin und wieder ein bisschen schmerzhaft, wenn Sachs und Beckmesser aneinandergeraten, aber ohne den in Interviews versprochenen schwarzen Humor und und den Lubitsch-Touch. Die brave Bühnen-Routine wird vom besten Sachs und dem besten Beckmesser seit vielen Jahren aufgewogen. Michael Volle singt den Schusterpoeten mit der sonoren Autorität eines Liedinterpreten: ungemein farbig, mit unerschöpflicher Kraft und letzter Finesse in den Monologen. Und er verleiht der Figur einen durchaus sympathischen Blues aus Schmerz und Selbstkritik.

Johannes Martin Kränzle könnte womöglich auch den Sachs singen. Sein Beckmesser ist keine Karikatur, sondern ein würdiger Herrn mit grauem Vollbart. Dazu gibt es einen kernig singenden Pogner (Günther Groissböck). Das famose Trio umgibt ein ähnlich gutes Ensemble: Klaus Florian Vogt nimmt mit seiner durchdringenden Kraft für sich ein. Das Timbre bleibt Geschmacksache – mehr Charakter- als Heldentenor. Und es wäre schön, wenn er sich zu einem deutschen Belcanto bequemen würde, wie ihn sein überragender Kollege Daniel Behle als David kultiviert.

Diese "Meistersinger" tun niemandem weh

Was man sich bei der Besetzung der Eva mit Anne Schwanewilms gedacht haben, bleibt ein Rätsel: Diese Stimme ist für die Rolle überreif und macht das Quintett zur Qual. Philippe Jordan dirigiert die "Meistersinger" als Spieloper. Das passt am Anfang nicht zum prononciert deutschen Sound des Festspielorchesters. Anfangs war der Klang öfter aus der Balance, die Bläser spielten oft wie hinter einem Vorhang. Aber das sind Probleme, die alle Bayreuth-Debütanten haben. Ausbuhen muss man den Dirigenten, wie am Premierenabend geschehen, dafür nicht. Bei der Festwiese stürmt das Volk fahnenschwenkend den Gerichtssaal. Es geht ziemlich derb zu. Beckmesser bleibt beim "Wach auf"-Chor versehentlich sitzen, weil er den Text des Preislieds memoriert. Das berühmt-berüchtige Pathos der feierlichen Generalpause wird so gebrochen.

Die Schlussansprache richtet Sachs als Wagner ins Publikum. Volle singt sie ohne jedes dröhnende Pathos wie einen Amfortas-Monolog: finster, schmerzhaft, am Deutschsein leidend. Dann fährt die Wand hoch. Ein komplettes Symphonieorchester samt Chor erscheint auf der Bühne und der Meister dirigiert den Schluss konzertant. Wollte Kosky die Zivilisierung germanischen Wesens von Wahnfried über die Nürnberger Prozesse zum öffentlich-rechtlichen Weltkulturerbe der deutschen Orchesterlandschaft erzählen? Dann hätte er zwischendrin deutlicher werden müssen.

Diese "Meistersinger" sind ein mit Riesenbeifall und Getrampel aufgenommener Konsens-Wagner für Landtagsabgeordnete, die einmal im Jahr zur Festspieleröffnung in die Oper gehen. Ein paar Amerikaner wundern sich vielleicht noch darüber, wie demokratisch wir heute sind. Sonst keiner. Und so muss man leider konstatieren: Kosky tut er niemandem weh. Das ist ziemlich langweilig.

 

 

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