Nach Treffen mit Erdogan Pfiffe gegen Gündogan: DFB-Elf mit Rucksack nach Russland

Beim Länderspiel in Leverkusen bei jeder Ballberührung ausgepfiffen: Nationalspieler Ilkay Gündogan. Foto: Federico Gambarini/dpa

Die Pfiffe der Fans gegen Gündogan belasten die Nationalmannschaft vor dem Abflug zur WM. "Was soll Ilkay noch tun?", fragt Bundestrainer Löw.

 

Leverkusen - Ilkay Gündogan reicht den Fans der deutschen Nationalmannschaft die Hand.

Während der Mittelfeldspieler am Freitagabend nach dem wohl schlimmsten Spiel seiner Karriere in den Katakomben der Leverkusener BayArena noch geschwiegen hatte, völlig in sich gekehrt wirkte und laut Mitspielern und Trainerstab "sehr geknickt" war, twitterte er am Samstag: "Letztes Spiel vor der Weltmeisterschaft – und immer noch dankbar, für dieses Land zu spielen." Ein demütiges Statement, deeskalierend. Kein Öl mehr ins Feuer. Ob’s hilft? Ob ihm die Fans die Erdogan-Nummer verzeihen?

Der 27-Jährige wird kaum abschalten können in den drei freien Tagen bis sich die 23 Auserwählten des DFB am Dienstag auf dem Frankfurter Flughafen zur Abreise nach Russland treffen. Der letzte WM-Test gegen Saudi-Arabien (2:1) wurde von den Pfiffen vieler Fans gegen Gündogan ab dessen Einwechslung nach einer knappen Stunde überschattet.

Generalprobe wird zum Stimmungs-Killer

Anstatt die Lust auf die WM zu steigern mit einer schwungvollen Leistung, die durch eine euphorische Verabschiedung der Fans gespiegelt wird, geriet der Test-Kick zur schaurig-schlimmen Veranstaltung für Augen (rein sportlich) und Ohren. "Ein Stimmungs-Killer", befand Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger am ARD-Mikrofon.

Und das alles wegen eines Fotos. Vor rund drei Wochen hatten die türkisch-stämmigen Gündogan und Mesut Özil (29), in Leverkusen wegen Rücken- und Knie-Problemen auf der Bank, den in der westlichen Welt höchst umstrittenen türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan getroffen – samt signierten Trikots ihrer Vereine Manchester City beziehungsweise FC Arsenal als Geschenke und Erinnerungsfoto. Seither spaltet das Thema die Fans der deutschen Nationalelf. Gündogan musste sich selbst bei einer Torchance auspfeifen lassen.

Bundestrainer Löw ist sauer

Eine Ablehnung, die Joachim Löw entsetzte. Seine Geste, die Zuschauer zum Applaudieren zu animieren, verpuffte. Es habe ihn "geschmerzt", sagte der Bundestrainer, er könne es "schwer nachvollziehen". Löw erbost: "Was soll Ilkay noch tun? Er hat gesagt: Ich lebe die deutschen Werte, ich identifiziere mich mit Deutschland. Er hat sich der Presse gestellt. Irgendwann ist das Thema auch mal vorbei." Ist es nicht.

Im Gegenteil. Die Nationalelf und der DFB nehmen einen dicken Rucksack mit zur WM. "Ich weiß nicht, welche Reaktionen es in Russland noch geben wird", sagte Löw ratlos. Bis zu 10 000 deutsche Fans werden zu den Vorrundenspielen erwartet. Der Verband habe das "Thema unterschätzt", sagte DFL-Präsident Reinhard Rauball der "BamS". Aus seiner Sicht habe der "erhebliche Unmut" der Anhänger angesichts der unzureichenden Reaktion der Beteiligten "eher noch zugenommen". Der BVB-Präsident weiter: "Meine Sorge ist es, dass es ansonsten dauerhaften Schaden bei beiden Sportlern hervorruft." Nächsten Sonntag startet die DFB-Elf in Moskau gegen Mexiko ins Turnier. Begleitet von Pfiffen?

In der Mannschaft bleibt es Thema und daher eine Belastung. Kapitän Manuel Neuer beklagte sich: "Diese Pfiffe schaden uns als Mannschaft." Und Mario Gomez, mit 32 Jahren neben Neuer der älteste im 23er-Kader, meinte: "Ich bitte die Leute, daran zu denken, dass wir Weltmeister werden wollen. Dafür brauchen wir den Ilkay, dafür brauchen wir den Mesut. Es sollte nicht versucht werden, das Ding weiter zu spalten, sondern versucht werden, da wieder eine Brücke zu bauen."

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