Nach Tod von Soldaten Türkei startet Vergeltungsangriff in Syrien

Das Archivfoto zeigt türkische Streitkräfte im Norden Syriens. Foto: Ugur Can/DHA/AP/dpa/dpa

Türkische Soldaten geraten in Syrien unter Beschuss, die Vergeltung folgt prompt - es gibt Opfer auf beiden Seiten. Erdogan spricht von "niederträchtigen Angriffen". Auch Russland meldet sich zu Wort.

 

Istanbul/Damaskus - Nach der Tötung mehrerer türkischer Soldaten in Syrien hat die Türkei einen Vergeltungsangriff im Nordwesten des Bürgerkriegslandes begonnen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte am Montag, dabei seien bislang 30 bis 35 syrische Kämpfer "außer Gefecht gesetzt" worden. Das kann etwa getötet oder verletzt bedeuten. Aktivisten der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zufolge kamen bei den türkischen Angriffen 13 Soldaten der syrischen Regierung ums Leben. Erdogan schickte zugleich eine Mahnung an Syriens Verbündeten Russland, sich den Angriffen nicht in den Weg zu stellen.

Die Türkei reagierte nach eigener Darstellung auf einen Beschuss türkischer Kräfte durch das syrische Militär in der Provinz Idlib. Dabei starben nach Angaben Erdogans fünf türkische Soldaten und drei Zivilisten. Die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana berichtete, das syrische Militär greife weiter "Hochburgen von Terrororganisationen" an. Dabei seien vier türkische Soldaten getötet und neun weitere verletzt worden.

Bei den Vereinten Nationen in New York zeigte sich Generalsekretär António Guterres besorgt über die Entwicklung in der Region. Guterres sei "alarmiert", sagte ein Sprecher am Montag. "Diese Eskalation zeigt einmal mehr die von dem anhaltenden Konflikt in Syrien ausgehende Bedrohung von Frieden und Sicherheit in der Region und international", zitierte der Sprecher Guterres.

Idlib ist nach fast neun Jahren Bürgerkrieg in Syrien das letzte große Rebellengebiet. Kontrolliert wird es von der Al-Kaida-nahen Miliz Haiat Tahrir al-Scham (HTS). Die syrische Armee, die unter anderem von Russland unterstützt wird, hatte im vergangenen Jahr eine Offensive auf die Region um die Stadt Idlib im Nordwesten des Landes begonnen.

Die Türkei steht auf Seite der Rebellen und unterhält zwölf Militärposten in der Region. Russland und der Iran sowie die Türkei hatten Idlib 2017 zu einer sogenannten Deeskalationszone erklärt. In dieser sollten Binnenflüchtlinge Schutz finden.

Die Türkei habe die Soldaten zur Verstärkung geschickt, sie seien trotz Bekanntgabe der Koordinaten beschossen worden, teilte das Verteidigungsministerium in Ankara mit. Das russische Militär betonte hingegen, die türkische Seite habe die Russen nicht über ihre Bewegungen informiert. Dabei seien sie unter Beschuss der syrischen Regierungstruppen gekommen, die gegen "Terroristen" vorgehen wollten.

Erdogan sagte weiter, man könne einen solchen Angriff nicht unbeantwortet lassen und die Türkei werde Rechenschaft dafür verlangen. "Diejenigen, die die Entschlossenheit der Türkei mit dieser Art niederträchtiger Angriffe auf die Probe stellen, werden begreifen, dass sie einen großen Fehler begangen haben."

An Russland gerichtet mahnte er: "Ihr solltet uns nicht im Wege stehen." Der russische Außenminister Sergej Lawrow und sein türkischer Kollege Mevlüt Cavusoglu hätten bei einem Telefonat betont, dass der Konflikt auf politisch-diplomatischem Weg gelöst werden müsse. Das teilte das russische Außenministerium in Moskau mit.

Nach einem Treffen mit dem ukrainischen Staatschef Wolodymyr Selenskyj in Kiew kritisierte Erdogan Russland erneut scharf und sagte, die Angriffe des syrischen Regimes und das "Wegsehen Russlands" hätten erneut eine Flüchtlingsbewegung Richtung türkischer Grenze ausgelöst. Erdogan bezifferte die Zahl der Geflüchteten auf eine Million. Die Situation sei "untragbar", sagte Erdogan.

Helfer beklagen eine dramatische humanitäre Lage in Idlib. Den Vereinten Nationen zufolge sind seit Anfang Dezember fast 390.000 Menschen vor der Gewalt geflohen.

Erdogan hatte vergangene Woche gewarnt, die Türkei werde nicht vor einem weiteren Militäreinsatz in Syrien zurückschrecken, sollte sich die Situation in Idlib nicht verbessern. Sein Land könne keine weiteren Flüchtlinge aus Syrien mehr aufnehmen. Die Türkei beherbergt nach offiziellen Angaben bereits mehr als 3,6 Millionen Syrer.