Nach Schlauchboot-Verordnung Kostet die Natur im Freistaat bald Eintritt?

Die Isar in München. (Archivbild) Foto: Sven Hoppe/dpa

Die Konflikte zwischen Umweltschutz und exzessiver Naherholung werden schärfer. Besonders im Fokus: Die Gewässer in Bayern.

 

München - Stefan Schmidt, Leiter des Ressorts Umwelt und Gewässer beim Bayerischen Kanu-Verband (BKV), klingt nicht nur frustriert, er ist es auch. Wenn es die Gesellschaft nicht schaffe, mehr Achtung vor der Umwelt umzusetzen, werde das in der bayerischen Verfassung garantierte freie Betretungsrecht der Natur bald nur noch auf dem Papier stehen, sagt Schmidt.

Der knapp 14.000 Mitglieder zählende Verband sieht sich zunehmend unverschuldet in der Defensive. Allerorten an den bayerischen Flüssen und Seen nehmen Reglementierungen bis hin zu kompletten Fahrverboten für Kanufahrer zu, weil die Landratsämter als untere Naturschutzbehörden mit einer bestimmten Gruppe von schmutzenden und lärmenden Naturnutzern anders nicht fertig zu werden glauben.

Schlag ins Gesicht für Kanufahrer

Eskaliert ist der Konflikt zwischen Naturschutz und exzessiver Naherholung jetzt an der Isar oberhalb von München. Das Landratsamt Bad-Tölz-Wolfratshausen hat tief in die Verordnungskiste gegriffen und das Bootfahren auf der Isar zwischen dem 15. Oktober und dem 1. Juni komplett untersagt. Die organisierten Kanufahrer empfinden das als Schlag ins Gesicht.

Aber auch an nahezu allen anderen Gewässern des Freistaats, auf denen sich der Freizeitsport ausgebreitet hat, greifen Ge- und Verbote um sich. Die Befahrungsverbote hält BKV-Umweltressortleiter Schmid nicht immer für sachdienlich. Diese mit laichenden Fischen zu begründen, sei aus der Luft gegriffen. "Es gibt keinerlei Hinweise auf Laichschäden durch Bootsbetrieb", sagt er.

Die Folgen der Vorschriften treffen die Fluss-Nutzer je nach Mentalität unterschiedlich: Die, die sich daran halten, verzichteten eben auf Kanu-Ausflüge, sagt Schmidt. Und die anderen würden so gut wie nie belangt. Es sei ihm ein Rätsel, wie an heißen Sommerwochenenden maximal zwölf Isar-Ranger "ohne Polizeibefugnis" zwischen Sylvensteinspeicher und dem Münchner Süden dafür sorgen sollten, dass der Alkoholpegel unter 0,5 Promille bleibt, Kinder Schwimmwesten tragen, keine "Beiboote" mit Bierkisten mitfahren und ein "Nachtfahrverbot" eingehalten wird. Verboten ist auch das Übernachten im Freien.

"Die Isar leidet, wenn zu viele an ihr zerren"

Die Kommunalpolitik sitzt zwischen den Stühlen. Während die Tourismusförderung der Landratsämter nach Kräften die örtlichen Gewässer als Besuchermagneten unterstützt und Bootsfahr-Gastronomie sowie Wasserwander-Anbieter fördert, möchten die Naturschutzabteilungen in denselben Ämtern aus Rücksicht auf Tiere und Pflanzen am liebsten umfassende Betretungsverbote verhängen, beobachtet man beim Kanu-Verband.

"Die Isar leidet, wenn zu viele an ihr zerren", so die Begründung des Tölzer Landrats Josef Niedermaier, und ähnlich sieht man das auch an anderen Flüssen von der Fränkischen Saale bis zur Loisach. Detaillierte Vorgaben für Befahrungsverbote, Bootsgrößen und Mindestwasserspiegel finden sich für fast alle beliebten Wasserwege im Freistaat.

Kontingentierungen wie in US-Nationalparks?

Bei einer bestimmten Klientel verpuffen die oft mit viel Liebe zum bürokratischen Detail entworfenen Verhaltensregeln wirkungslos, weiß Umweltexperte Schmidt. Wenn der Druck auf die naturnahen Naherholungsgebiete besonders im Umfeld der Ballungsräume weiter zunehme, werde man um Kontingentierungen – wie man es in anderen Ländern bereits praktiziere – nicht herumkommen. In den USA beispielsweise wird beim Betreten der Nationalparks Eintritt fällig.

Wenn es um das Geschäft mit Touristen geht, scheinen freilich etwas andere Regeln zu gelten. Traditionell starten im Sommer an den Wochenenden Dutzende von Flößen in Wolfratshausen zu biergeschwängerten Touren nach München zu Preisen um die 150 Euro pro Person. Meist an Bord: Live-Kapellen, während laute Musik für die individuellen Isar-Benutzer nach der neuen Verordnung verboten ist. Und nach Promillegrenzen wird die feuchtfröhlichen Flößer wohl auch in Zukunft niemand fragen.

 

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