Nach Niederlage gegen Fury Axel Schulz: „Wladimir war gelähmt vor Angst“

„Wladimir war in einem schlechten Kampf der Noch-Schlechtere“, sagt Axel Schulz. Foto: imago

Rätselraten nach der Sensationspleite von Wladimir Klitschko gegen  Tyson Fury. „Wie ein Kaninchen vor der Schlange“, sagt Axel Schulz exklusiv in der AZ.

 

 

AZ: Herr Schulz, haben Sie, der ja selber 1999 gegen Wladimir Klitschko im Ring stand, eine Erklärung für die Nichtleistung des Mannes, der zehn Jahre das Schwergewicht nach Belieben dominiert hat, gegen Tyson Fury?

Axel Schulz: Ich muss sagen, ich war – und bin es immer noch – ziemlich sprachlos über das, was ich da gesehen habe, und sehen musste. Wladimir tut mir auch unglaublich leid. Mit dem, was er da abgeliefert hat, reißt er sich das Denkmal, das er sich über so viele Jahre aufgebaut hat, wieder ein. Das aber hat er nicht verdient. Und vor allem nicht die Häme. Jetzt kommen all die Klugscheißer daher und sagen, was los war. Das kann aber ausschließlich Wladimir sagen. Er muss sich in sich zurückziehen und analysieren, was da gegen Fury alles schief gelaufen ist.

Klitschko, der Weltmeister, der Größte seiner Ära, hat über zwölf Runden nie in den Kampf gefunden.

So ist es. Da sieht man, welche Macht der Kopf hat. Am Anfang dachte man, das läuft wie immer, er kontrolliert den Kampf und irgendwann wird er vollstrecken. Aber dann kam nichts. Im ganzen Kampf nicht. Wladimir war wie gelähmt vor Angst, wie ein Kaninchen vor der Schlange. Aber der, der ihm da gegenüberstand, war ja keine Klapperschlange, das war eher eine Blindschleiche. Wladimir war in einem schlechten Kampf der Noch-Schlechtere.

Sie halten nicht viel von Fury?

Was soll ich da sagen? Er ist der Weltmeister. Ich hingegen habe alle großen Kämpfe verloren. Aber Fury kann nicht wirklich boxen. Wladimir würde ihn an jedem Tag, an dem er Normalform hat, klar bezwingen. Tyson hat noch nicht mal große Schlagkraft, trotzdem hatte Wladimir von Anfang an Angst. Er war immer einer, der vorsichtig agiert, weil er weiß, dass er nicht über das härteste Kinn verfügt, aber er wurde nicht mal richtig getroffen und hatte trotzdem Furcht.

Ich kann mir das nicht erklären. Das war eine der größten Boxsensationen in Jahren. Aber mir hat gefallen, dass Fury gleich nach dem Kampf sagt: ‘Alles, was jetzt noch kommt, ist Zugabe.’ Genau so ist es. Er ist Weltmeister, hat sein Lebensziel erreicht, wird jetzt in einem Atemzug mit anderen britischen Weltmeistern wie Lennox Lewis genannt. Geil!

Haben Sie Klitschko je so hilflos im Ring gesehen?

Nein. Es tat weh, zuzusehen. Ich habe ja schmerzhaft an meinem eigenen Körper und Kopf erfahren, was er kann. Wladimir schlägt hart, präzise – er war ein perfekter Boxer. Und egal, was jetzt die ganzen Neidhammel sagen, er ist ein großer Champion. Er war Olympiasieger, war ewig Weltmeister. Ich will nicht, dass seine Karriere so endet.

Ich will da keine Vergleiche ziehen, aber ein bisschen erinnert mich dieser Kampf an meinen Comebackversuch gegen Brian Minto, der so vollkommen in die Hosen ging. Mein Kopf hat nicht mitgespielt, bei Wladimir war es auch der Kopf, der das Fiasko bedingt hat. Nur bei mir war das nicht weiter schlimm, ich war nie so ein guter Boxer, ich war Niederlagen gewöhnt. Ich hatte kein boxerisches Denkmal, ich hatte nur Sympathien. Die konnte ich nicht verlieren, aber bei Wladimir steht so viel mehr auf dem Spiel.

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Klitschko hat angekündigt, dass er von seinem Recht, einen Rückkampf zu bestreiten, Gebrauch machen wird.

Wenn er meinen Rat hören wollen würde – den er definitiv nicht braucht –, würde ich sagen: ‘Geh’ in dich, schau, ob du dieses Verlangen noch in dir hast. Vielleicht sagt dein Kopf ja: Lass es sein.’ Aber wenn er es wirklich noch will, sollte er schnell ins Trainingslager, denn dieser Kampf hat ihn nicht viel Substanz gekostet. Er sollte sich vorbereiten, wie er es in seinem Leben noch nie getan hat – und dann noch einmal gegen Fury in den Ring steigen.

Dort muss er durchs Feuer gehen, dann wird er gewinnen. Dann sollte er sich die Gürtel schnappen, sie lange ansehen. Und zurücktreten. Er hat alles erreicht, er braucht niemandem mehr etwas zu beweisen. Aber ich möchte nicht, dass seine Karriere mit diesem Fight zu Ende geht, das wäre ein unwürdiger Abschied für so einen großen Boxer.

Auch aus seiner Ringecke kam nicht viel, sollte er sich einen neuen Trainer holen?

Sein früherer Coach, der große, leider zu früh verstorbene Emanuel Steward hätte ihn sicher anders in dem Kampf wachgerüttelt. Aber das Kuriose ist ja: Wladimir muss ja jetzt gar nicht alles ändern. Wladimir muss einfach nur Wladimir sein. Wenn er wie er selbst kämpft und nicht wie ein Schatten seiner selbst, wird er Fury den Kopf – metaphorisch gesprochen – runterhauen.


Klitschko drei Mal am Boden - Auf den Brettern, die die Boxwelt bedeuten

Wladimir Klitschko drei Mal am Boden: Gegen Puritty, Sanders und Brewster (v.l.).                 Fotos: dpa/AZ

Wladimir Klitschko kennt sie zur Genüge, die Höhen und Tiefen seiner Profession, die so brutal sein kann. Er wurde als neuer Muhammad Ali gefeiert, war der größte Schwergewichtler dieses Jahrtausends. Doch nach der Sensationspleite gegen Tyson Fury ist er wieder am Boden. Dort, wo er bereits drei Mal zuvor war. „Wladimir ist nach jeder Niederlage stärker zurückgekommen“, sagt Bruder Vitali. Ein Überblick.

5. Dezember 1998: Erstmals boxt Wladimir, der 1996 in Atlanta Olympia-Gold geholt hatte, als Profi in seiner Heimatstadt Kiew. Er will gegen Ross Puritty eine besondere Show bieten, führt den Amerikaner zehn Runden lang vor. Doch er verausgabt sich so dermaßen, dass er vor Erschöpfung nur noch durch den Ring torkelt. In der 11. Runde wird der Fight abgebrochen. Klitschko arbeitet danach extrem an seiner Kondition, lernt von Trainer Fritz Sdunek, sich die Kräfte über eine Kampfdauer einzuteilen.

8. März 2003: Klitschko will eigentlich eine längere Ringpause machen, doch sein Promoter Klaus-Peter Kohl überredet ihn, erst noch einen Kampf gegen einen vermeintlichen Fallobst-Gegner zu absolvieren: Corrie Sanders. Der Südafrikaner knockt Klitschko in der zweiten Runde aus. Die Titel sind weg. Wenige Monate später trennt er sich von Trainer Sdunek, sichert sich die Dienste der amerikanischen Trainerlegende Emanuel Steward.

10. April 2004: In Las Vegas geht es gegen Lamon Brewster um die WM. Klitschko dominiert, hat den Ami am Boden, doch in Runde fünf erleidet er einen Kollaps. Es gibt Verschwörungstheorien, das FBI ermittelt, ohne Ergebnisse. „Danach war ich der Fußabstreifer der Boxszene“, sagt Klitschko. Doch er stellt alles in Frage, feuert sein Team, Vitali, der Wladimir zum Karriereende geraten hat, darf nicht mehr ins Trainingslager. Klitschko verändert seinen Stil, meidet das Risiko und wird so zum größten Champion seiner Ära. Jetzt muss er nach der Fury-Pleite beweisen, dass er auch mit 39 in der Lage ist, stärker aus Niederlagen zurückzukommen.

 

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