Nach Hitzlsperger-Outing Münchner Verein "Streetboys": Hier spielen Schwule und Heterosexuelle zusammen

Die Streetboys (in blau) in Action auf dem Feld. Foto: Privat

Nach dem Coming-out von Thomas Hitzlsperger: Bei den Hobbyfußballern der Streetboys München spielen viele Homosexuelle. Was sie Woche für Woche erleben, was sie sagen – der große Report.

 

MÜNCHEN „Schwuchtel, schwule Sau, warmer Bruder, Hinterlader – nennen Sie mir eine Beleidigung, die es über Homosexuelle gibt, ich habe sie alle schon auf dem Platz gehört.“ Das sagt Rainer Schweyer, 1. Vorsitzender der Streetboys München, die als Team München in der C-Klasse spielen. Ein Verein, bei dem hauptsächlich – aber nicht ausschließlich – homosexuelle Fußballer spielen.

Im Februar feiern die Streetboys ihr 20-jähriges Bestehen. Auch der 8. Januar war ein Feiertag. Da hat sich Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger, der Ende 2013 seine aktive Karriere beendet hat, als erster prominenter deutscher Fußballer als homosexuell geoutet. „Natürlich habe ich mich darüber gefreut. Es sagt aber auch einiges aus, dass er diesen Schritt erst nach Karriereende geht“, sagt Schweyer, „ich selber würde keinem aktiven Spieler raten, sich zu outen. Jeder, der diesen Schritt geht, muss mit den Konsequenzen leben. Das ist in der Berufswelt nicht anders. Ich weiß etwa nicht, ob der FC Bayern einen Spieler verpflichten wird, der sich zu seiner Homosexualität bekannt hat.“

Bayern-Star Arjen Robben macht den Schulterschluss mit den Homosexuellen: „Ich denke mir: Es ist etwas ganz Normales. Er ist homosexuell – und? Ich kann auch sagen: Ich bin heterosexuell – was ist der Unterschied? Wir sind alle frei.“ Frei, aber nicht immer frei von Vorurteilen. „Es hat sich viel getan, was die Akzeptanz der Homosexuellen angeht, aber mit den Stammtischen und seinen Parolen werden wir noch lange leben müssen“, sagt Schweyer. Diese Stammtischparolen, sie werden schon mal zu Anfeindungen, zu Fangesängen. „Es ist nicht lange her, dass ich bei einer Partie am Spielfeldrand von ein paar Jugendlichen angepöbelt wurde“, sagt Schweyer, „ein dickes Fell oder schlechte Ohren braucht man schon mal.“

„Das Meiste, was wir auf dem Platz hören, geht beim einen Ohr rein, beim anderen raus. Problematisch wird es, wenn die Leute von draußen einsteigen, das Gefahrenpotenzial kann man oft nicht einschätzen“, sagt Spielertrainer Michael Weinzierl, „wir haben etwa gegen eine Mannschaft gespielt, mit der wir uns die Trainingsanlage teilen, da ging’s hoch her. Das war krass, gerade, weil wir sonst super klar kommen, sie uns nicht nur als Spieler, sondern auch als Menschen kennen.“

Doch es gibt auch die andere Seite. Dann, wenn die Toleranz alle religiösen, kulturellen, ethnischen Grenzen überschreitet etwa. Vor vier Jahren bekam Weinzierl die Anfrage eines türkischen Vereins, ob er zu ihnen wechseln wolle. „Ich habe denen schon gesagt: Ihr wisst schon, dass ich schwul bin? Die Antwort war toll: Das ist für uns kein Problem“, erzählt Weinzierl, „es hat sich viel getan. Als wir angefangen haben, mussten wir ja erst mal alle Klischees widerlegen.“ Das Klischee, dass Schwule Weicheier sind, dass sie nicht kämpfen, laufen, grätschen können. Da wurden die Grenzen der selbstentblödenden Peinlichkeit oft überschritten. Sprüche von Männern in Stöckelschuhen oder Tütü-Röcken machten die Runde.

„Uns wurde sogar angeboten, in einem ZDF-Film mitzuspielen“, sagt Weinzierl, „doch dann hieß es, wir sollten mit Puder und Make-up spielen. Wir fragten nur: Meint ihr das ernst?“ Das taten sie. Die Streetboys bewiesen Stolz – lehnten das Angebot ab. „Wir haben es uns erkämpft, dass man uns als Fußballer ansieht“, sagt Weinzierl. Vorbei die Zeiten der Berührungsängste, in denen Heteros sich nicht zu den Streetboys wagten, abgeschreckt von dumpfen Dusche-und-Seife-Klischees. „Wir haben jetzt vier, fünf Nichtschwule in der Mannschaft“, sagt Weinzierl, „die bringen ihre Freundinnen mit, die anderen ihre Männer und zusammen erleben wir Fußball.“

Davon konnte Weinzierl lange nur träumen. Gegenüber der Familie outete er sich als er 18 Jahre alt war, doch in seinem Fußballverein wusste damals keiner, dass er homosexuell ist. „Man sitzt in der Kabine, die anderen reden von Frauen, machen Witze. Man selber ist still, lacht mit. Hier und da hat man eine Freundin als Alibi angeschleppt.“

Noch härter war es für Schweyer. „Ich habe lange Zeit gebraucht, um mit mir selber klar zukommen. Ich habe meinen Freunden, meiner Familie was vorgemacht. Auf keinem Familienfest hat man sich wohlgefühlt, weil man immer Ausreden erfand, warum die angeblich existierende Freundin verhindert war. Manchmal hat man eine Frau mitgebracht. Die hat man auch belogen, weil sie sich Hoffnungen machte. Irgendwann wollte ich mit der Lüge nicht mehr leben und habe mich geoutet“, sagt Schweyer.

So wie es Hitzlsperger tat. „Ich träume von dem Tag, an dem die sexuelle Orientierung keine Rolle mehr spielt. Jetzt ist es ja so, dass jeder Fußballer, der sich outen würde, nicht mehr als Sportler wahrgenommen, sondern auf seine Sexualität reduziert würde“, so Schweyer, „eines Tages wird die Sexualität hoffentlich für alle wieder privat sein können, weil es einfach normal ist. Egal, welche Orientierung man hat.“

 

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