Nach André Hellers Erzählung Starke Gefühle: Neuer Film mit Karl Markovics

Karl Markovics spielt nun einen Vater, dessen Sohn sich in eine Zukunft als Varieté-Impressario hineinfantasiert. Foto: BrauerPhotos (c) M.Neugebauer

Karl Markovics spielt in "Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein" einen zynischen Tyrannen, dessen Doppelleben entlarvt wird.

 

Kindheitserinnerungen sind so eine Sache: Psychologen erzählen uns, dass das Meiste unsere Rückprojektionen aufgrund von Erzählungen und Bildern sind. Noch wilder wird es, wenn man André Hellers Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst ein Kind zu sein“ nimmt, denn hier gibt schon Heller selbst zu, dass zur erinnerten Wirklichkeit noch literarische Fantasie kommt. Und wenn diese poetischen Szenen wiederum zu einem Film werden, ist diese Geschichte wirklich frei erzählt.

Regisseur Rupert Henning hat den Film zweigeteilt

Die Hauptfigur ist der 12-jährige Paul, der mit Valentin Haag mindestens so gut besezt ist, wie Julius Weckauf als junger Hape Kerkeling in "Der Junge muss an die frische Luft". Auch hier werden Kindheitserinnerungen zum Zeit- und Milieuspiegel: Dort das nette Kleinbürgertum des Ruhrpotts, hier das Aufwachsen in einer Schokoladen-Industriellendynastie im schillernden Wiener Großbürgertum.

Regisseur Rupert Henning hat den Film zweigeteilt: bis zum Tod des Vaters, den Karl Markovics als zynischen Tyrannen spielt, der seine Frau (Sabine Timoteo) tödlich verachtet, so dass sie und Sohn Paul seinen Tod ersehen. Der tritt dann auch nach einer hohen Dosis Opiate im Familienschloss ein, wobei sich durch aufgefundene Fotos und Filmchen das Doppelleben des Patriarchen entlarvt.

Bis dahin haben wir auch das streng-barocke Jesuiteninternat, wohin Paul gesteckt wurde, als kalte Hölle erlebt, und auch die Mutter sich in Drogen flüchten sehen, sowie Hinweise bekommen, dass der Familienkatholizismus eine Überkompensation der jüdischen Entwurzelung und der Holocaust-Erfahrung ist.

Sohn entdeckt seine erste Liebe

In der zweiten, vaterfreien Hälfte taut das Leben auf, und Paul entdeckt seine erste Liebe zu einem Mädchen. Er wird sie aus schwerer Krankheit retten mit seinem Kindheitsbuch, in dem er seine fantasievollen Zukunftsvisionen erzählt und skizziert hat: ein schöner fellinesker Vorgriff auf André Hellers später wahr gewordene Varieté-Träume. Das einzige Problem dieses opulenten, schön stilisierten Films ist, dass sich Regisseur Hennig zu keiner echten Dramaturgie oder einem Schwerpunkt gefunden hat. So ist „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ eher ein langer Bilder- und Episoden-Bogen als eine Filmerzählung.

 

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