Nach 30 Jahren ist Schluss Schwabing: Schon wieder schließt ein Traditionsgeschäft in München

Claudia Martin vor der "Apotheke am Luitpoldpark", in der sie 30 Jahre lang Kunden betreut hat. Foto: Bernd Wackerbauer

Den Schwabingern geht ein Herzensladen verloren: Claudia Martin muss ihre Apotheke schließen - am 22. Dezember ist nach 30 Jahren Schluss.

 

Schwabing - "Eigentlich bin ich für den Beruf geboren. Aber so wie die Lage inzwischen ist, macht es mir keine Freude mehr", sagt Claudia Martin traurig. Sie ist mitgenommen in diesen Tagen, am 22. Dezember macht sie ihre "Apotheke am Luitpoldpark" an der Schleißheimer Straße 189 für immer zu.

Für das Viertel geht damit eine Institution verloren. Zwar wird man dank umliegender Apotheken nicht in den medizinischen Notstand gleiten, doch vielen hier ist eben Claudia Martin seit langem ans Herz gewachsen. Sie arbeitet seit 30 Jahren in der Apotheke, seit zwölf Jahren ist sie Inhaberin – und zunehmend mit den damit verbundenen Schwierigkeiten konfrontiert.

Claudia Martin muss "zentimeterdicke Papierstapel ausfüllen"

Es sind berufspolitische Gründe, aus denen sie ihren Betrieb einstellt. So bereitet ihr die letztes Jahr in Kraft getretene Datenschutzverordnung Kopfschmerzen. "Eine Salbe anzurühren dauert eigentlich fünf Minuten. Ich habe das früher schnell für meine Kunden gemacht, während sie bei mir im Laden gewartet haben. Jetzt muss ich zentimeterdicke Papierstapel ausfüllen", klagt sie.

Durch die wachsende Bürokratie hat sie immer weniger Zeit für das, was ihren Beruf immer so schön gemacht hat und wofür sie bei den Anwohnern so beliebt ist – das Gespräch mit den Kunden, die persönlichen netten Worte. "Ich kenne manche Kunden schon, seit sie Babys waren, und ihre Eltern und Großeltern auch", erzählt sie.

In Krankheit und Gesundheit, Leben und Tod hat sie so manche Familie begleitet. Es ist aber nicht nur der umständliche Papierwust, der sie zu ihrer Entscheidung bewegt. Durch die Konkurrenz aus dem Internet lässt sich mit frei verkäuflichen Medikamenten immer weniger erwirtschaften. Und die Vergütung für verschreibungspflichtige Arzneien reicht nicht aus, um steigende Kosten zu decken.

Claudia Martin: Neue Kassensoftware zu teuer

Drei Prozent darf sie höchstens auf den Einkaufspreis draufschlagen, plus einer Pauschale von rund sechs Euro pro Packung. "Mit Fixkosten und steigenden Lohntarifen muss ich schon sehr viel verkaufen, um überhaupt meine Kosten zu decken", sagt die 59-Jährige.

Eine neue Kassensoftware, die sie ab nächstem Jahr einführen müsste, würde wieder mehr kosten. Einige ihrer treuesten Kunden hat Claudia Martin schon persönlich angerufen und traurige Reaktionen bekommen. "Ein schwerkranker Patient hat sogar angefangen zu weinen", berichtet sie.

Wahnsinnig traurig sei es einfach. Auch Claudia Martin bedrückt der Abschied von ihren Kunden, leicht hat sie sich die Entscheidung nicht gemacht. Fünf Jahre hat sie mit sich gerungen. Als ihre Mutter 2013 starb, konnte Claudia Martin wegen Personalenge in den letzten Lebenstagen nicht aus dem Laden weg.

Claudia Martin: Erst einmal erholen 

Gerade so fand sie eine Vertretung, um wenigstens zur Beerdigung fahren zu können. Denn eine Dienstbefreiung außer der Reihe muss sie bei der Kammer mit Vorlauf beantragen, ansonsten hätte sie Bußgelder befürchtet. "Seit damals habe ich zu zweifeln begonnen, wie lange das wohl noch geht", berichtet sie.

Jetzt ist der Entschluss gefasst: Claudia Martin kann nicht mehr. Eine Nachfolge hat sie nicht gefunden. Am 22. Dezember ist Schluss, bald danach beginnt das neue Jahr. Was will sie dann machen? "Ich muss mich erst einmal von dieser belastenden Zeit erholen", sagt sie.

Danach könne sie sich vorstellen, als Vertretung zu arbeiten. Dann entlastet sie andere Apotheker, die mit Notdiensten zum Teil auf 85-Stunden-Wochen kommen.

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