Nach 25 Jahren wieder da Der neue "König der Löwen": Modern reaktionär

"Das alles wird einmal Dir gehören": König Mufasa zeigt seinem kleinen Prinzen Simba vom hohen Felsen aus das Königreich. Foto: Disney Enterprises WDS

Jetzt faszinierend echt, dabei brav werkgetreu und genau dadurch letztlich enttäuschend: "Der König der Löwen" nach 25 Jahren neu und fotorealistisch im Kino.

 

Heute kaum vorstellbar: Als 2001 die noch unabhängigen Dreamworks Studios den Animationsplatzhirsch Disney ärgern wollten, schufen sie "Shrek". Der war so aufregend computeranimiert, dass schon damals die Grenze zwischen Animations- und Spielfilm zu verwischen drohte.

Und Produzent Jeffrey Katzenberg erzählte auf dem Festival in Cannes, man hätte auf noch ausgefeilteren Realismus verzichtet, weil man den Zuschauer nicht verstören wollte. Mittlerweile hat Disney begonnen, seine klassischen Animationserfolge entweder gleich real zu verfilmen – "Aladdin" ist zur Zeit im Kino – oder noch einmal neu mit heutiger Technik aus der zeichenebene zu heben und digital zu reanimieren, was schon im "Dschungelbuch" von 2016 einzelhaarsträubend echt gelang.

Und jetzt, 25 Jahre nach dem Zeichentrickerfolg von "Der König der Löwen", ist alles so perfektioniert, dass man an einen modernen "Serengeti darf nicht sterben"-Film glauben will, auch wenn Löwe, Affe, Hyäne, Warzenschwein und Erdmännchen in ihrer pittoresken Savanne menschlich sprechen und durch den Computer gejagt sind.

Favreau dreht das Werk von Allers und Minkoff brav eins zu eins nach

So stellt sich vor allem die Frage: Was macht das mit der Geschichte von Simba, dem anfangs kleinen Löwen, der sich unschuldig schuldig fühlt am Tod seines geliebten Königsvaters?

Simba geht ins Exil, findet in der Ferne Asyl und Freunde, um dann als junger Erwachsener triumphal zurückzukehren und seinen brutal-intriganten Onkel und Macht-Usurpator zu besiegen und den Tier-Thron zu besteigen.

Beruhigenderweise könnte man sagen: Regisseur Jon Favreau ist gar kein Regisseur. Denn von Winzigkeiten abgesehen, wie die feige gestrichene faschistoide Hyänen-Marschszene, die von Leni Riefenstahls "Triumph des Willens" abgeschaut war, hat Favreau einfach brav das Werk von Roger Allers und Rob Minkoff eins zu eins nachgedreht.

Damit ist man schon bei einem Problem von "Der König der Löwen – 2019": Kann man das vergangene Vierteljahrhundert einfach ignorieren? Denn unser Blick auf Afrika hat sich verändert als Kontinent, den wir klimakatastophal verwüsten, was weiter Flüchtlinge zu uns treibt.

Gesellschaftliche Debatten ausgeblendet?

Natürlich muss ein Disney-Film, der global niemanden erschrecken will, so etwas nicht groß thematisieren. Aber aus aktueller Verantwortung nicht wenigstens ein bisschen? Oder: Selbst wenn man von der MeToo-Debatte und Gender Studies genervt ist: Das Bild der Frau in diesem Film als treue Gefährtin des herrschenden Mannes ist heute noch irritierender.

Vielleicht hätte man im Disney-Konzern eben doch den Mut haben müssen, den bisher erfolgreichsten Zeichentrickfilm inhaltlich doch etwas zu überarbeiten. Das hat man dafür jetzt digitaltechnisch radikal-perfekt gemacht: von der cartoon-artigen Zeichnung zur fotorealistischen Tier-Animation.

Aber bei aller Bewunderung für die frappierende Echtheit, es geht etwas Großes verloren: Je echter die Tiere, desto weniger kann man sie amüsant überzeichnen: Pumbaa kann als echtes Warzenschein eben nicht so heulen, wenn die Jugendfreundschaft mit Simba wegen seiner ersten Liebe zu enden droht, dass die Tränen nur so spritzen.

Dynastisch-dikatorisches Staatsprinzip wird gefeiert

Oder Timon, kann eben als Real-Erdmännchen eben nicht schelmisch von einem Ohr zum anderen grinsen. Cartoon-hafter Zeichentrickwitz muss zu Gunsten von Fotorealismus aufgegeben werden. Ein unverzeihlicher Verlust, den der Schaueffekt der "Echtheit" nicht ersetzen kann.

Auch wenn der Löwenkampf zwischen Simba und seinem bösen Onkel Scar atemberaubend bis in die letzte Muskelfaser ist. Mit dem Fotorealismus kommt noch ein weiteres Problem: Tiere zu vermenschlichen, ist ein fabelhafter Witz des Animationsfilms. Aber "echten" Tieren nimmt man Menschliches und Sprechen weniger ab. Wenn man also nach anderthalb Jahrzehnten dem "König der Löwen" wiederbegegnet, ist das auch befremdend.

Lustig aber ist, wie Zeitgeschichtsbilder neue Assoziationen hervorbringen: Wenn im Königreich der Tiere stolz der Nachwuchs dem servil begeisterten Volk präsentiert wird, denkt man auch an Michael Jackson mit seinem Baby auf dem Balkon des Bayerischen Hofs oder an die Windsors.

Und da kommt einem noch ein Gedanke: Ist es nicht merkwürdig, dass in diesem Film immer noch ein dynastisch-dikatorisches Staatsprinzip gefeiert wird? Aber der Wunsch nach dem starken Mann oder guten König ist ja gespenstischerweise ungebrochen populär.
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Kino: Cadillac, Solln, Leopold und Cinemaxx (auch 3D) sowie Arri, Gloria (3D und OV) und Cinema (OV, auch 3D) R: Jon Favreau (USA, 118 Min.)

 

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