MVV-Chef im Interview „Dann sind wir die Deppen der Nation“

„Mein Adrenalin steigt, wenn es keine Einigung bei den Finanzen gibt“: MVV-Chef Alexander Freitag im Klartext-Interview mit der AZ. Foto: Daniel von Loeper

 Der MVV-Chef über die Debatte um die Zweite Stammstrecke, seinen Ärger als Kunde und Handy-Zukunftspläne.

AZ: Herr Freitag, Sie leben auf dem Lechfeld. Hand aufs Herz: Wie oft nutzen Sie den MVV?

ALEXANDER FREITAG: Ganz ehrlich - täglich, ich fahre mit dem Zug herein. Vier, fünfmal im Jahr komme ich mit dem Auto, aber da ist die Fahrzeit unkalkulierbar.

Dann erleben Sie auch den Dauerärger der Kunden, wenn zum Beispiel im Winter die S-Bahn nicht kommt.

Dann ärgere ich mich genauso wie die anderen Fahrgäste. Oft nur etwas sanfter, weil ich die Hintergründe kenne. Aber ich ärger mich auch, wenn die Durchsagen nicht kommen.

Werden Sie dann auch schon mal als MVV-Chef erkannt?

(lacht und zeigt auf den MVV-Anstecker am Revers): Dieses Logo habe ich auch aus Selbstschutz nicht immer dran.

Worüber ärgern Sie sich als Kunde selbst am meisten?

Wenn eine Störung kommt, und die den Fahrgästen nicht erklärt wird. Ich hoffe, dass wir da künftig über Telematik und Handy bessere Informations-Bedingungen haben.

Woran denken Sie da?

Wir testen in einem Pilotversuch ein neues System. Dabei melden die Kunden online eine Störung. Um Missbrauch einzudämmen, warten wir weitere Meldungen ab und orten den Standort. So kann niemand vom Marienplatz eine Störung in Starnberg melden.

Gehört dem Handy beim MVV die Zukunft?

Ja, wir müssen den Menschen den Zugang zum System so einfach wie möglich machen. Zum Beispiel, dass sie mit dem Handy online eine Fahrkarte bezahlen können. Daran arbeiten wir.

Als MVV sind Sie der Prügelknabe für alles: Für verspätete S-Bahnen, überfüllte U-Bahnen...

Das gefällt mir – ich bin aber kein Masochist.

Sondern?

Mir ist es wichtig, das wir im Guten wie im Schlechten als ein System erkannt werden: MVV. Denn was dahinter alles mit S-Bahn, U-Bahn, Bus und Tram der MVG und den 40 Busunternehmen in der Region verborgen ist, könnte ein Fahrgast nur schwer begreifen. Er muss es auch nicht wissen.

Bei allem Ärger steigen die Kundenzahlen des MVV. Gibt es im Jubiläumsjahr wieder neue Rekorde?

Ja! Voriges Jahr stieg die Zahl der Fahrgäste um 1,9 Prozent auf 645 Millionen. Das waren rund 13 Millionen mehr. Die Einnahmen liegen bei 700 Millionen Euro. Wir haben das beste und dichteste System in Deutschland, das bestätigt auch der ADAC. Die Bürger stimmen mit der Fahrkarte ab. Und mit uns kommen sie in München zuverlässiger ans Ziel als mit dem Auto.

Wenn die S-Bahn kommt. Aber S-Bahn und U-Bahn stoßen schon an ihre Grenzen.Hätte da nicht eine zweite Stammstrecke schon früher angepackt werden müssen?

Das ist klar ein Fehler. Das liegt aber auch an der schwierigen Zuständigkeitslage. Neben Bund und Land waren das abwechselnde Zuständigkeiten bei der Bahn. Dazwischen kam noch die Privatisierung der Bundesbahn. Da hat man es leider nicht geschafft, zu einer Einigung zu kommen.

Jetzt droht das Milliardenprojekt an der Finanzierung zu scheitern.

Die Finanzierung ist immer die Gretchenfrage. Aber deswegen kann man das Projekt nicht beerdigen. Wenn wir nicht bauen, dann sind wir die Deppen der Nation.

Ein starkes Wort.

Hier im Großraum München spielt doch die Musik, hier muss etwas geschehen. Es wäre doch hanebüchen, wenn wir uns vor dem Hintergrund der steigenden Einwohnerzahlen, des Umweltgedankens und der Mobilität von diesem Projekt verabschieden. Ohne die zweite Stammstrecke können wir sofort unsere künftigen Umweltziele vergessen.

Es gibt auch Widerstände gegen die zweite Röhre.

Vor 40 Jahren stand München schon einmal vor dem gleichen Problem. Da hieß es auch: Zu teuer, das brauchen wir nicht, es reicht aus Kostengründen eine Unterpflaster-Straßenbahn. Die heutige Stammstrecke ist der klassische Beweis dafür, dass man damals mutig war und die große Lösung gewählt hat. Ich kann die Sorgen der Menschen in Haidhausen verstehen. Aber bei einem Südring müssten Grundstücke enteignet werden. Dann wird der Widerstand noch größer.

Sie sagen das so ruhig daher und wirken sehr tiefenentspannt.

Wenn Sie in meinem Job zu aufgeregt sind, können Sie ihn nicht lange machen. Emotionen bekomme ich, wenn ich an die Zukunft denke.

Wann ist das?

Mein Adrenalin steigt, wenn es keine Einigung bei den Finanzen gibt – nicht nur bei Neuinvestitionen, sondern auch für Erhaltungsmaßnahmen oder Zuschüsse für die Fahrleistung. Ergänzende Maßnahmen beim Bahnausbau, die als Plan B bezeichnet werden, begrüße ich.

Die Kunden begreifen den Unterschied zwischen MVG – der Münchner Verkehrsgesellschaft, früher Verkehrsbetriebe der Stadtwerke – und dem MVV nicht. Nervt Sie das auch?

Ja, das ist manchmal nervig. Aber MVG-Chef Herbert König mit seinem großen Unternehmen und Verantwortung für einen Millionen-Etat grenzt sich damit auch von der S-Bahn ab, damit Stärken und Schwächen der einzelnen Verbundpartner besser erkennbar werden. Die Mitarbeiter der MVG und ihr Chef machen aber eine gute Arbeit und sind für das MVV-Verkehrssystem unverzichtbar.

Ein gutes Angebot hat seinen Preis. Wann kommt die nächste Fahrpreiserhöhung?

Im Herbst wird die Gesellschafterversammlung entscheiden, die Erhöhung kommt dann zum Fahrplanwechsel im Dezember.

Das ist jedes Jahr so sicher wie das Amen in der Kirche.

Wir haben uns vor Jahren entschieden, dass wir jedes Jahr moderat erhöhen, um nicht alle paar Jahre gewaltig hinlangen zu müssen.

Um wieviel?

Wir kennen noch nicht die Forderungen der Unternehmen wie S-Bahn und MVG.

Der MVV ist in den 40 Jahren stetig gewachsen. Wird der MVV mit der wachsenden Region größer?

Darüber wird nachgedacht. In der europäischen Metropolregion München gehen die Verkehrsströme schon über den MVV-Raum hinaus. Interesse kommt bisher aus Landsberg, Landshut, für drei Buslinien im Landkreis Kehlheim und vorsichtig aus Rosenheim. Im Sommer werden wir dazu einen Bericht vorlegen und uns dem Thema systematisch widmen. Für mich ist das eine der großen strategischen Entscheidungen.

 

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