Mutmaßlicher Mörder schweigt Mutter und Tochter seit Monaten vermisst: Doppelmord ohne Leichen

Seit Juli 2019 vermisst: Maria Gertsuski (links) und ihre Tocher Tatiana. Foto: Polizei München

Die Staatsanwaltschaft bereitet die Anklage vor. Der mutmaßliche Mörder von Maria Gertsuski und ihrer Tochter Tatiana schweigt. Im Sommer steht ein aufwendiger Indizienprozess bevor.

 

München - Maria Gertsuski und ihre Tochter Tatiana werden inzwischen seit gut einem halben Jahr vermisst. Es gibt nicht das geringste Lebenszeichen von ihnen. Der Ehemann von Maria Gertsuski und Stiefvater des Mädchens sitzt in Untersuchungshaft und wartet auf seinen Prozess vor dem Münchner Schwurgericht. Roman H. (45) soll Maria Gertsuski und ihre Tochter Tatiana getötet haben.

Die Mordkommission hat über Monate hinweg alle Spuren und Indizien sorgfältig zusammengetragen. Über 100 Zeugen wurden befragt. Die Fallakte mit allen Aussagen, kriminaltechnischen und psychiatrischen Gutachten umfasst bereits mehr als tausend Seiten.

Tatverdächtiger könnte bald angeklagt werden

Die kompletten Unterlagen gingen dieser Tage an die Staatsanwaltschaft München I. "Die Ermittlungen gehen natürlich trotzdem noch weiter", erklärt Oberstaatsanwalt Florian Weinzierl auf Anfrage der AZ. "Wir prüfen, ob weitere Nachermittlungen erforderlich sind. Dann fällt die Entscheidung, ob die Verdachtsmomente für eine Anklage ausreichen."

Das wird voraussichtlich noch mehrere Wochen in Anspruch nehmen. Dann wird die Staatsanwaltschaft eine Anklage formulieren. Der Haftbefehl gegen Roman H. lautet auf Totschlag in Tateinheit mit Mord. Er soll seine Frau im Streit erschlagen und anschließend seine Stieftochter Tatiana ermordet haben, um das Verbrechen an der Mutter zu vertuschen.

Alles läuft auf einen schwierigen Indizienprozess hinaus. Im Sommer könnte er vor dem Schwurgericht beginnen. Bis dahin halten sich Polizei und Staatsanwaltschaft mit Informationen zurück. Man wolle eine Verurteilung nicht gefährden, heißt es. Roman H. sitzt seit Sommer 2019 in Untersuchungshaft. "Er schweigt und macht keine Angaben", sagt Oberstaatsanwalt Florian Weinzierl. Das ist das Recht eines jeden Beschuldigten und darf ihm im Prozess nicht zum Nachteil ausgelegt werden.

Zwei Teppiche mit dem Blut der Opfer gefunden

Bis zum heutigen Tag sind die Leichen von Mutter und Tochter nicht gefunden worden – trotz einer der größten Suchaktionen, die die Münchner Polizei je unternommen hat. Über 650 Beamte durchkämmten im Juli und im August vorigen Jahres bei brütender Hitze immer wieder den Truderinger Forst. Ein Hubschrauber unterstützte die Kräfte am Boden, Taucher suchten den Grund einer Kiesgrube ab, Leichenspürhunde waren im Einsatz. Selbst den Hinweisen eines Wahrsagers, der sich bei K11 gemeldet hatte, gingen die Ermittler nach. Zuletzt durchsuchten Polizisten Anfang Januar 2020 ein Waldstück im Bereich Olching. "Es gab vage Hinweise, denen wir aber unbedingt nachgehen wollten", sagt Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins.

Im Truderinger Forst wurden im Sommer 2019 zwei der zentralen Beweisstücke gefunden: eine Fußmatte und ein Teppich. Beide lagen in einem Gebüsch abseits eines Waldweges nördlich der Putzbrunner Straße. Rechtsmediziner konnten daran Blut von beiden Opfern nachweisen. Den Ermittlern gelang es zudem, zu beweisen, dass Teppich und Matte aus der Wohnung der Familie stammten. Roman H. sagt nichts dazu, wie die Teppiche in den Wald kamen und wieso sie voller Blut sind. Das Waldstück liegt nur etwa zehn Minuten mit dem Auto von der Neubausiedlung in der Ottobrunner Straße entfernt, in die die Familie 2018 eingezogen war.

"Der Schluss, dass die beiden Frauen tot sind, ist zwingend, so traurig das ist", sagt der Leiter der Münchner Mordkommission, Josef Wimmer.

Widersprüchliche Angaben bei den Vermisstenmeldungen

Am 15. Juli war der verdächtige Roman H. selbst zur Polizei gegangen und hatte seine Frau Maria (41) und seine Stieftochter Tatiana (16) als vermisst gemeldet. Sie seien zwei Tage zuvor ins Einkaufszentrum nach Neuperlach zum Shoppen gefahren und nicht mehr nach Hause gekommen. Gesehen wurden Mutter und Tochter im PEP nicht.

Zweifel an der Version des inzwischen 45 Jahre alten Logistikers gab es von Anfang an. Bei den Vermisstenmeldungen habe es "erhebliche Lücken und Widersprüche" gegeben, sagt Polizeipressesprecher Marcus da Gloria Martins. Die Mordkommission vermutet, dass Mutter und Tochter beiden bereits in der Nacht auf den 13. Juli getötet und die Leichen beseitigt wurden. Der Verdacht erhärtete sich, nachdem Experten der Spurensicherung die Wohnung und die beiden Autos der Familie untersucht hatten.

Maria und Tatiana Gertsuski: Seit Juli 2019 verschwunden

20 Männer und Frauen der Ermittlungsgruppe "Duo" durchleuchteten in den vergangenen Monaten systematisch das Leben und das Umfeld der Familie. Verwandte und Freunde wurden befragt, auch Kollegen von Maria Gertsuski, die in einer Firma für Chemie- und Laborbedarf im Kundendienst arbeitete.

Die 41-Jährige galt als sehr zuverlässig. Täglich telefonierte sie mit ihrem Vater, der in Moskau lebt. Tochter Tatiana ging in München zur Schule. Auch sie hat sich seit Juli nicht mehr bei Freunden gemeldet. Die Handys von Mutter und Tochter sind aus und wurden seit Monaten nicht mehr benutzt. Die Mutter hat seit ihrem Verschwinden auch kein Geld mehr vom Konto abgehoben. All das zusammen lässt vermuten, dass die beiden nicht spontan zu einer Reise aufgebrochen sind.

Maria Gertsuski war vor etwa 20 Jahren mit ihrem ersten Mann aus Russland nach München gekommen. Nachdem die Ehe mit Tatianas Vater auseinandergegangen war, lernte sie Roman H. kennen, einen Deutschrussen aus Sankt Petersburg. Das Paar heiratete und zog in eine Wohnung in der Ottobrunner Straße. Genau dort, so glauben die Ermittler, wurden die Mutter und ihre Tochter im Juli 2019 getötet.

Staatsanwaltschaft will Tatverdächtigen vor Gericht bringen

Mordkommission und Staatsanwaltschaft sind überzeugt, dass sie genug zusammengetragen haben, um Roman H. die Tat mit Hilfe von Zeugenaussagen vor Gericht nachweisen zu können. Ihm droht dann eine lebenslange Haftstrafe.

Vielleicht entschließt sich der 45-Jährige vor Gericht zu einem Geständnis und verrät dann auch, wo er die Leichen seiner Frau und seiner Stieftochter hingebracht hat.

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