Musikalische Jahrestage Ein Mann mit Schatten

Richard Strauss beim Komponieren im Arbeitszimmer seine Villa in Garmisch. Foto: Archiv/dpa

Am 11. Juni 1864 wurde er in München geboren, aber Richard Strauss war hier lange unbeliebt. Was macht ihn bedeutsam, was umstritten?

 

Das Wagner-Jahr ist vorbei und schon feiern wir den nächsten musikalischen Richard: Vor 150 Jahren wurde Richard Strauss geboren. "Richard I. ist Wagner, einen Richard II. gibt's nicht. Also ist Strauss Richard III", sagte der Dirigent Hans von Bülow. Ein Gespräch mit Hartmut Schick, dem Ordinarius für Musikwissenschaft an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität und Leiter der Kritischen Ausgabe der Werke von Richard Strauss.

AZ: Herr Schick, Strauss ist und bleibt umstritten - unter Musikliebhabern wie Wissenschaftlern. Woran liegt das?

HARTMUT SCHICK: Da sind zwei Punkte: Einmal seine widersprüchliche Rolle während der NS-Zeit. Strauss hat sich als Präsident der Reichsmusikkammer einspannen lassen und dachte in seiner Naivität, er könne so seine musikpolitischen Vorstellungen durchsetzen. Da unterscheidet sich Strauss von moralisch unanfechtbaren Komponisten wie Bela Bartok.

Und der zweite Punkt?

Strauss gehörte zu den Vorkämpfern der musikalischen Moderne - wie Mahler, und vielleicht noch mehr als dieser. Nach "Elektra", heisst es, habe er Verrat am musikalischen Fortschritt begangen und sich mit Blick aufs Publikum einem leichter konsumierbaren spätromantischen Stil verschrieben. Dergleiche ist etwa bei Adorno nachzulesen.

Ist der Vorwurf haltbar?

Wenn man nur danach fragt, wie dissonant Werke sind, mag es stimmen. In "Elektra" ist ein Maximum an Dissonanz erreicht. Die späteren Werke sind gewiss harmonisch gefälliger. Aber der heitere "Rosenkavalier" lässt sich nicht vertonen wie eine schwarze antike Tragödie. Ich finde, er hat nur seine Palette erweitert.

Sehr erfolgreich sind die Spätwerke ab 1920 beim Publikum nicht gerade.

Insofern stimmt auch der Vorwurf nicht, Strauss habe sich aus kommerziellen Gründen von der Moderne abgewandt. Werke wie die "Ägyptische Helena" oder "Die Liebe der Danae" sind hochkompliziert, selbst die "Frau ohne Schatten" ist ja nicht jedermanns Geschmack.

Das bekannteste Stück von Strauss ist die Fanfare des Anfangs von "Also sprach Zarathustra". Wieviel hat diese Tondichtung mit Friedrich Nietzsches Buch zu tun?

Strauss hat sich von bestimmten Begriffen wie "Schauen", "Anbetung" und "Sehnsucht" inspirieren lassen - das kann man an den Skizzen sehen. Erst in der letzten Phase der Komposition tauchen Kapitelüberschriften aus Nietzsches Buch auf. Es ist nicht so, dass das nicht passen würde, aber für die Entstehung des Werks hat Nietzsche eine geringere Rolle gespielt, als der Titel des Stücks suggeriert. Zentrale Aspekte wie der Spott über die Religion, die Kritiker und das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft tauchen auch in anderen Werken von Strauss auf.

Wie war Strauss als Mensch?

Er hat sich kaum jemandem geöffnet und nur wenige an sich herangelassen. Gustav Mahler hat ihn deshalb als unkünstlerische Person wahrgenommen. Strauss war zutiefst diesseitig, ohne Interesse an Transzendentem, wie es bei Mahler immer wieder durchschlägt. Er war sehr realitätsnah, auch wenn es um die Durchsetzung von Urheberrechten für Komponisten gehört. Er war einer der Gründungsväter der GEMA.

Warum wurden fast alle Opern von Strauss in Dresden uraufgeführt - und nicht in seiner Heimatstadt München?

Strauss hat es der Stadt übelgenommen, dass er nicht Hofkapellmeister und Generalmusikdirektor wurde. Das hat damit zu tun, dass sein Vater als Hornist im Orchester gespielt hat - Eigengewächse haben es immer schwer. Deshalb ging er nach Berlin und später nach Wien. Das sehr konservative Münchner Publikum mochte seine ersten Tondichtungen nicht. Strauss hat sich dafür in der satirischen Oper "Feuersnot" gerächt.

Sie leiten die Kritische Ausgabe der Werke von Richard Strauss. Wozu ist die nötig?

Bis heute spielen Orchester und Opernhäuser aus dem Material, das zu Lebzeiten des Komponisten gedruckt wurde. Es enthält viele Fehler. Wir sind die ersten, die sich die Mühe machen, den Weg von der Handschrift des Komponisten bis zur ersten gedruckten Partitur und den weiteren Auflagen verfolgen, die noch unter den Augen von Strauss erschienen sind.

Haben Sie ein Lieblingswerk von Richard Strauss?

In letzter Zeit die Oper "Capriccio" - eine intelligente Diskussion über die Gattung auf der Bühne, in der Strauss noch einmal den ganzen Zauber seiner Instrumentationskunst wirken liess. Ein wenig gruselt einem bei diesem Werk immer, weil es 1942 mitten im Krieg in München uraufgeführt wird. Aber es verweigert sich der ideologischen Indienstnahme und jeder Deutschtümelei. "Capriccio" spielt in einem französischen Schloss - diese Oper vertritt einen künstlerischen Internationalismus, den die Nazis Strauss damals vorwarfen.

 

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