Musik und Nachhaltigkeit Münchens Orchester und der Klimawandel

Der Dirigent Alan Gilbert demonstriert mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester auf dem Dach der Elbphilharmonie gegen den Klimawandel und wirbt gleichzeitig für ein Konzertprojekt. Foto: Peter Hundert Photography/NDR

Wie sich die großen Orchester in München und anderswo mit dem Klimawandel auseinandersetzen.

 

Die Band Massive Attack will künftig Konzerte wissenschaftlich auswerten, um klimafreundlicher zu werden. Coldplay will sogar erst wieder auf Tournee gehen, wenn dies klimaneutral möglich sei. Eine starke Ansage für Stadionrocker, die zuletzt 122 Konzerte auf fünf Kontinenten gaben, drei Bühnen auf 32 Trucks durch die Gegend schickten und Einweg-LED-Bändchen an die Zuschauer verteilten.

Nicht nur Pop-Bands, auch Klassik-Orchester bereisen gerne die Welt. Gastspiele in der New Yorker Carnegie Hall gelten als Karriere-Höhepunkte und werbeträchtiger Qualitätsbeweis. Reisen sind unter Musikern ein Statussymbol, auf das nur wenige verzichten wollen – wie etwa das Symphonieorchester der schwedischen Stadt Helsingborg, das im Frühjahr verkündete, nur noch per Schiff oder Bahn auf Tournee gehen zu wollen. Spötter meinten damals, die internationale Nachfrage nach den Gastspielen dieses Orchesters würde sich allerdings in Grenzen halten.

Globaler Orchesterwettbewerb

Dass sich das Klimathema auch für das Marketing eignet, bewies Anfang November das NDR Elbphilharmonie Orchester. Die Musiker demonstrierten mit Transparenten auf dem Dach des Hamburger Konzertsaals – allerdings mehr für den Fotografen, um für ein Konzert zu werben, bei dem Vivaldis "Vier Jahreszeiten" mit Hilfe eines Wetter-Algorithmus verfremdet wurde. Dass der in Stockholm lebende Chefdirigent Alan Gilbert, womöglich öfter zwischen Schweden und Hamburg hin- und herfliegt, um in sein Orchester in der Elbphilharmonie und bei Gastspielen zu dirigieren, war in diesem Zusammenhang allerdings kein Thema.

Auch die Manager und Musiker der Münchner Klangkörper beschäftigen sich mit der Frage, wie sich der globale Wettbewerb der Konzertorchester und eine klimawirksame Nachhaltigkeit in Einklang bringen lässt. Das kleinste der weltweit agierenden Orchester dieser Stadt, das Münchener Kammerorchester, hat seine laufende Saison mit dem Motto "Wärme" überschrieben und lädt im Begleitprogramm zu Diskussionen ein, die sich mit dem Klimawandel auseinandersetzen.

Ihr Geschäftsführer Florian Ganslmeier warnt davor, bei der Klima-Debatte das Kind mit dem Bade auszuschütten. Es wäre Unsinn, ausländische Musiker vom Probespiel auf Stellen im Orchester auszuschließen, nur weil sie dafür nach München fliegen müssten. "Musik lebt vom internationalen Austausch", sagt er und verweist auf ein Gastspiel seines Orchesters in Nordkorea, das in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut von Meisterkursen für lokale Musiker begleitet wurde.

Nachhaltigkeit durch Jugendarbeit

Ganslmeier hält allerdings wenig davon, die Reichen und Schönen irgendwo in Südamerika mit Klassik zu bespaßen: "Die Zukunft gehört der Nachhaltigkeit" – also Konzerten, die mit Jugendprojekten begleitet werden und bei denen ein Austausch stattfindet. Ähnliches hört man auch bei den Münchner Philharmonikern, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, deren Musiker auch bisher bereits bei Gastspielen in Asien Schulen besuchten und lokale Musiker unterrichteten.

Auch an der Bayerischen Staatsoper, die im Februar in Hongkong gastiert, macht man sich seit geraumer Zeit Gedanken über Nachhaltigkeit. "Daher zeigen wir – im Gegensatz zu einem früheren Gastspiel in der Stadt – unser Haus in verschiedenen Facetten", sagt Pressesprecher Christoph Koch. Die Aufführung der "Ariadne auf Naxos" von Richard Strauss umgibt ein großes Vermittlungsprogramm, zu dem Sitzkissenkonzerte für die Kleinsten, Workshops, eine Ausstellung und Vorträge an der Uni gehören.

Beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks riefen die Musiker eine "Klima-AG" ins Leben. Nikolaus Pont, dem Manager des Orchesters, legt in München fast alle Wege mit dem Fahrrad zurück. Er weiß natürlich, dass es ökologisch suboptimal ist, mit 100 Musikern für zwei Konzerte in der New Yorker Carnegie Hall über den Atlantik zu fliegen, wenn keine längere USA-Tournee auf dieses Gastspiel anschließt. Pont glaubt, dass sich alle Beteiligten des Musikgeschäfts zukünftig an mehr Kostenwahrheit gewöhnen müssen. Leider musste er auch schon die Erfahrung machen, dass es oft billiger ist, mit 80 Musikern nach Köln zu fliegen als mit der Bahn dorthin zu fahren.

Gergievs Rucksack erleichtern

Das BR-Symphonieorchester plant allerdings, seine Reisen ökologisch zu optimieren. Beim letzten Japan-Gastspiel entschied sich das Orchester für Tokio als festes Standbein und bereiste den Rest des Landes mit dem Hochgeschwindigkeitszug. Auch das Münchener Kammerorchesters hat bei der letzten Tour in China und Taiwan mit der Bahn die Inlandsflüge reduziert.

Die meisten Gedanken zum Klima machen sich die Münchner Philharmoniker – womöglich deshalb, weil es ein offenes Geheimnis ist, dass ihr vielbeschäftigter Chefdirigent Valery Gergiev weltweit mit einem Privatflugzeug unterwegs ist und einen riesigen CO2-Rucksack mit sich herumschleppt.

"Wir machen seit Jahren schon einiges", sagt Management-Direktor Christian Beuke. Das Orchester hat sich dem umfangreichen Zertifizierungsprozess von Ökoprofit angeschlossen. Innerdeutsch sowie nach Wien und zu den Bruckner-Konzerten in St. Florian reisen die Philharmoniker mit der Bahn, internationale Flugreisen kompensiert das Orchester durch Zahlungen an Atmosfair, um Klimaschutzprojekte zu unterstützen.

Auch beim Gasteig-Umbau und dem Sendlinger Interim denkt das Orchester der Stadt über den Energieverbrauch und mögliche CO2-Einsparungen nach. "Gleichzeitig suchen wir nach geeigneten Wegen", so Beuke, "wie wir unser Publikum für das Thema Klima sensibilisieren können und unseren Beitrag leisten, damit das von der Stadt München vorgegebene Ziel der Klimaneutralität bis 2050 erreicht werden kann."

Nicht die Musik provinzialisieren!

Wer einmal mit einem Orchester mitgereist ist, der weiß auch: Gastspiele stärken den inneren Zusammenhalt der Musiker, von dem auch das Münchner Publikum profitiert. Und es wäre falsch, aus einem Öko-Jakobinismus heraus das Musikleben zu provinzialisieren. Es ist wichtig, auch in München zu erleben, wie französische oder russische Orchester die Musik ihrer eigenen Tradition interpretieren.

Aber trotzdem muss gehandelt werden. Auch von kleinen Schritten profitiert das Klima. Kurz nach seiner Demonstration auf dem Konzertsaaldach spielte das NDR Elbphilharmonie Orchester im Gasteig. Die Musiker kamen mit dem Flugzeug von einem Konzert aus Barcelona. Aber nach Hamburg zurückfahren sind sie mit dem Zug.     
 


 
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