Musik in der Coronakrise Für Chöre wird es eng

Bei Chorkonzerten wie hier bei der Aufführung von Jörg Widmanns Oratorium „Arche“ in der Elbphilharmonie, kommen viele Menschen auf engstem Raum zusammen. Foto: Christian Charisius/dpa

Bei Konzerten mit Chormusik wird es lange schwer bleiben, die neuen Regeln des Social Distancing einzuhalten

 

Fünf Tage vor der Schließung der Konzertsäle in den Niederlanden stand der Gemengd Koor noch gemeinsam auf der Bühne des Amsterdamer Concertgebouw. Vier der Mitwirkenden starben an den Folgen des Corona-Virus, andere mussten auf Intensivstationen behandelt werden. Auch der Dirigent habe schwerwiegende Symptome gezeigt, ebenso die Solisten und Mitwirkende des Orchesters. Ein ähnlicher Fall wurde aus New York bekannt.

Chorgesang scheint es in nächster Zeit schwer zu haben – wegen der Verbreitung des Virus durch die Tröpfchen-Infektion und wahrscheinlich auch durch Aerosole. Es ist zwar unklar, ob sich die Sängerinnen und Sänger in Amsterdam während des Konzerts angesteckt haben und nicht während der Proben, in den Garderoben oder beim anschließenden Beisammensein, wie ein Experte für Strömungsmechanik der Bundeswehr-Uni dem Bayerischen Rundfunk erklärte. Aber auch das ist kaum wirklich beruhigend.

Nicht um jeden Preis

Ekkehard Klemm ist Präsident des Verbandes der deutschen Konzertchöre. Er versteht zwar den Wunsch vieler Musikbegeisterter, bald wieder singen zu können, aber Klemm rät zur Vorsicht: „Kunst um der Kunst Willen, Singen um jeden Preis wird keine Lösung sein“, schrieb er an die Mitglieder seine Organisation, der 543 Laienchöre mit 30 000 Mitgliedern angehören, darunter der Münchener Bachchor, die Gächinger Kantorei, Dresdner Kammerchor und viele Philharmonische Chöre. Sie sind die ambitioniertesten unter den 3,3 Millionen Menschen in Deutschland, die in mehr als 61 000 Chören singen.

„In vielen dieser Chöre singen ältere Leute, denen das gemeinsame Singen derzeit zu riskant ist“, sagt Klemm in Dresden am Telefon. „In allen Chören gibt es Leute, die sagen, man müsse unbedingt bald wieder etwas machen. Andere bitten um Vorsicht.“ Im Moment herrsche Verwirrung durch gegensätzliche Studien und komplizierte behördliche Vorgaben. „Nicht jede Regelung kann in der gegenwärtigen Situation konsistent sein“, sagt Klemm. „Ich kann auch nicht vom Kunstminister erwarten, dass er für jedes Theater und jeden Chor die passende Regelung parat hat.“

Neue Lösungen

Er selbst sucht als Leiter der Dresdner Singakademie, Chefdirigent der Elbland Philharmonie Sachsen und als Hochschullehrer nach pragmatischen Lösungen: „Man kann Bachs Weihnachtsoratorium mit einem klein besetzten Chor in einer ausreichend großen Kirche durchaus unter Beachtung der Abstandsregeln aufführen“, meint er mit Blick auf den kommenden Herbst und Winter.

Klemm, in der Ära von Klaus Schultz der Spezialist für das schwierige Repertoire am Münchner Gärtnerplatztheater, probt derzeit eine Vesper in der Dresdner Kreuzkirche, bei der die Singenden im ganzen Raum verteilt werden. Er erzählt auch von einer geplanten Aufführung von Beethovens Fünfter an seiner Hochschule, bei der seine ehemalige Schülerin Oksana Lyniv die Streicher auf der Bühne und die Bläser auf dem Chorbalkon dirigieren wird.

Solche Aktionen haben nur einen Pferdefuß: In der Praxis rechnen sie sich nicht. „Jedes Konzert erfordert derzeit einen doppelten und dreifachen Aufwand“, sagt Klemm. „Man muss für jedes Konzert ein eigenes Hygienekonzept einreichen, zusätzliches Personal beim Einlass finanzieren, erwirtschaftet am Ende aber wegen der reduzierten Zahl an Plätzen nur ein Bruchteil der bisherigen Einnahmen. Da besteht die Gefahr, dass die Vereine, die hinter den Chören stehen, finanziell in die Knie gehen.“

Als Opernpraktiker weist Klemm auch auf das Problem hin, dass im Herbst mehr oder weniger jede Opernaufführung uminszeniert werden müsste. Chorszenen aller Art dürften im Herbst mit Abstandsregeln mindestens so problematisch bleiben wie Musiker im Orchestergraben. Dieser Situation ist man sich auch in den beiden Münchner Opernhäusern bewusst, auf konkrete Lösungen möchte sich noch niemand festlegen.

Orff wird schwierig

Der Philharmonische Chor München wollte heuer den 125. Jahrestag seiner Gründung unter anderem mit einer Aufführung von Händels „Messias“ feiern, die leider ausfallen musste. Im September waren als Saisonauftakt Carl Orffs „Carmina Burana“ mit den Münchner Philharmonikern geplant, mit dem dieser semiprofessionelle Chor eng verbunden ist.

Bis Ende August hat der Chor alle Termine abgesagt. „Wie es danach aussieht, kann niemand sagen“, erklärt Chordirektor Andreas Herrmann. Er plant derzeit flexibel mit einem Vorlauf von drei, vier Wochen.

Orffs Kantate erfordert eine große Besetzung von mindestens 80 Sängerinnen und Sängern. Im Chorprobenraum des Gasteig könnte Herrmann unter Beachtung der Abstandsregeln das Stück allenfalls mit 12 Leuten einstudieren. Aber es wäre möglich, in die Philharmonie auszuweichen.

Herrmann hat eine Liste kleiner besetzter Werke zusammengestellt, die seine Sängerinnen und Sänger mit den Philharmonikern aufführen könnten. Aber er bleibt vorsichtig: Im Umfeld des Philharmonischen Chors gab es einen Corona-Fall, bei dem viel dafür spricht, dass sich die Betroffene beim Gesangsunterricht infiziert hat. Und der Verlauf war durchaus nicht wie bei einer kleinen Grippe. „Das ist dann etwas anders, als wenn man nur in der Zeitung darüber liest“, sagt Herrmann.

Die Liebe zur Sache wachhalten

Ähnliches ist auch bei den Arcis-Vokalisten zu hören, einem Laienchor, dessen Mitglieder vielfach über eine professionelle Gesangsausbildung verfügen und der je nach Projekt zwischen 30 und 100 Mitwirkende aufbietet. Der Leiter und Gründer Thomas Gropper möchte – abhängig von den geltenden Regeln – ab Anfang Juni wieder in Kleingruppen proben. Er hält Aufführungen von kleiner besetzter A-cappella-Musik der Renaissance in nächster Zeit für realistischer als große Oratorien.

„Bei Freiberuflern, die das Singen zum Beruf gemacht haben, geht es derzeit ums materielle Überleben“, sagt Gropper, der früher als Bassist gesungen hat und heute an der Münchner Hochschule für Musik und Theater lehrt. „Von meinen Sängerinnen und Sängern höre ich oft, dass sie in den letzten Monaten durch fehlende Aufführungen den Wert des Singens für sich neu kennengelernt haben. Diese Liebe zur Sache müssen wir wachhalten.“
 

 

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