musica viva Musik von Matthias Pintscher und Nina Senk

Der Dirigent und Komponist Matthias Pintscher mit seiner ehemaligen Schülerin Nina Senk im Herkulessaal. Foto: Astrid Ackermann

Matthias Pintscher mit „Shirim“ und dem Konzert für Orchester von Nina Senk bei der musica viva im Herkulessaal

 

Eine Dreiviertelstunde war vergangen. Der Chor des Bayerischen Rundfunks hatte eben das erste verständliche Wort gesungen: „jerushalaijm“. Auf den biblischen Ortsnamen folgte eine weitere Viertelstunde Matthias Pintschers Zyklus „Shirim“ für Bariton, Chor und Orchester, den der Komponist bei der wie immer gut besuchten musica viva des Bayerischen Rundfunks im Herkulessaal dirigierte, ohne dass man mehr verstanden hätte.

Jeder Opernbesucher weiß – wie der regelmäßige Hörer Neuer Musik –, dass Textverständlichkeit überschätzt wird. Wo sie fehlt, muss die Musik kompensierende Emotionen oder eine Aura von Bedeutung transportieren. Sonst wird es schnell ziemlich langweilig – wie in diesem Konzert.

Das erste Stück stellt das Prinzip vor: Der Bariton Georg Nigl sang expressive Kantilenen ohne größere Avantgardismen. Dazwischen rauscht das Orchester mit viel Schlagzeug auf, hin und wieder wagt die Oboe verschämte Orientalismen. Nach einer Viertelstunde kommt nichts Neues mehr. Das zweite Stück variiert das Prinzip des ersten, das dritte überträgt es auf den seit einer halben Stunde stumm wartenden Chor a cappella, das vierte bringt alle Ausführenden zusammen.

Kurze und lange Weile

Hin und wieder ballte sich der Klang krisenhaft. Aber der vertonte Text aus dem Hohen Lied des Alten Testaments spricht nirgends von Katastrophen, die es rechtfertigen würden, Ketten im Orchester rasseln zu lassen.
Das Programmheft begründet nicht unklug, was Pintscher und Nigl am Hebräischen reizt. Im Saal drängte sich der Eindruck auf, es gehe vor allem um die Simulation eines hohen Anspruchs. Und muss man verstehen, wieso die musica viva zur Abrundung ein viertes Stück in Auftrag gibt, obwohl es musikalisch nichts Neues bringt?

Pintschers ehemalige Schülerin Nina Senk machte den Fehler, ihr fünfteiliges Stück „Konzert für Orchester“ zu nennen. Das weckt Erwartungen, die die Komponistin nicht einlösen konnte (oder wollte). Das groß besetzte Stück enthält weniger Soli als Béla Bartóks Klassiker. Eine vielfache Teilung der Streicher erzeugt zwar eine hohe klangliche Dichte. Aber dem kammermusikalischen Wechselspiel unter den Musikern des BR-Symphonieorchesters ging sie aus dem Weg.

Ein „Konzert für Orchester“, das die Musiker und ihre Instrumente als mündige Individuen herausstellt, hat Senk leider nicht komponiert, obwohl das eine erstrebenswerte Sache wäre. Aber was war es dann? Kurzweilige, den Effekt auftrumpfenden Blechs nicht verschmähende Gebrauchsmusik. Weil (S)enk – im Unterschied zu ihrem Lehrer – die Tempi variiert und Stimmungen nicht verschmäht, hört man ihr lieber zu als Pintschers Dauer-Andante.     

Im nächsten Orchesterkonzert der musica viva dirigiert Brad Lubman am 27. März um 20 Uhr Werke von Louis Andriessen, Bernhard Lang und John Adams im Herkulessaal. Karten ab 12 Euro unter Telefon 0800 5900 594

 

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