musica viva Anna Prohaska über die "Requiem-Strophen" von Wolfgang Rihm

Die Sopranistin Anna Prohaska hat keine Angst vor zeitgenössischer Musik. Foto: Deutsche Grammophon/Harald Hoffmann

Dreiklänge als Schockerlebnis: Anna Prohaska über die „Requiem-Strophen“ von Wolfgang Rihm, deren Uraufführung Mariss Jansons am Donnerstag im Herkulessaal dirigiert

Wolfgang Rihm schrieb im Auftrag der musica viva des Bayerischen Rundfunks sein neues Werk „Requiem-Strophen“. Die Uraufführung findet am Donnerstag unter Leitung von Mariss Jansons im Herkulessaal der Residenz statt. Anna Prohaska ist eine der beiden Sopran-Solistinnen.

AZ: Frau Prohaska, hat Wolfgang Rihm die Partie in den „Requiem-Strophen“ für Sie komponiert?
ANNA PROHASKA: Er wollte schon lange etwas für mich und Mojca Erdmann schreiben – und zwar so, dass wir wie eine Stimme klingen. Deshalb gibt es in den „Requiem-Strophen“ auch mehrere Duette mit verschlungenen Melodielinien: einerseits mit lateinischem Text, aber auch auf Texte von Rilke, Hans Sahl und Johannes Bobrowski. Wie das genau klingen wird, müssen wir bei den Proben austesten.

Gibt es da einen Freiraum?
Mariss Jansons ist da sehr offen – das weiß ich von Mahlers Vierter und den romantischen Arien, die ich mit ihm gemacht habe. Und bei den Klangfarben lässt sich da einiges machen.

Hat Rihm schon früher für Sie komponiert?
Das hat eine lange Vorgeschichte. Ich kenne ihn schon lange. Mein Vater war Opernregisseur. Er inszenierte 1987 die Uraufführung von Rihms „Hamletmaschine“ nach Heiner Müller in Freiburg. Der Sänger Richard Salter, der oft den Jakob Lenz in Rihms gleichnamiger Oper gesungen hat, war ein enger Freund der Familie. Ich hatte auch Unterricht bei ihm. Er war ein Rihm-Spezialist, und ich habe von ihm Partituren geerbt.

Was war sein erstes Stück für Sie?
„Mnemosyne“, komponiert für das Scharoun-Ensemble der Berliner Philharmoniker zum 75. Geburtstag von Claudio Abbado. 2013 kam „Samothrake“ mit dem Leipziger Gewandhausorchester dazu. Auf meiner CD „Behind the Lines“ über den Ersten Weltkrieg ist ein Lied aus Rihms op. 1 zu hören: „Der Untergang“ nach Georg Trakl. Und mit einem anderen Lied Rihms zerstöre ich bei Liederabenden gerne „Ellens Gesang“ von Franz Schubert.
Sie sind fast eine Rihm-Spezialistin.

Meine Kollegin Mojca Erdmann hat noch mehr Rihm gesungen – unter anderem war sie bei der Nietzsche-Oper „Dionysos“ bei den Salzburger Festspielen dabei.
Rihms Musik hat eine große Spannbreite – von den Schlagzeug-Exzessen bei „Tutuguri“ bis zu den spätromantischen Orchesterliedern, die zur Eröffnung der Elbphilharmonie gespielt wurden.
Ich hatte die Noten der „Requiem-Strophen“ im vergangenen September zum ersten Mal in der Hand, als beim Berliner Musikfest „Tutuguri“ gespielt wurde. Da besteht schon eine gewisse Diskrepanz zum jungen wilden, atonalen Rihm dieser Ballettmusik nach Antonin Artaud und den „Requiem-Strophen“.

Hinter mir saßen neulich zwei Abonnenten, die diese Uraufführung auslassen wollten. Was sagen Sie ihnen?
Ich kann mir die Musik nicht vorstellen wie ein Dirigent. Wenn ich die zweite Sopranstimme am Klavier mitspiele, ist das ein bisschen wie Gehirnchirurgie – man singt dann mit, was am eigentlich mit den Fingern spielen soll. Die Musik erinnert mich eher an die Dionysos-Oper, die 2010 bei den Salzburger Festspielen zu hören war. Es gibt nach meinem Eindruck sehr lyrische tonale Momente. Sie stehen im Gegensatz zu extremen Reibungen. Aber das ist gerade der Reiz bei Rihm, dass harmonische Dreiklänge als Schockeffekt eingesetzt werden.

Ist Rihm schwer zu merken?
Ich muss es im Konzert nicht auswendig können. György Ligetis „Le Grand Macabre“ ist schon anstrengender. Ich bin eine schnelle Lernerin, und die Rolle der Amanda ist nicht groß. Aber ich musste einen Monat lang täglich eine Stunde arbeiten, um es in den Körper und den Kopf reinzukriegen.

Sie haben im Unterschied zu vielen Ihrer Kollegen offenbar keine Angst vor Neuer Musik.
Ich singe in der Elbphilharmonie bald ein Stück von Peter Ruzicka. Und im Sommer folgt bei den Salzburger Festspielen die Cordelia in der Oper „Lear“ von Aribert Reimann – ein Rollendebüt.

In der Uraufführung sang Julia Varady.
Ich werde mich hüten, sie nachzuahmen. Sie war im Unterschied zu mir ein dramatischer Spinto-Sopran – mit Tendenz zur Tosca. Reimann hat mir gesagt, dass ihm eine lyrische Stimme lieber ist – als Kontrast zu den beiden dramatischen Schwestern. Mit Evelyn Herlitzius als Goneril und Gun-Brit Barkmin als Regan hat man da die gesamte Spannbreite.

Herkulessaal, Do. und Fr., 30. und 31. März, 20 Uhr. Karten unter 59 00 594. Infos zum Salzburger „Lear“ unter www.salzburgfestival.at

 

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