Museum Kallmann in Ismaning Die sehenswerte Schau "Ausweitung der Marktzone" 

Jochen Höllers Arbeit „Pulse, 2016) aus vergoldetem Edelstahl zeigt den schwankenden Aktienkurs. Foto: Kallmann-Museum Ismaning

Kunstproduktion zwischen Crash und Boom: Die sehenswerte Schau "Ausweitung der Marktzone" im Kallmann-Museum Ismaning

 

Zeit ist Geld - darum tickt diese Uhr nicht, sondern es werden im Sekundentakt Geldscheine auf drei Stapeln abgelegt: Ein, zwei, fünf Dollar etc. werden addiert, bis die Sechzig voll sind, dann gibt es auf dem Minutenstapel einen Dollar mehr, das Geld vom Sekundenstapel verschwindet – und es geht von vorne los.

"Time is Money" heißt die Video-Installation des jungen kolumbianischen Künstlers Iván Argote, die den Auftakt zur neuen Ausstellung im Ismaninger Kallmann-Museum bildet. Ein Haus, das nicht nur aufgrund seiner Lage im von Ludwig von Sckell gestalteten alten Schlosspark, sondern auch wegen seines abwechslungsreichen Programms einen Ausflug ins Umland lohnt.

Unter dem Titel "Ausweitung der Marktzone" bringen die Kuratoren Rasmus Kleine und Luca Daberto die Werke von 24 zeitgenössischen Künstlern zusammen, die sich mit den Mechanismen des Marktes und seinen Auswirkungen auf die Kunstproduktion auseinandersetzen. Das ist auch gerade vor dem Hintergrund spannend, dass Bayerns freischaffende Künstler derzeit bitter feststellen müssen, wie wenig sie dem angeblichen Kulturstaat in der Krise wert sind.

Solipsismus und Selbstausbeutung

Stefanie Unruhs lakonisches Arrangement "Ich weiß nie, arbeite ich gerade oder nicht" wirkt wie ein Kommentar zur aktuellen Situation, dabei stammt sie aus dem Jahr 2018. Von einer ramponierten Leiter hängen Glühbirnen herab, die den Titel im Morsecode blinken. Künstlerisches Arbeiten im Taumel zwischen Solipsismus und Selbstausbeutung.

Auf dem Markt bedeutet das "Boom" und "Crash": Jochen Höller versinnbildlicht beides mit Bücherstapeln, bestehend aus Titeln zum jeweiligen Sujet; der eine wächst bedrohlich, während der andere schon umgestürzt ist. Und Tom Früchtl präsentiert in der Vitrine einen 1000 Gramm schweren Goldbarren, Titel: "hybrid". Der Barren ist offensichtlich mit Goldfarbe angemalt, so dass beim Betrachten Zweifel an Material und Wert aufkommen.

Ein angesichts von mitunter aus Trash-Materialien gefertigter Gegenwartskunst durchaus naheliegender Reflex, deren oft widersinnig wirkende Entwicklung auf dem Kunstmarkt Früchtl hier sarkastisch auf den Punkt bringt. Total konzeptionell geht indes Ruben Aubrecht mit dem Wert der Kunst um. Seine kleinen Tuschezeichnungen imitieren bis ins Detail Kassenzettel, auf denen der fiktive Betrag eines Kunstwerks inklusive Mehrwertsteuer vermerkt ist.

Die Tücken der Systeme

Trash-Immobilien sind in zwei Beiträgen Thema: Stefanie Zoche filmt für die Video-Installation "Fortuna Hill" Spekulationsruinen spanischer Ferienanlagen und verfolgt den Weg des Bausands, der dafür illegal in Marokko abgebaut wurde. Und auch die "Dark Stores" des US-amerikanischen Fotografen Brian Ulrich setzen die Schattenseiten des Kapitalismus ins Bild. Die Serie dokumentiert die Orte, wo der Boom vorbeiging oder nie kam, anhand verfallender Shopping-Malls in den USA.

Andreas Siekmann wiederum durchleuchtet in "Denkfabriken, Think Tanks und die Privatisierung der Macht" den "Drehtür-Kapitalismus", das heißt das Geflecht aus Wirtschaft, "Wissenschaft" und Politik, und veranschaulicht seine Recherchen durch Piktogramme. Da taucht ganz oben auch die 1947 vom Ökonomen Friedrich August von Hayek gegründete Schweizer Mont-Pèlerin-Gesellschaft als allmächtige Kommandozentrale eines gnadenlosen Neoliberalismus auf.

So ist "Ausweitung der Marktzone" eine vielschichtige, gelungene Schau, die sich nicht in der Darstellung künstlerischer Befindlichkeiten verliert, sondern den Willen widerspiegelt, analytisch, bildmächtig und pointiert die Tücken des Systems aufzuspüren.

Bis 6. September im Kallmann-Museum. Schloßstraße 3B, 85737 Ismaning, Geöffnet Di bis Sa 14.30 bis 17, So 13 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist bis zum Ende der Pfingstferien frei
 


 
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