"Munich Boazn" Münchner Boazn dürfen nicht sterben!

„Bier und Zigaretten gehören in dieser Welt zusammen“, sagt Max Bildhauer (25), hier vor dem Kaiser-Stüberl in der Schönstraße. Foto: Max Bildhauer

Gentrifizierung bedroht auch die kleinen Trinkstüberl. Der Student Max Bildhauer verewigt sie nun in einem Büchlein

 

Der Kartoffelsalat ist mit Gurkenscheiben und Ei dekoriert. „Der ist selbstgemacht, mit Liebe“, erläutert Max Bildhauer und bedankt sich bei Lore, der Wirtin, die ihm grad das Essen gebracht hat, bevor sie weiter schafkopft mit drei ihrer Stammgäste. 4,90 Euro will sie für die stattliche Portion Leberkas mit Kartoffelsalat. Im Kaiser-Stüberl ist Mittagszeit, manche machen hier nur Pause, für andere ist es nicht so wichtig, wie spät es ist: Sie sitzen am Tresen mit ihrem Bier, wie jeden Tag, wie zu jeder Uhrzeit. Das Kaiser-Stüberl ist eine der Bier-Kneipen, die der Student Max Bildhauer in seinem Büchlein „Munich Boazn“ vorstellt.

Der junge Mann mit Haferlschuhen, Hosenträgern und schwarzem Kappi spürt einem Gastronomie-Genre nach, das vom Aussterben bedroht ist. Im Nachwort des Buches erläutert der Autor und Denkmalpfleger Karl Gattinger die Boazn als „wohnzimmerartigen kleine Gastraum“, der „überwiegend zum Trinkgenuss“ genutzt wird und in dem ein „ins sich geschlossenes Milieu“ zu finden ist.

Max Bildhauer wählte absichtlich das Wort „Boazn“, das durchaus auch einen negativen Einschlag hat, etwas abfälliger ist als „Stüberl“. Aber was viele der Boazn gemeinsam haben, ist eben, dass sie bei Außenstehenden einen zweifelhaften Ruf genießen. Doch gerade das Unperfekte, das Ungestylte sucht Bildhauer. Für ihn sind die Stüberl der Beweis, dass nicht alles in München schick und teuer, nicht jeder Laden steril und gesichtslos sein muss.

Er ist in Giesing, einem Stüberl-Eldorado, aufgewachsen. Als er 15 war, hat Bildhauer Freunden die verrauchten und verruchten Winkel wie die „Giesinger Heiwoog“ gezeigt. Für die Gymnasiums-Kollegen aus Harlaching und Grünwald war das eine Reise in eine verbotene, zumindest aber verborgene Welt.

Heute ist Bildhauer 25 und viele Kneipen seiner Jugend gibt es nicht mehr. Deswegen hat er er als Abschlussarbeit seines Kommunikations-Design-Studiums den Guide der Trink- und Stehkneipen Giesings erstellt, als Band zwei folgt Sendling. Zwei Monate war Bildhauer unterwegs, 42 Kneipen sind beschrieben, meistens zahlte er weniger als 3 Euro für die Halbe. Das Image der Boazn, erklärt er, steht und fällt mit dem Wirt. „Gerade weil die Läden so klein sind, bestimmt er die Stimmung.“ Obwohl die Gäste überwiegend männlich sind, sind es oft Wirtinnen, die das Regiment führen – mit Herz und wenn nötig mit Strenge. Für alle Wirtsleute, die er traf, ist der Job „eine Passion“, sagt Bildhauer. Viele arbeiten bis ins hohe Alter. Das Klischee von den Hartz-IV-Spelunken weist Bildhauer zurück. „In der einen Kneipe sind Handwerker, in der anderen Hobbyfußballer, man trifft sehr unterschiedliche Leute.“ Diese Vielfalt will er zeigen.

Anfangs ist der junge Mann mit dem Fotoapparat oft als Eindringling angesehen worden. „Viele dachten, ich sei vom KVR und kontrolliere das Rauchverbot.“ Doch beim Bier wich die Skepsis.

Mit Sorge sieht Bildhauer, dass die Gentrifizierung die Boazn dahinrafft. „Wo gekauft und saniert wird, will der neue Besitzer keinen ,Schandlfleck’ mehr. Dafür haben wir hier ein Architekturbüro neben dem anderen.“ Allein seit vergangenem Sommer, seit er für das Buch recherchiert hat, sind fünf der beschriebenen Boazn, darunter auch die „Giesinger Heiwoog“ geschlossen worden. Im Buch tragen sie deswegen einen Trauerrand.

Seine Message ist: „Rettet die Boazn“. Jeder möge ein Bier-Biotop in seiner Nähe einmal beehren, „bevor die nächste Boutique oder der nächste Coffeeshop dort eröffnet“. Wir Münchner, so findet Bildhauer, „müssen endlich den Charme des Schmutzigen und Zwielichtigen erkennen und begreifen, dass diese Elemente notwendig sind, um das soziale und kulturelle Gleichgewicht dieser Stadt zu erhalten“.

Maximilian Bildhauer: „Munich Boazn“ (Volk-Verlag, 10,90 Euro)

 

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