Muffathalle Tanita Tikaram in der Muffathalle

Tanita Tikaram, die 1969 in Münster geborene Britin mit indisch-malaysischen Wurzeln in der Muffathalle. Foto: Jens Niering

Feine Handarbeit: Tanita Tikaram beglückte mit ihrer Band die Muffathalle

 

Als sie jung war, erzählt Tanita Tikaram, hatte sie eine Zeit lang das Gefühl, dass alle um sie herum in Beziehungen steckten, nur sie selbst nicht. Das Single-Sein war dann wohl auch ein Motor für die Songproduktion und hört man die heute 50-Jährige ihr altes Material singen, dann taucht das Wort „Liebe“ allein schon in den Titeln häufig auf.

Und nicht nur das: Tikaram borgt sich bei ihrem recht kurzen, aber intensiv schönen Auftritt in der Muffathalle auch ein paar Klassiker von Damen, die lange vor ihr auf der Bühne standen. Mit „Falling In Love Again (Can’t Help It)“ tritt sie in die Fußstapfen von Marlene Dietrich und versucht sich im zweiten Durchlauf am deutschen Original: „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt. Denn das ist meine Welt…“ Das Publikum ergänzt: „und sonst gar nichts.“

Die gute alte Liebe

Ja, viel Brimborium braucht es im Leben nicht, die gute alte Liebe reicht schon aus. Und auch so ein Konzert kann mit wenigen gezielt gesetzten Mitteln ins Schwarze treffen. Anstatt mit Synthesizer-Sounds ein paar breite Achtziger-Jahre-Signale zu senden, hat Tikaram auf ihrer Tour eine bemerkenswerte Band-Besetzung für analoge Glücksgefühle dabei: Kontrabass, Schlagzeug, Trompete/Klarinette. Dazu ein Akkordeonist, der mit ausgedehnten Tönen mühelos die Klangflächen eines Keyboards ersetzen kann und den Rhythmus mit vorgibt.

Inmitten der dunkel gekleideten Männer fällt eine in Weiß gekleidete Geigerin auf: Sie setzt mit ihrer Violine pastorale Akzente und spielt gleich zu Beginn ein Solo, das in den sehnsüchtigen „Cathedral Song“ mündet. Nur die Geige und Tikaram an der Gitarre, ihre Stimme so herb wie Zartbitterschokolade – ein bewusst ruhiger Einstieg.

An irgendwelchen Pop-Spektakeln war der Britin mit indisch-malaysischen Wurzeln nie gelegen. Vielleicht hat sie auch deshalb nach ihrem vier Millionen Mal verkauften Debütalbum „Ancient Heart“ nicht die ganz große Karriere hingelegt. Kaum zu glauben, dass sie erst 19 Jahre alt war, als sie sich mit „Twist In My Sobriety“ in die Öffentlichkeit katapultierte. Als „One Hit Wonder“ möchte man sie nicht bezeichnen – zu viele hübsche, wenn auch wesentlich weniger erfolgreiche Alben ließ sie darauf folgen. Tikarams Pop neigte sich zunehmend dem Folk und Blues zu – massentauglich ist das nun mal nicht.

Von Melancholie durchsetzt

Aktuell beschäftigt sie sich für ein neues Album mit alten Klassikern, vornehmlich der Dreißiger- und Vierziger-Jahre, die vor allem von Frauen gesungen wurden. Neben Marlene Dietrich erweist sie im Konzert auch Nina Simone eine Referenz, indem sie den von Simone Ende der Fünfziger einprägsam interpretierten Johnny-Mathis-Song „Wild is The Wind“ singt. Das Publikum in der bestuhlten Muffathalle hört andächtig zu, ohne dass es von den Sitzen gerissen wird. Die Songs sind fein arrangiert, jedes Bandmitglied bekommt sein punktgenaues, wenn auch nicht ausuferndes Solo.

Bei „Twist in My Sobriety“ erklingt hier nicht die Oboe – was für ein Instrument für einen Pop-Song! – sondern die Klarinette. Und Marc Pell darf sich bei „Heavy Pressure“ kurz an seinen Drums austoben. Manchmal legt Tikaram die Gitarre weg und setzt sich an den Flügel, „Lovers in the City“ etwa hat eine rauchige Jazz-Note. Und „Good Tradition“ ist immer noch ein beschwingtes Stück Folkrock, bei dem man für einen Augenblick sogar mit dem irren Gedanken spielt, mit der Sitznachbarin zu schunkeln.

Ansonsten ist alles von einer Melancholie durchsetzt, die nicht allzu schwer wiegt. Tikaram, die sich selbst als zurückhaltend bezeichnet, wirkt in sich ruhend wie ein Edelstein. Ein paar nette Ansagen, ein paar schöne Lieder und diese leichte Dunkelheit in der Stimme. Mit „Maintenant“ verabschieden sich die Sängerin und ihre Band noch mal heiter auf Französisch. Dann ist nach nicht mal 90 Minuten Schluss, der Hunger nicht gestillt, sondern man will noch etwas mehr Tikaram. Und sonst gar nichts. 

 

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