Münchner will die Dunkelheit retten Lichtverschmutzung in Bayern: Die Suche nach der verlorenen Nacht

Hat sich der Astronomie und dem Kampf gegen die Lichtverschmutzung verschrieben: Der Münchner 'Mann der Sterne', Manuel Philipp, an einem Teleskop. Foto: Sebastian Voltmer

In klaren Sommernächten lassen sich Sternbilder mit bloßem Auge beobachten - und zwar nur eine Stunde von München entfernt. Damit das so bleibt, gibt es seit einem Jahr neue Verordnungen in Bayern, die die Dunkelheit beschützen sollen. Bilanz einer Reise in die Nacht.

 

München – Es ist halb elf, als die Mondsichel rot hinter dem Abhang versinkt. Eine Viertelstunde später taucht knapp zwei Handspannen rechts davon ein weißer Kometenschweif auf: Neowise zieht eine senkrechte Bahn vom Sternenhimmel in Richtung der schwarzen Tannenwipfel. Die Wolken haben sich verzogen. Über den dreißig Nachtwanderern spannt sich die Milchstraße. Kurz nach Mitternacht werden sie noch mehr erkennen: den Polarstern zum Beispiel, mit dem man die Himmelsrichtung Norden bestimmen kann, wenn man sich ein Senklot zur Erde vorstellt. Dann die Schlange, darüber den Schlangenträger, den Bären, darunter den Skorpion, den Schützen, daneben eine 'Kaffeekanne' mit blinkendem Sternen-Henkel.

"Hier habe ich alles verstanden"

"Mein Sternzeichen ist Stier, den konnten wir heute nicht sehen", sagt der 11-jährige Lukas aus Sachsen. Enttäuscht ist er nicht: "Die Galaxie war so schön." Mit seinem Papa und dem kleinen Bruder macht er Urlaub im Chiemgau. "Ich dachte immer, dass der Tag 24 Stunden hat, dabei hat er nur 23 Stunden und 56 Minuten?", schüttelt der 9-jährige Markus den Kopf. "Wir sind zehn Tage hier, haben zufällig von den Sternenwanderungen gehört", erzählt Vater Robert (38). "Da war klar: Das probieren wir." Die Bilder, die sie heute gesehen haben, werden sie nicht so schnell vergessen. Lukas hatte in der fünften Klasse schon zwei Wochen Astronomieunterricht, trotzdem hat er "manchmal die Fachbegriffe nicht so kapiert - aber wenn er es gezeigt hat, habe ich alles verstanden."

Zwischen Sternkarten und Teleskopen

"Er", der 'Mann der Sterne', ist der Münchner Manuel Philipp. Nach einer privaten Trennung ist er aus der Großstadt raus aufs Land gezogen, in den kleinen Ort Rimsting, auf die beschauliche Ratzinger Höhe. Hier arbeitet er in einem Dachgeschoss, und hier - auf dem Hügel, zwischen den Sternenkarten, neben seinen Teleskopen - hat er sich neu erfunden.

Bei Tag blinzelt der 50-Jährige über seinen Monitor raus ins Grüne. Bei Nacht läuft er im Kreis um eine große, selbstgebaute, von innen rotglühende Sonnenkugel, die er auf einem Acker abgelegt hat. Im Gehen dreht er sich um die eigene Achse - und in diesen sternklaren Sommernächten ist er nicht weniger als "die Erde". Seine neue Partnerin assistiert ihm als "der Mond".

Vom Astronomie-Fan zum Sternenführer

Die Leidenschaft für den Nachthimmel hat ihn früh gepackt: "Mein Opa hat mir ein kleines Fernrohr geschenkt, schon als Kind habe ich mir mit 'Was-ist-was'-Büchern den Himmel erschlossen."

Vor sechs Jahren kauft Manuel Philipp dann mehrere Teleskope, veranstaltet kurz später die ersten Sternenwanderungen in Bayern - und damit beginnt seine berufliche Dauerrotation ums Thema Sonne, Mond und Sterne: Er setzt eine Webseite auf, wie er es als Inhaber einer kleinen Werbeagentur gelernt hat. Er lässt Flyer drucken, weil er Grafiker und Fotografen kennt. Er motiviert Mitstreiter für den Kampf gegen den Lichtsmog, denn "technischer Umweltschutz" war schon im Physikstudium sein Hauptfach. Und schließlich gründet er die Initiative "Paten der Nacht". Heute besteht das Kernteam aus 26 "Paten". Sie halten Vorträge, geben Seminare, unterrichten an Schulen, akquirieren Kooperationspartner.

Lichtsmog: Die verkannte Gefahr

Selbstverständlich ist dieser Erfolg nicht. Lichtsmog war lange kein Thema in der Öffentlichkeit, und wer sich ihm dennoch widmete, lief Gefahr, als 'Astro-Spinner' abgetan zu werden. "Licht schreit nicht, macht keinen Krach - es ist einfach da", erklärt Manuel Philipp eine verkannte Gefahr, "Es ist, als ob Licht aus der Leitung plätschert: Niemand bemerkt, wie es schadet. Bei Wasser käme sofort die Feuerwehr."

Von "Lichtverschmutzung" spricht man, wenn der Nachthimmel künstlich erhellt und die Natur durch das Kunstlicht durcheinandergebracht wird.

Aktives Vorgehen gegen Lichtverschmutzung in Bayern

Über Städten wie München bilden sich bereits weithin sichtbare Lichtglocken: helle Halbkugeln über dem Stadtgebiet, die Hunderte Kilometer strahlen.

Das Problem: Zugvögel folgen den künstlichen Lichtern, finden keine Nahrung, schaffen es nicht in den Süden oder krachen gegen Fensterscheiben - und sterben. Insekten umschwirren Straßenlaternen bis zur völligen Erschöpfung - und sterben auch. Noch liege Deutschland im letzten Drittel bezüglich der Lichtverschmutzung im europäischen Vergleich, schätzt Philipp. Aber nach einer Studie der Universität Mainz verenden an deutschen Straßenlaternen durchschnittlich eine Milliarde Insekten - pro Nacht!

"In Deutschland haben wir zwischen acht und zehn Millionen Straßenlaternen", rechnet Philipp vor. "Pro Sommer im Jahr verlieren wir so über 100 Milliarden Insekten nur an die Straßenbeleuchtung."

Neue Lichtschutzbestimmungen seit einem Jahr

Im Bayerischen Naturschutzgesetz und im Bayerischen Immissionsschutzgesetz gibt es seit genau einem Jahr (1. August 2019) deshalb neue Beschränkungen für Außenbeleuchtungen - für Lichterketten an Hotels genauso wie für die beleuchtete Parkgarageneinfahrten. "Himmelsstrahler" bei Großereignissen sind seither verboten. Und nach dem Bayerischen Immissionsschutzgesetz dürfen Kirchen, öffentliche Gebäude wie Rathäuser und Schulen ab 23 Uhr und bis zum Morgengrauen nicht beleuchtet werden.

Und eine Außenbeleuchtung nahe Biotopen ist - nach Art. 11a des Bayerischen Naturschutzgesetzes - nur mit einer Ausnahmegenehmigung möglich, die vom Landratsamt überprüft wird.

Private Gartenbeleuchtung und Lichtanlagen auf Fußballplätzen und in Schwimmbädern bleiben erlaubt. Aber auch im privaten Bereich lässt sich viel tun: Bewegungsmelder einbauen, Außenlichtanlagen, die nur nach unten abstrahlen, verwenden, oder zumindest warm gelbe Birnen statt dem besonders aggressiven blauen Licht installieren.

Sternenparks - die romantische Seite des Lichtschutzes

Denn viel ist uns schon jetzt nicht mehr geblieben von der Nacht. Nach Angaben der internationalen "Dark Sky Association" (IDA) sind von der Erde aus etwa 6.000 Sterne sichtbar. Mit bloßem Auge könnte man immerhin 2.500 sehen. Doch durch die Lichtverschmutzung ist diese Zahl auf nur 250 geschrumpft. Zusammen mit der UNESCO zertifiziert die IDA die dunkelsten Orte der Erde als Sternenpark, eine besondere Form des Naturschutzgebiets. Die meisten dieser Lichtschutzzonen liegen in den USA, in den großen Nationalparks. In Deutschland gibt es gerade drei, und nur einen einzigen in Bayern, auf der Winklmoosalm - durch eine Initiative der "Paten der Nacht".

Wissenschaftler erheben hier Daten über die Entwicklung und Auswirkung der Lichtverschmutzung, nächtliche Führungen sollen Wanderer für die Problematik sensibilisieren - und lassen sie mit Eindrücken fürs Leben zurück.

"Meine Führungen sind ein Astronomiekurs unter freiem Himmel", sagt Philipp und zeichnet mit dem ausgestreckten Arm den Schweif des Kometen nach, der inzwischen noch heller strahlt. "Es geht darum, wie Mondphasen zustande kommen, wieso Planeten nicht immer zu sehen sind, wann man das eigene Sternzeichen am Himmel findet und was das mit der Sonne zu tun hat." Im Laufe der Zeit hat er aus den Nachfragen gelernt, was seine Gäste interessiert. "Man sieht die Leute im Dunkeln ja nicht. Aber über das, was zurückkommt, kann ich die Gruppe führen - nicht nur am Himmel entlang, sondern so, dass sie nach Hause gehen und sagen: Das war ein Erlebnis."

Das freut den Planetenführer dann besonders. Denn in den Sternen hat er seine Welt gefunden.


Pro Woche zwei Führungen auf die Ratzinger Höhe, zwei Führungen auf die Winklmoosalm im Sommer. Kosten: 15 Euro pro Person.

Lesen Sie hier: München plant Referat nur für Umweltschutz

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