Münchner Volkstheater Was Radikal Jung heuer bringt

Sven Schelker (links) und Sebastian Zimmler im Stück „Der Boxer“ von Szczepan Twardoch. Foto: Krafft Angerer

Radikal jung, das Festival der jungen Regie im Volkstheater, geht in die 16. Runde – mit Jens Hillje als neuem Sprecher der Auswahl-Jury

 

Nur keine Panik. Während die Welt da draußen in Unruhe gerät, gibt es im Volkstheater durchweg beruhigende Nachrichten zu vermelden: Das beliebte Festival Radikal jung (Zuschauerauslastung im letzten Jahr: 93,3 Prozent) geht Ende April in seine 16. Runde.

Volkstheater-Chef Christian Stückl hat Schnupfen, ist aber vor allem mit dem Passionsspiele-Virus infiziert und hält sich beim Inszenieren in Oberammergau sicherlich fit. Und Kulturreferent Anton Biebl versichert, dass beim Volkstheater-Neubau, der bis Frühjahr 2021 im Schlachthofviertel fertig sein soll, alles nach Plan verlaufe. Na wunderbar.

Hinter den Kulissen war jedoch offenbar einiges in Bewegung: Die bisherige Arbeit von Radikal-jung-Festivalchef Kilian Engels wurde bei der Pressekonferenz von Stückl ausgiebig gewürdigt, aber Engels, der zwischendurch stellvertretender Schulleiter an der Otto-Falckenberg-Schule war und dann als Dramaturg ans Volkstheater zurückkehrte, hat das Haus nun auf eigenen Wunsch, so Stückl, endgültig verlassen.

Angeregte Diskussionen

An seiner Stelle steht nun Jens Hillje der Auswahl-Jury vor, zu der weiterhin C. Bernd Sucher und Christine Wahl gehören. Während Sucher und Wahl die Position der Kritiker*innen vertreten, steht Hillje auf der Seite der Theatermacher*innen, was in der Auseinandersetzung um die einzelnen Inszenierungen – rund sechzig wurden gesichtet, zwölf davon eingeladen – spürbar gewesen wäre, so Hillje, und, man darf es vermuten, zu angeregten Jury-Diskussionen führte.

Der 52-jährige Hillje hat in der Vergangenheit sowohl als Schauspieler, Regisseur, Dramaturg als auch Theaterautor gearbeitet, leitete die „Radikal jung“-Masterclass für Studierende von Regieschulen im deutschsprachigem Raum und hatte vor allem von 2013 bis 2019 gemeinsam mit Shermin Langhoff die Intendanz des Berliner Maxim Gorki Theaters inne.

Kein Wunder also, dass jetzt mit „Oder: Du verdienst einen Krieg (Eight Soldiers Moonsick)“ eine Gorki-Produktion auf dem Programm steht. Sasha Marianna Salzmann, seit 2013 Hausautorin am Gorki, hat das Stück von Sivan Ben Yishai im letzten November zur Uraufführung gebracht. Eine Gruppe von Soldatinnen reflektiert darin unter anderem den Dienst an der Waffe, das Töten und die Möglichkeit des eigenen Todes.
Während dieses Stück zu Beginn von Radikal jung, am Samstag, dem 25. April, auf der Volkstheater-Studiobühne im ersten Stock gleich zwei Mal gezeigt wird (plus Doppelvorstellung am Sonntag), findet die eigentliche Eröffnung auf der großen Bühne mit „Das Deutschland“ statt.

Am Puls der Zeit

Der in Berlin geborene Regisseur Bonn Park hat dieses Stück selbst verfasst und wurde damit bereits zu den Mühlheimer Theatertagen eingeladen. Er erzählt von einer mittelständischen Familie, die ein Wochenende auf dem Land verbringt und dabei die beste Freundin des zehnjährigen Sohnes, ein Mädchen namens Emulie, auf beunruhigende Weise zu integrieren versucht. Den wieder aufkeimenden deutschen Nationalismus nimmt Park hier aufs Korn, in Form eines unterhaltsamen Horrormärchens.

Die Uraufführung fand am E.T.A Hoffmann Theater Bamberg statt – gerade die deutschsprachigen Theater in der Peripherie bekamen in diesem Jahr von der Jury verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt. So ist auch das Staatstheater Nürnberg mit einer Produktion vertreten („I Love You, Turkey!“ von Ceren Ercan, inszeniert von Selen Kara) und das Theater Osnabrück („IKI. Radikalmensch“ von Kevin Rittberger, inszeniert von Rieke Süßkow).

Dass wie schon in vorherigen Radikal-jung-Ausgaben nur wenige vertraute Titel im Programm zu finden sind, begründet Jens Hillje damit, dass die jungen Theatermacher*innen gerade mit Uraufführungen und selbst entwickelten Projekten möglichst nah am Puls der Zeit sein können. Einen Klassiker hat sich Lucia Bihler mit „Hedda Gabler“ vorgenommen, wobei sie einen dezidiert postfeministischen Blick auf Ibsens Stück wirft.

Geringer Neuigkeitswert

Neben dieser Eigenproduktion des Volkstheaters wurden noch zwei weitere Inszenierungen eingeladen, die für München wenig Neuigkeitswert haben: Anta Helena Reckes „Die Kränkungen der Menschheit“ hatte letzten September seine Uraufführung in der Kammer 2, Florentina Holzingers „Tanz“ war auf derselben Bühne als Gastspiel zu sehen, wobei die Kammerspiele nun für die Radikal-jung-Aufführungen nicht mehr zur Verfügung standen, weshalb „Tanz“ in der Reithalle, jetzt „Utopia“, zu sehen ist und Reckes Stück im Volkstheater. Beide Produktionen wurden zudem zum Berliner Theatertreffen eingeladen – die Überschneidung mit anderen Festivals hat Tradition bei Radikal jung.

Im Trend sind nun mal immer wieder ganz bestimmte Regiestimmen. Gerade Florentina Holzinger ist mit ihren bildgewaltigen, an die Grenze des Erträglichen gehenden Performances derzeit überall en vogue. Ein sonderlich geschärftes Profil hat Radikal jung damit jedoch nicht. Im Gegenteil: Konnte das Programm in den letzten Jahren besonders dadurch aufgefrischt und aufregender gemacht werden, indem auch junge Regisseur*innen jenseits des deutschsprachigen Raums, etwa aus Israel, mit ihren Arbeiten eingeladen waren, so konzentrierte sich die Jury dieses Mal, zumindest in ihren Einladungen, auf die bayerische Provinz, auf München, Hamburg und Berlin.

Werbewirksames Prädikat

Dass die internationale Linie im nächsten Jahr auf jeden Fall weitergeführt werde, versprach Jens Hillje der Presse und erklärte, dass in der neuen Jury-Konstellation weniger Zeit zum Sichten gewesen sei. Kulturreferent Anton Biebl hielt das Programm dennoch für „so politisch wie noch nie“, was ja ebenfalls eine geläufige Aussage ist, nicht nur für Radikal jung. Das Schlagwort „politisch“ ist längst viral geworden im Festivalbetrieb, ein werbewirksames Prädikat.

Aber das soll der Vorfreude keinen Abbruch tun: Bislang konnte man immer spannende Entdeckungen bei Radikal jung machen. Nur keine Panik.

Das komplette Festivalprogramm findet sich unter www.muenchner-volkstheater.de/radikal-jung/das-festival
 

 

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