AZ-Interview Christian Stückl über Gott, die Welt, Dieter Dorn und das Theater

Der Regisseur und Intendant Christian Stückl. Foto: dpa

Saisoneröffnung am Volkstheater: Intendant Christian Stückl inszeniert "Die Goldberg Variationen" im Biergarten vor seinem Theater – und erhält den Abraham-Geiger-Preis.

 

Während andere zögern oder auf andere Wege ausweichen, schreitet Christian Stückl zur Tat. Bereits Anfang Mai erklärte der Intendant des Volkstheaters in einer Pressekonferenz, dass er mit seinem Team vorzeitig in die Sommerpause gehen will, um bereits Ende Juli in die neue Saison zu starten. Gesagt, getan. Jetzt geht es am Volkstheater los: An fünf Produktionen wird derzeit gleichzeitig geprobt; Christian Stückls Inszenierung von George Taboris "Die Goldberg Variationen" eröffnet heute die Spielzeit. Bei schönem Wetter finden die Aufführungen im Biergarten statt, wo bereits eine große Bühne aufgebaut ist; bei schlechterem im Volkstheater. Zwei Tage nach der Premiere, am Sonntag, wird Christian Stückl mit dem Abraham-Geiger-Preis 2020 ausgezeichnet.

AZ: Herr Stückl, Gratulation zum Abraham-Geiger Preis! Mit dem Preis werden "Persönlichkeiten gewürdigt, die sich um den Pluralismus verdient gemacht haben und sich für Offenheit, Mut, Toleranz und Gedankenfreiheit einsetzen." Vor Ihnen wurden etwa Angela Merkel oder Amos Oz ausgezeichnet. Sie werden insbesondere für Ihren Einsatz gegen den Antisemitismus geehrt.
CHRISTIAN STÜCKL: Ja, und ich fühle mich tatsächlich sehr geehrt! Ich beschäftige mich jetzt seit dreißig Jahren mit dem Antisemitismus, 1990 habe ich zum ersten Mal die Passionsspiele in Oberammergau inszeniert. Das ist also ein Thema, das mich schon sehr lange umtreibt.

Und zwar auch in Ihren Inszenierungen am Volkstheater, mit dem "Stellvertreter" oder zuletzt mit Stücken wie George Taboris "Mein Kampf" oder Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig".
Ja, diese Auseinandersetzung mit dem Judentum und dem Antisemitismus hat sich in den letzten Jahren bei mir sogar intensiviert. Ich bin vor ein paar Jahren in Indien gewesen, dort habe ich einen guten Freundeskreis, der aus Hindus, Moslems und Christen besteht. Eigentlich verlief zwischen uns alles immer sehr harmonisch, aber seitdem Narendra Modi 2014 Premierminister ist, hat sich die Stimmung in der Gruppe merklich verändert. Plötzlich hatte der Hindu Probleme mit dem Moslem und umgekehrt. Das hat mich an "Nathan der Weise" erinnert, was ich dann hier inszeniert habe.

Das Stück wurde zu einem der erfolgreichsten am Volkstheater.
Ja. Ich weiß aber auch noch, dass ich auf den Proben entsetzt war, welche Klischeebilder bei vielen im Kopf herumspukten. Und auch jetzt, während Corona denke ich mir, Wahnsinn, wieso passieren solche Dinge wie der Anschlag auf die Synagoge in Halle? Ich muss da an die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg denken, als mit den "Protokollen der Weisen von Zion" ein antisemitisches Pamphlet auftauchte, das die Welteroberungspläne der Juden beweisen sollte. Diese Verschwörungstheorien sind offenbar nie ganz verschwunden und werden jetzt einfach über die Corona-Krise gestülpt.

Ist das Theater für Sie also doch eine Art "moralische Anstalt"?
Dass man mit Theater die Welt verbessern kann, glaube ich nicht. Aber dass man mit bestimmten Theaterbildern für Verstörung sorgen und insgesamt zur Diskussion anregen kann, schon. Ich muss sagen: Ästhetik am Theater interessiert mich gar nicht. Ich sage auch zu den jungen Regisseurinnen und Regisseuren, die hier bei uns am Haus arbeiten: Hier geht es vor allem darum, Geschichten zu erzählen. Und ich selbst kann eigentlich nur Geschichten erzählen, die mich selbst bewegen.

In den "Goldberg-Variationen" geht es um einen Regisseur, Mr. Jay, der die Bibel auf die Bühne bringen will und vor Problemen schier verzweifelt. Inwieweit fühlen Sie sich mit ihm verbunden?
Bei den Proben ist es ganz lustig, weil ich manchmal Dinge vorspiele, also auch von Mr. Jay. Und ich kenne natürlich all das: dass ständig irgendetwas nicht klappt, dass die Schauspieler einem auch mal auf die Nerven gehen. Aber Tabori hat das Stück in Jerusalem angesiedelt. Es gibt die Figuren Masch und Raamah, die vermutlich Juden sind und von Mr. Jay schlecht behandelt werden. Letztlich ist auch er eine antisemitische Figur, dem Tabori Goldberg, den jüdischen Regieassistenten, gegenüberstellt.

Er schmeißt zwischendurch hin und verlässt die Produktion. Wie oft kam das in Ihrer Karriere vor?
Solche Momente gab es immer wieder, schon am Anfang. 1987 wurde ich Regie-Assistent an den Kammerspielen unter Dieter Dorn. Bei der ersten Probe von seinem "Faust" habe ich ein Hanuta gegessen, was in seinen Ohren so laut gekracht hat, dass Dorn mich gleich mal rausgeschmissen hat. Kurze Zeit später hat Volker Schlöndorff "Frauen vor Flusslandschaft" inszeniert. Es gab eine spürbare Aggression im Ensemble gegenüber Schlöndorff, weil er sie nicht so beachtet hat, wie sie das wollten. Mir wurde von einem Schauspieler sogar eine Tasse Kaffee ins Gesicht geschüttet, mit den Worten: "In dieser Produktion kann ja nicht mal der Regieassistent Kaffee kochen!" Es war furchtbar. Ich hatte zuvor eine eigene Theatertruppe auf dem Land gehabt, wir waren alle Freunde gewesen, und dann diese Ellbogengesellschaft und dieser Druck – das habe ich nicht ausgehalten und bin gegangen.

Sie haben dann 1990 erstmals die Passionsspiele in Oberammergau inszeniert und sind ein Jahr später an die Kammerspiele zurückgekehrt. Mittlerweile ist viel passiert. Ist Ihr Nervenkostüm jetzt trainiert?
Schon, aber man wird auch empfindlicher, weil man vieles schon erlebt hat und nicht mehr erleben möchte. Aber das ist nun mal das Schöne und das Schwierige am Theater: dass da ein Haufen Leute zusammenarbeitet und jeder ganz eigen ist. Das muss sich jedes Mal aufs Neue zusammenrütteln.

Der Regisseur ist auch ein Psychologe.
Ein bisschen schon. Und manchmal auch ein Psychopath (lacht).

Mr. Jay erscheint auch als eine Art Gott. Wie oft haben Sie sich schon als Gott gefühlt?
Na, gar nicht. Ich mag das auch nicht: dass ich derjenige bin, der irgendwelche gottähnlichen Befehle gibt. Als Intendant muss ich aber nun mal Entscheidungen treffen. Ich habe zum Beispiel schon gespürt, dass es für alle hier eine große Umstellung war, bereits im Mai in die Sommerpause zu gehen, aber ich fand das für das Haus einfach sinnvoll. Ich sage dann aber auch, redet mit mir, sagt mir, wenn euch etwas nicht passt. Ich bin glaube ich kein Mensch, vor dem man Angst haben muss.

Um seine Autorität aufrechtzuerhalten, muss man aber wohl eine gewisse Distanz bewahren.
Ja. Ich kann mich erinnern, dass ich 1993 an den Kammerspielen "Edward II." inszenierte. Mit dem Hauptdarsteller Sebastian Rudolph habe ich mich im Hof wahnsinnig über das Stück gestritten. Dieter Dorn hat uns dabei oben vom Fenster aus beobachtet und mich danach zu sich gerufen. Er warnte mich: "Keine zu große Nähe zu den Schauspielern! Am Ende hintergehen sie dich!" Da dachte ich mir, aha, das ist also dein Erfahrungswert. Ich möchte aber erstmal selbst meine Erfahrungen sammeln. Und ich sage heute noch: Jeder, den ich hier am Volkstheater einstelle, sollte ein Mensch sein, mit dem ich mir auch vorstellen kann, abends ein Bier trinken zu gehen. Das darf man dann nicht allzu oft machen, sonst werden die anderen eifersüchtig. Aber von Grund auf sollte diese Sympathie da sein.

Wie probt es sich jetzt im Sicherheitsabstand? Sie sind eigentlich ein sehr physischer Regisseur.
Ehrlich gesagt: Ich hasse es. Es passiert in dem Stück so vieles, dass man jetzt anders machen muss. Da spuckt Jay Goldberg zum Beispiel ins Gesicht – geht nicht. Im Gegenzug küsst Goldberg Mr. Jay – geht nicht. Aber man muss diese Verachtung und überraschende Reaktion doch irgendwie zeigen, sonst geht etwas verloren. Also musst du dir jedes Mal wieder etwas anderes einfallen lassen.

Goldberg wird von Mr. Jay kurzerhand als Jesus besetzt und gekreuzigt. Holen Sie die Kreuzigung nach, die Sie wegen des Ausfalls der Passionsspiele in Oberammergau nicht zeigen konnten?
Genauso ist es. Das Kreuz der Passionsspiele ist zu groß für die Bühne hier. Aber wir haben aus Oberammergau eine mechanische Lanze mitgebracht, mit der Goldberg in die Seite gestochen wird.

Sie sind auch noch mit dem Volkstheater-Neubau im Schlachthof-Viertel beschäftigt. Wie steht’s?
Es sieht schon wirklich großartig aus. Ich stehe manchmal da drüben und denke mir, wir bauen uns gerade einen Dom, weil das alles so groß ist. Wir bekommen einen Schnürboden, Hinterbühnen, mehr Werkstätten, mehr Bühnen. Der Hauptsaal ist größer als hier, wobei ich dort auch nicht mehr Platz als für 600 Zuschauer haben will. Ich finde, 600 reicht aus, sonst verflüchtigt sich die Atmosphäre. Dazu haben wir eine mittelgroße Bühne, eine kleine Bühne und einen Probenraum, der direkt neben dem Foyer ist und auch für Aufführungen, etwa bei "Radikal jung", nutzbar ist.

Mehr Bühnen bedeutet auch mehr Mitarbeiter, oder?
Wir haben hier rund 100 Mitarbeiter, im Neubau werden es sicherlich mehr werden. Und auch das Ensemble muss vergrößert werden, von 15 auf mindestens 20 Schauspieler. Wir hatten bislang ein Budget von 9 Millionen, das wird auf 15 aufgestockt, wobei ein Großteil ins Personal fließen wird.

Wird es auch wesentlich mehr Produktionen geben?
Nein. Wir haben derzeit pro Spielzeit zwischen neun und zehn Premieren. In Zukunft wird es zwei oder drei mehr geben. Ich halte das für eine eigenartige Entwicklung, dass manche Häuser fast 30 Premieren pro Jahr zeigen, um die drei Premieren pro Monat! Ich will das nicht. Ich glaube auch nicht, dass man die Leute mit so vielen Aufführungen totschlagen muss. Und wie soll das Team das alles schaffen?

Apropos Totschlagen: Mr. Jay meint im Stück, das Theater sei eine Flucht vor der Sterblichkeit. Und: "Die Bühne ist die einzige Alternative zur Leichenkammer." Können Sie das unterschreiben?
Ich war vor kurzem bei einem Talk über das Theater in Zeiten von Corona. Anwesend war auch der jüngste Tänzer des Bayerischen Staatsballetts. Der meinte, wenn er nicht tanzen kann, lebt er nicht, dann überlebt er nur. Jeder Job, wenn man ihn einigermaßen gerne macht, ist eine Form von Flucht. Man will sich nicht in der Leichenkammer aufhalten und auf das Sterben warten. Man will leben.

Bei Ihnen ist die Verschiebung der Rente also schon vorherbestimmt?
Das weiß ich nicht. Ich weiß ja gar nicht, wie alt ich werde. Ich bin jetzt 58 und habe Freunde gleichen Alters, die jetzt schon über ihre Rente nachdenken. Wieso sollte man das, wenn man voll im Saft ist?

Sie könnten ja vielleicht eines Tages in Indien…
…ein Haus kaufen und auf der Terrasse in der Sonne liegen? Nein, dann mache ich in Indien Theater.

"Die Goldberg-Variationen": heute, 20.30 Uhr, im Garten des Volkstheaters; bei schlechtem Wetter auf der großen Bühne Die Verleihung des Abraham-Geiger-Preises findet am Sonntag, 11 Uhr, im Volkstheater statt (Geschlossene Veranstaltung). Die Laudatio hält die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch. Im Anschluss werden die "Goldberg-Variationen" gezeigt.


 
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