Münchner Volkstheater Apokalypse wow: „Das hässliche Universum“ von Laura Naumann

Revue mit Songs: Vincent Sauer, Anne Stein, Nina Steils und Silas Breiding in „Das hässliche Universum“ von Laura Naumann. Foto: Arno Declair

Sapir Heller inszeniert „Das hässliche Universum“ im Volkstheater als sensationell gute Show

 

Vielleicht muss diese Erde ja, Corona-gebeutelt wie sie eh schon ist, mitsamt uns Menschen endlich untergehen, damit die Chance für einen Neuanfang, einen Reload unter neuen Vorzeichen besteht.

Dass die Apokalypse nah ist, sieht man im Volkstheater von Anfang an, wobei es offenbar ein Abgang mit Party-Feeling wird. „The Goodbye Show“ hängt als rosa glühendes Neonzeichen über der Bühne, eine lang gestreckte Lichterkette bauscht sich darunter wolkig.

Ein fröhlicher Tauchgang

Die Vier, die darunter auftreten, wirken allein schon optisch wie eine Truppe, die der Schatzkiste der Kulturgeschichte und Popmythen entsprungen ist: Silas Breiding sieht in seiner Rüstung aus wie Drachentöter Siegfried. Anne Stein ist so blondmähnig und glitzernd aufgedonnert wie Country-Legende Dolly Parton. Die blumenbestückte Nina Steils wirkt wie eine Wiedergängerin von Frida Kahlo. Und wer in dem schnauzbärtigen Vincent Sauer nicht eine Kopie von Freddie Mercury erkennt, muss blind oder von einem anderen Stern sein.

Es ist ein fröhlicher Tauchgang in das, was schon mal da war, schön ausstaffiert von Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Van Leen. Das Performer-Team besteht nicht aus Originalen, sondern lauter Imitaten, denen bewusst ist, dass die Apokalypse naht und sie es davor noch mal richtig krachen lassen müssen.

„If it’s a funeral, let’s have the best funeral ever!”, ist das Motto der Beerdigungs-Band, was ebenfalls ein Zitat ist. Die Elektro-Punk-Rocker von LCD Soundsystem verkündeten mit diesem Spruch ihre Auflösung, nicht ohne davor noch mal auf (die gar nicht letzte) Tournee zu gehen.

Kapitalistische Überlegungen gehören zur Popkultur dazu, Vermarktungsstrategien verseuchen jede öffentliche Tat, jeden Internet-Post. Kein Wunder also, dass die Vier von einer Heilsfigur träumen, die das Zeug zu einer echten Rebellin gegen das pervertierte System hat.

Zündeln am Weltenbrand

Von einer Rosa palavern sie, häufen Gerüchte auf Gerüchte über sie, relativieren sich gegenseitig, was als kleine satirische Einlage auf den Fakten-und-Fake-News-Wirbelsturm unserer digitalen Zeit hervorragend lustig funktioniert. Eine Botschaft von Rosa schält sich jedoch klar heraus: „Alles muss brennen“, schreibt sie an alle und wird so zur Mitzündlerin in Sachen Weltenbrand.

„Das hässliche Universum“ der jungen Dramatikerin Laura Naumann wurde 2017 in Frankfurt uraufgeführt, hat dabei nichts an Aktualität verloren. Endzeitstimmung geht halt auch immer. Dabei wirkt das Stück recht konfus, wirft Figuren wie eine alleinerziehende Mutter oder einen Influencer, der sich als „engagierter Bürger“ im Netz inszeniert, in ein Handlungschaos hinein, in dessen Lauf auch noch unsere Kanzlerin Opfer eines Attentats wird.

Dass man solche erzählten Katastrophen eher unberührt quittiert, tut dem Vergnügen an diesem Abend keinen Abbruch. Denn Sapir Heller, die einst Schauspiel- und Musiktheaterregie an der Theaterakademie August Everding studierte, beweist hier erneut ihr Talent für klangvolle, pointiert rhythmisierte Inszenierungen. Ging es in „Amsterdam“, ihrer letzten Arbeit fürs Volkstheater, noch um die Folgen des Holocaust, aber in Form einer von drei Figuren erzählten Drehbuch-Pitching-Session, bei der sich die dahinfabulierten Plots, ähnlich wie nun die Gerüchte um Rosa, heiter bis dramatisch widersprachen, so ist sie mit „Das hässliche Universum“ noch mal mehr bei einer Theater-Revue angekommen, deren Nummern dank eines hochmusikalischen Ensembles glänzen.

Sensationell singende Schauspieler

In den vierstimmig gesungenen Songs geht es um das, was man hat („Mein Haus, mein Hemd, mein Kind…) oder nicht mehr hat („Kein Geld, keine Zeit, keine Ahnung…). Gegen Ende bricht Anne Stein, die Dolly-Blondine, gar in eine fulminante Tirade der „Nein“s aus („Nein Gott, nein Dosenbier, nein Dichotomie…“), bis sie eine Corona-Maske und dann auch sich selbst auf den Boden schleudert.

Zudem covern sie bekanntes Material, teils originalgetreu, wenn die zierlich wirkende Nina Steils den „Song 2“ von Blur hinfetzt, teils sehr eigenwillig und damit originell: „It’s My Life“ von Bon Jovi als eine Art Choral gesungen, ist schon eine deutliche Aufwertung der Vorlage. Dass sie sich dabei auch noch selbst instrumental begleiten, Silas Breiding am Piano, Vincent Sauer und Anne Stein an den Gitarren und Nina Steils am Ende gar an der Querflöte, ist das I-Tüpfelchen auf der Musiksensation.

Zuletzt senkt sich eine Diskokugel herab und stellt die glühende Erde dar. Das Ende ist gekommen, wirkt aber gar nicht mehr so bedrohlich, besonders nicht nach dieser wunderbaren letzten Show. 

Große Bühne im Volkstheater, weitere Vorstellungen: Heute, morgen und 3. August, 20.30 Uhr; 22. August, 17.30 Uhr; 24., 28. August, 20 Uhr; Karten unter Telefon 523 46 55
 

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