Münchner Symphoniker Die scheidende Intendantin als Krisenmanagerin

 Foto: Robert Braunmüller / TV/Medien

Freie Orchester wie die Münchner Symphoniker trifft die Coronakrise besonders hart

 

Bis Mitte April fallen allein 17 Konzerte der Münchner Symphoniker aus. Wie es weitergeht? Die AZ hat mit der scheidenden Intendantin Annette Josef gesprochen, die jetzt als Krisenmanagerin noch einmal richtig gefragt ist.

AZ: Frau Josef, könnten Sie uns die Grundlagen der Finanzierung des Orchesters erklären?
ANNETTE JOSEF: Die Münchner Symphoniker gehören zu den nicht-staatlichen Orchestern Bayerns. Das heißt, wir werden zwar vom Freistaat und anderen Zuwendungsgebern unterstützt, aber nicht voll subventioniert. Somit müssen wir immer rund 30 Prozent unseres Jahresbudgets selber einspielen. Der größte Förderer ist der Freistaat Bayern, dazu kommen die Landeshauptstadt München und weitere kleinere Förderer. Sehr lange und sehr treu unterstützt uns darüber hinaus die Stadtsparkasse München. Wir haben also eine sehr diverse Aufstellung. Ein schönes Signal für uns ist, dass alle großen Förderer signalisiert haben, uns weiter zur Seite zu stehen, obwohl wir derzeit nicht konzertieren können.

Auch die Stadtsparkasse?
Ja. Es ist insofern für beide Seiten eine schwierige Situation, als wir mit der Stadtsparkasse einen Sponsorenvertrag haben und deshalb bestimmte Leistungen erbringen müssen, die derzeit nicht stattfinden können. Wir führen da aber sehr konstruktive Gespräche.

Nun fallen aber erst einmal diejenigen 30 Prozent des Budgets weg, die durch die Konzerte erwirtschaftet werden.
Das ist momentan die größte Aufgabe. Wir versuchen gerade, alle Werkzeuge, die uns zur Verfügung stehen, zu betrachten und zu bewerten. Das ganz große Problem ist, dass wir viel Geld über die Engagements durch Veranstalter, auch durch Festivals, einspielen. Genau da ist enorm viel weggebrochen. Wir wären am 9. März nach Japan gefahren. Bis zum 19. April fallen de facto 17 Konzerte weg – und da fehlt uns ein Haufen Umsatz. Das fällt zwar, rechtlich gesehen, unter die sogenannte „Höhere Gewalt“, aber wir wollen natürlich auch mit unseren Partnern kollegial umgehen und nicht zuletzt nach der Krise weiterhin gut zusammenarbeiten. In dieser Situation wäre es für uns eine tolle Sache, wenn das Publikum dem Orchester, aber auch Solisten, Dirigenten und Veranstaltern, in der Form zur Seite stehen würden, dass etwa das Geld für Karten zunächst nicht zurückverlangt würde.

Das wäre also dann die sogenannte Gutschein-Lösung?
Da gäbe es für die Fans wunderschöne Möglichkeiten, Flagge zu zeigen: zunächst die Gutscheine, also sozusagen eine Wette auf das nächste Konzert abzuschließen. Oder es gäbe die Möglichkeit, den Kartenpreis zu spenden. Wir sind ein eingetragener Verein und dürfen auch eine Spendenquittung ausstellen. Ganz, ganz toll wäre für uns, wenn möglichst viele das Vertrauen hätten, ein neues Jahresprogramm für die nächste Saison abzuschließen.

Wie sieht es denn mit finanziellen Rücklagen aus?
Das ist ein Problem, weil wir als Zuwendungsempfänger, und das durchaus zu Recht, nach den Vorschriften nur sehr geringe Rücklagen bilden dürfen – selbst, wenn wir das könnten.

Derzeit weiß keiner, wie es nach den Osterferien weitergeht. Wie weit planen Sie im Voraus?
Wir betrachten alle möglichen Szenarien. Derzeit bemühen sich alle, Konzerte zu verschieben. Aber jede Entscheidung in dieser Beziehung ist absolutes Glaskugellesen. Eine seriöse Planung ist schlichtweg nicht möglich. Einige Konzerte, die im Frühjahr hätten stattfinden sollen, werden nun in den Herbst und Winter verschoben. Aber das geht nur in einem gewissen Ausmaße. Bevor wir Konzerte absagen, brauchen wir aus finanziellen Gründen Rechtssicherheit. Und das nächste Thema lautet: Ab wann können wir wieder die Verantwortung übernehmen, eine Veranstaltung tatsächlich durchzuführen? Das ist für alle eine zermürbende Situation.

Üben die Orchestermusiker auch während des sogenannten Shutdowns weiter, sozusagen für sich?
Die Herausforderung ist: Wie schaffen wir es als Orchester, den Kontakt aufrechtzuerhalten, diese Gemeinschaft zu leben, auch, wenn wir nicht physisch zusammen kommen können. Was heißt das für einen Klangkörper, dass er sich bald vier Wochen lang nicht gesehen haben wird? Wir sammeln jetzt Ideen, wie Zusammenarbeiten innerhalb des Orchesters entstehen. Wichtig wird die Plattform „Digitaler Raum“, um weiterhin sichtbar zu sein.

Geht das in Richtung der digitalen Konzerthalle?
Eine schöne Idee. Nur: Die Münchner Symphoniker sind in jedem Haus nur zu Gast. Wir haben nur einen Probenraum gemietet, für solche Übertragungen aber braucht man ein eigenes Haus, wo die technische Ausrüstung bereits vorhanden ist, sonst wird es sehr teuer. Da kommt ein gewisses Ungleichgewicht zum Tragen: Bei großen Strukturen wie etwa der Bayerischen Staatsoper oder den Münchner Philharmonikern ist diese Technik bereits vorhanden, für uns wäre das Streamen ein finanzieller Kraftakt, den wir nicht leisten können.

Könnten nicht wenigstens die einzelnen Instrumentalgruppen über Videokonferenz im Kontakt bleiben, zum Beispiel Proben abhalten?
Das Problem beim Digitalen ist, dass man immer sehr viel Zeitverzögerung in der Übertragung hat. Was man bei uns aber jetzt schon auf Facebook und auf unserer Website finden kann, sind Kammermusikensembles, die sich zusammengefunden und etwa ein Video mit dem Flötenquartett von Mozart eingespielt haben oder das Filmmusik-Thema aus „Superman“. Die Musiker berichten, dass man ganz anders miteinander kommunizieren muss, weil man ja nicht alles direkt zeigen kann.

Sie beenden demnächst Ihre Intendanz bei den Münchner Symphonikern. Wo geht es hin?
Ich wechsle nach Leipzig. Das stand aber schon lange fest, bevor Corona überhaupt auf dem Schirm war. Mein Nachfolger wird Tillman Dost, mit dem ich schon jetzt in sehr engem Kontakt stehe, und wir werden das Schiff zusammen durch diese Krise steuern. Ich selbst wechsle zum MDR. Da wird ein neues Klassik-Kompetenzzentrum aufgebaut, das ist eine etwas andere Herausforderung als die Münchner Symphoniker. Die Idee ist hier, dass man alle Klangkörper, den Education-Bereich, den MDR-Musiksommer und die MDR-Klassik-Redaktion unter einem Dach versammelt, um Synergieeffekte zu gewinnen. Ich baue dieses Zentrum mit auf und werde dessen Leiterin sein.

Kann das Publikum auch in der Krise mit dem Orchester im Kontakt bleiben?
Das Schöne, was in der Musik durch nichts zu ersetzen ist, ist das Live-Konzert, diese wenn auch stumme Interaktion zwischen Musikern und Hörern. Aber es gibt eine schöne Möglichkeit, im Kontakt zu bleiben. Wir alle, Musiker, Mitarbeiter der Verwaltung, auch die Intendanz, werden oft von Hörern in Konzerten viel gefragt, meist nebenbei, etwa in den Pausen. Das sind Fragen des Typs: Wie viel haben die Musiker geübt? Gehören die Pauken dem Pauker selbst? Und Ähnliches. Wir freuen uns momentan sehr über genau solche Fragen, die man – frei nach Woody Allen – sich vorher nicht zu fragen wagte, und die man etwa über unsere Website an uns stellen kann. Es wäre schön, mit dem Publikum im Kontakt zu bleiben – ohne, dass es immer gleich um Geld geht.

Die Münchner Symphoniker sind über die Website www.muenchner-symphoniker.de zu erreichen.

 

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