Münchner Stadtmuseum Schöner Lernen mit Lichtbildern

Gustave Le Gray: Le Brick, Zweimaster im Mondschein, 1856, Albuminpapier Foto: Archiv der Universität der Künste, Berlin

An den Kunstakademien spielten Fotografie-Vorlagen eine wichtige Rolle. Das zeigt die Sammlung der Universität der Künste Berlin im Münchner Stadtmuseum

 

Unter den Malern der Gründerzeit und auch später noch hat es zum guten Ton gehört, gegen die Fotografie zu stänkern. Arnold Böcklin zum Beispiel war der Meinung, sie hebe unwesentliche, kleinliche Geschichten hervor und lasse die Gesamtform fast verschwinden. Überhaupt würden Maler, die sich nach Fotografien bildeten, vieles in ihre Malerei aufnehmen, das gegen alles Künstlerische und gegen die Natur sei.

Amüsanterweise hat das Böcklin nicht davon abgehalten, selbst mit Fotografien zu arbeiten. Und er war bekanntlich nicht allein, die Reihe der „Fotografie-Nutzer“ liest sich wie ein Who’s Who der Malereigeschichte seit 1850. Doch in der Öffentlichkeit hielt man sich damit bedeckt: Betriebsgeheimnis. Der gute Ruf stand auf dem Spiel.

Verblüffende Vielfalt

An den Akademien war man dagegen sehr viel weniger zimperlich. Davon erzählt in Deutschland vor allem die Lehrsammlung der Berliner Universität der Künste, die jetzt in ihrer verblüffenden Vielfalt im Münchner Stadtmuseum zu sehen ist – kuratiert vom Leiter der fotografischen Sammlung Ulrich Pohlmann. Und um eines gleich vorweg zu nehmen: Namen spielen kaum eine Rolle. Hier haben eher die Unbekannten und Anonymen auf den Auslöser gedrückt, dabei ist die Qualität vieler dieser frühen Fotografien nicht zu verkennen.

Es sind allerdings auch prominente Lichtbildner dabei. Der neusachliche Albert Renger-Patzsch etwa und Alfred Stieglitz, der in ganz jungen Jahren, um 1887, Genrehaftes in Italien aufgenommen hat, darunter ein „Mädchen mit Kiepe“ und eine Schöne namens „Marina“. Der Amerikaner studierte in Berlin Maschinenbau, deshalb gelangten auch diese Fotografien in die Lehrsammlung.

40 000 Blätter sind in der Zeit von 1850 bis 1930 zusammengekommen, dass sie zwei Weltkriege unbeschadet überstanden haben, grenzt an ein Wunder. Vergleichbares gibt es jedenfalls nur noch in Paris, London und Petersburg. Doch erst in den letzten Jahren konnte diese „Gebrauchssammlung“ durch Mittel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung inventarisiert, digitalisiert und identifiziert werden. Oft genug sind weder der Fotografenname, noch das Datum der Entstehung vermerkt; es ging ja lediglich um Vorlagen für möglichst alle Bereiche der Malerei.

Husaren in freier Wildbahn

Das reicht von Pflanzen und Landschaften über Akte und Porträts bis hin zu Militärmanövern. Die „Schwarzen Husaren“, die der experimentierfreudige Ottomar Anschütz 1883 in freier Wildbahn im historienbildtauglichen Querformat einfängt, konnten ohne Umschweife auf einem Gemälde landen. Und die detailgenauen Messbilder des Bauingenieurs Albrecht Meydenbauer vom Straßburger Münster haben den angehenden Künstlern das Zeichnen in schwindelerregenden Höhen erspart.

Manches war ja kaum mit dem bloßen Auge zu erfassen. Eadweard Muybridges chronofotografische Studien splitten Bewegungen auf, und gerade seine Tieraufnahmen bringen etwas zum Stillstand, das man in natura niemals so schnell in eine Zeichnung umsetzen könnte.

Es gibt übrigens auch interessante Rückbezüge: Der Tiger, den Thomas James Dixon 1880 im Londoner Zoo aufnimmt, wird 1886 von Paul Meyerheim ins Gemälde „Tigerfamilie“ übertragen. Und man darf davon ausgehen, dass der Künstler auch die anderen Tiere auf Fotografien vorfand. Das zeigt, wie geschickt die Maler des 19. Jahrhunderts ihre Bilder zusammenmontiert haben. Der Clou ist dann zwei Jahre später die Reproduktion der Raubkatzen Meyerheims durch den Münchner Fotografen Franz Hanfstaengl. Besser kann man ein Motiv eigentlich nicht verwerten.  

Nur keine Kunst

Passepartout und Rahmung tun hier natürlich ihre Wirkung tun. Was auf Pappkartons geklebt durchs Klassenzimmer gereicht wird, bleibt Hilfsmittel. Gut gehängt im Museum kommen selbst die wie kolorierte Bronzen anmutenden Orangen-Aufnahmen (1878-1885) der Fratelli Alinari noch einmal wertvoller zur Geltung. Würde man die Datierungsschilder entfernen, könnte man sowieso einiges für zeitgenössische Stilllebenfotografien halten.

Und schließlich sind da die Pflanzen-Ikonen Karl Blossfeldts. Der Fotograf hat als Modelleur begonnen und an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums in Berlin den Studenten bald auch das „Modellieren nach lebenden Pflanzen“ beigebracht. Seine Lernmittel-Skulpturen sind nun den bekannteren Fotografien gegenübergestellt, und man weiß gar nicht, was man eindrucksvoller finden soll, den minutiös geformten Ahornstengel (1892) auf einem Holzsockel oder die Fotografie von einem austreibenden Blütenspross, der sich elegant wie eine Schleiertänzerin in den Raum hineinwindet.

Nur: Blossfeldt wollte seine Arbeit partout nicht als Kunst verstanden wissen. Aber mit dieser Haltung war er keineswegs allein.

„Vorbilder/Nachbilder. Die fotografische Lehrsammlung der Universität der Künste Berlin 1850-1930“, bis 14. Juni im Münchner Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1, Di bis So 10 bis 18 Uhr, Katalog (Snoeck Verlag) 39,80 Euro 

 

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