Münchner Rundfunkorchester Ivan Repušic dirigiert Igor Kuljeric

Der kroatische Dirigent Ivan Repušic. Foto: BR

Igor Kuljerics „Kroatisches glagolitisches Requiem“ in der Herz-Jesu-Kirche

 

Gleich vier Wappen und Logos prangen im Programmheft zu diesem Konzert der Reihe „Paradisi gloria“: Neben dem federführenden Bayerischen Rundfunk waren etwa noch die Stadt Zagreb und die Republik Kroatien an der Produktion beteiligt, die derzeit den Vorsitz im Rat der EU innehat. Und die Tochter des 2006 verstorbenen Komponisten ist auch da.

Der offizielle Touch passt gut zu diesem aufwendigen Werk „Hrvatski glagoljaski rekvijem“ des 1938 geborenen Igor Kuljeric, der seinerzeit eine zentrale Gestalt im kroatischen Musikleben war, hierzulande aber kaum bekannt wurde. Denn das Stück hat einen eindeutig programmatischen Zug: Es soll mit elementarer Melodik und holzschnittartigem Kontrapunkt eine Art Urbild kroatischer Musikkultur begründen.

Daher die Verwendung der kirchenslawischen und in glagolitischer Schrift notierten Version des lateinischen Messtextes, das dieses „Kroatische glagolitische Requiem“ als eine Art spätes Schwesterwerk zur 70 Jahre vorher komponierten „Glagolitischen Messe“ von Leoš Janáček ausweist. Von den avantgardistischen und popkulturellen Interessen, die Kuljeric in den 1970er und 80er Jahren verfolgt hatte, findet sich im 1995/96 komponierten Requiem nichts mehr. Vielmehr schuf Kuljeric eine reine, in sich geschlossene, zeitlos anmutende Klangwelt.

Aus den Grüften eines Bergklosters

Die tragende Rolle kommt hierbei der altertümlichen Sprache zu, die der Chor des Bayerischen Rundfunks (Einstudierung: Michael Gläser) so trennscharf deklamiert, als ob er immer schon auf Altslawisch gesungen hätte. Herrlich allein die tiefsten Bässe: Sie hallen in der Herz-Jesu-Kirche wie aus den Grüften eines verschollenen Bergklosters wider. Mit Inbrunst im Herzen gestalten auch die vier vorzüglichen Gesangssolisten ihre Partien, allen voran die eindringlichen Stimmen der Sopranistin Kristina Kolar und der Mezzosopranistin Annika Schlicht.

Eine sinnvolle Ergänzung ist die vom kroatischstämmigen Schauspieler Miroslav Nemec zunächst in Originalsprache, dann in deutscher Übersetzung rezitierte spätmittelalterliche Dichtung „Tu mislimo/Hier in Gedanken“.

Sympathische Naivität

Der urtümlichen Atmosphäre des Requiems, der auch eine gewisse sympathische Naivität anhaftet, können sich die in seltener Stille lauschenden Zuhörer nicht entziehen. Es ist also schön, dass Ivan Repušic, der Chefdirigent des Münchner Rundfunkorchesters, dessen Programm mit einem so besonderen Werk aus seiner kroatischen Heimat bereichert. Dennoch bleibt am Schluss die Frage im Raum, ob Repušic sich darauf auch interpretatorisch voll und ganz einlässt.

Kuljeric komponiert in jedem der sechs Hauptteile vollkommen aus dem Augenblick heraus, indem er die Texte in viele kleine, einander ähnliche Bausteine auflöst, die keinen eigenständigen musikalischen Formverlauf ergeben. Müsste man diese einzelnen Augenblicke dann aber nicht in ihrer Isolierung noch sinnlicher gestalten, müssten nicht etwa die Streicher satt, auch einmal erdig klingen statt vibratoarm neutral? Müsste dieser archaische Koloss nicht überhaupt in seiner Unbehauenheit fast körperlich greifbar werden?

Repusic koordiniert die unregelmäßigen Rhythmen mit schlagtechnischer Geläufigkeit, doch unterläuft ihm dabei auch eine gewisse Stromlinienförmigkeit, welche die Ecken und Kanten der Musik ansatzweise schleift und glattpoliert.

Ein Mitschnitt wird am 23. Februar, 19 Uhr, auf BR-Klassik gesendet. Auf www.br-klassik.de ist es schon vorher zu hören

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading