Münchner Rundfunkorchester Die neue Saison als Wunschkonzert

Das Münchner Rundfunkorchester im Prinzregententheater. Foto: Felix Broede/BR

Das Münchner Rundfunkorchester beginnt mit ersten Proben und plant die kommende Saison – unter Vorbehalt

 

Bei kommunalen Orchestern draußen im Land droht Kurzarbeit. Musiker der Münchner Philharmoniker sitzen am Bürgertelefon, arbeiten im Gesundheitsamt oder in einem städtischen Logistikzentrum. Die Klangkörper des Bayerischen Rundfunks überraschen seit bald zwei Monaten durch Ruhe, obwohl es nicht mal externe Technik für einen Livestream bräuchte, wie ihn die Staatsoper unter Beteiligung des Bayerischen Staatsorchesters jeden Montag ins Internet stellt.

Veronika Weber, der Managerin des Münchner Rundfunkorchesters, ist das Thema ein wenig unangenehm. Sie musste im März ihre Musiker mitten in den Proben zu Benjamin Brittens „A Midsummer Night’s Dream“ im Prinzregententheater nach Hause schicken. Das kleinere der beiden Orchester des Senders sei im Homeoffice. Ihr wären die Hände gebunden, weil jede Aktivität vom Betriebsarzt des Senders abgenommen werden müsse. Aktivitäten auf Social Media habe es sehr wohl gegeben, darunter Pachelbels „Kanon“ als Computer-Schalte zu Ostern, ein Blechbläserstück aus dem Hof des Bayerischen Rundfunks sowie einen Muttertagsgruß.

Viel zu tun

Ralf Klepper, der Sprecher des von den Musikern als Vertreter gewählten Orchestervorstands betont, dass er und seine Kollegen keineswegs auf der Terrasse den Frühling genießen würden. „Ich hatte als Vorstand noch nie so viel zu tun“, sagt er. Dass man sich am Instrument fit halte, sei noch die leichteste Übung. Ihm fehle aber das Zusammenspiel mit den Kollegen, zumal auch kammermusikalische Aktivitäten derzeit ausgeschlossen seien.

„Wir stehen gleichzeitig auf Gas und Bremse“, sagt Veronika Weber. Die Musiker der Klangkörper des Senders seien an ihren Arbeitsplätzen – soweit sie es dürften. „Uns sind im Moment sehr die Hände gebunden“, sagt Veronika Weber. „Ich kann derzeit nur 15 Streicher und vier bis fünf Bläser disponieren.“ Das Rundfunkorchester testete zuletzt bei einer „Proben-Probe“ mit positivem Ergebnis, inwieweit Aufnahmen mit nur einem Musiker am Pult möglich seien.
Für den 24. Mai planen die Musiker mit den Kollegen vom Symphonieorchester und dem Chor des Bayerischen Rundfunks eine dreistündige Gala zugunsten des Nothilfefonds der Deutschen Orchesterstiftung. Dafür wird seit gestern in kleiner Besetzung geprobt und Einzelnes vorab aufgenommen.

Nicht ohne Plan B

Für den Rest der laufenden Spielzeit ist das Münchner Rundfunkorchester wie alle Kulturveranstalter von den kurzfristigen Entscheidungen aus der Politik abhängig. Es ist unklar, ob die Philharmonie, der Herkulessaal oder das Prinzregententheater in dieser Spielzeit noch öffnen werden.

Die konzertante Aufführung von Rossinis „Le comte Ory“ hat Veronika Weber bereits auf übernächste Spielzeit verschoben. „Uns ist völlig klar, dass wir für die neue Saison ab Herbst einen Plan B in der Hinterhand haben müssen, weil wir nicht wissen, wie viele Bläser auf der Bühne sitzen dürfen und welcher Abstand zu den Sängern gehalten werden muss.

Das soeben erschienene Vorschauheft für die kommende Saison dokumentiert daher eher ein Wunschkonzert. Das Orchester möchte Bayerns Schlösser mit Konzerten bereisen und sein Education-Programm ausbauen. Die Sopranistin Krassimira Stoyanova ist „Artist in Residence“. Sie singt unter anderem Puccinis erste Oper „Le Villi“ sowie einen Arienabend. Die Mittwochskonzerte beschäftigen sich mit Lehár und Schubert. An den Sonntagsterminen gibt es unter anderem eine konzertante Aufführung von Bellinis Romeo- und Julia-Oper „I Capuleti e i Montecchi“ und – in bewährter Kooperation mit der Stiftung Palazzetto Bru Zane – „Déjanire“ von Camille Saint-Saëns.

Der Chefdirigent fährt Fahrrad

Mit Giuseppe Verdis „I Lombardi“ setzt Chefdirigent Ivan Repusic seinen Zyklus mit frühen Verdi-Opern fort. Der Dirigent hält sich seit zwei Monaten an der dalmatinischen Küste in Split auf. An „I Lombardi“ reizt ihn die Verbindung aus Massenszenen und intimen Momenten. Repusic hat vielversprechende Sänger wie den jungen Spinto-Tenor René Barbera gewonnen. Die konzertante Aufführung, an der auch ungarische Sänger beteiligt sind, soll anschließend in Budapest und Ljubljana wiederholt werden.

Der 42-jährige Kroate beginnt seinen Tag derzeit sportlich: „Ich fahre jeden Morgen 30 Kilometer mit dem Fahrrad“, sagt er am Telefon. Dann bereitet er sich jeden Tag mindestens drei Stunden auf die Werke der kommenden Spielzeit vor – darunter auch Amilcare Ponchiellis „La Gioconda“, die er an der Deutschen Oper Berlin dirigieren wird. Und wenn ihm noch Zeit bleibt, studiert Repusic an der Adria die Symphonien von Johannes Brahms.

Eigentlich wollte der Dirigent mit seinen Musikern im Herkulessaal die Übergabe der EU-Ratspräsidentschaft von Kroatien an Deutschland feiern. Ob daraus noch etwas wird, ist so fraglich wie überhaupt der Termin eines nächsten Konzerts. Angesichts der Öffnung der Biergärten hält Ralf Klepper ein Freiluftkonzert im Hof des Funkhauses vor wenigen Zuhörern durchaus für möglich. „Uns drängt es dazu“, so der Orchestervorstand. In unmittelbarer Zukunft sei es aber schwierig, Konzerte zu planen, weil viele Musiker einer Risikogruppe angehörten. Das mache bei einem kleinen Orchester selbst Auftritte in Kammerbesetzung nicht einfach.

Komfort und Krise

Das 2005 nur knapp vor der Auflösung gerettete und von 72 auf 50 Stellen verkleinerte Rundfunkorchester beschäftigt vergleichsweise viele Aushilfen. Für die kurzfristig abgesagten Termine konnte Veronika Weber in Absprache mit der Geschäftsleitung des BR anteilige Ausfallhonorare bezahlen. Mitwirkende der abgebrochenen Britten-Aufführung bekamen zwei Drittel des Honorars. Wer für ein längerfristig abgesagtes Projekt engagiert war, bekommt dem Vernehmen nach gar nichts.

Für die kommenden Projekte wird das Orchester bald wieder Aushilfen engagieren. Die sitzen dann, durch die mehrmonatige Pause finanziell gebeutelt, bald wieder neben ihren Kollegen, die dank der Festanstellung bei einem öffentlich-rechtlichen Sender die Krise recht komfortabel hinter sich gebracht haben.  

Die Saisonbroschüre zum Download unter www.rundfunkorchester.de

 

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