Schüsse in Germering Geldautomatensprenger: So lief der Einsatz ab

, aktualisiert am 17.10.2018 - 18:26 Uhr
Die Polizei untersucht den Tatort an der Spardabank in Germering. Foto: AZ

Zwei Verbrecher wollen in Germering einen EC-Automaten in die Luft jagen. Das SEK schießt einen der Täter an – auch drei Beamte werden verletzt.

 

Germering/Gilching - "Kleiner Stachus" heißt der Mittelpunkt von Germering (41 000 Einwohner): Es ist ein asphaltierter Platz mit Wohn- und Geschäftshäusern, auf den fünf Straßen zulaufen. In der Nacht zum Mittwoch wurde er zum Schauplatz eines Showdowns zwischen mehreren Dutzend Polizisten und zwei Männern, die im Verdacht stehen, zu einer Bande zu gehören, die in ganz Deutschland Geldautomaten sprengt.

Schüsse peitschten durch die Nacht, Reifen quietschten, Stahl krachte. Am Ende war ein 27-jähriger mutmaßlicher Verbrecher angeschossen, ein zweiter war geflohen. Auch drei SEK-Beamte wurden verletzt.

Die Bilder vom Tatort, sehen Sie unten im Video.

In München erbeuten Automatensprenger 1,2 Millionen Euro

Die Münchner Polizei war der Bande schon seit einiger Zeit auf der Spur. Bereits im vergangenen Jahr sowie im April und Mai 2018 hatte es in und um München kleinere Serien gegeben: Im Mai leiteten Männer bei der Deutschen Bank in Ottobrunn Gas in den Geldautomaten, zündeten das Gemisch an und flüchteten mit fetter Beute. Nur einen Tag später wurde der Automat im Vorraum der Deutschen Bank in Grünwald gesprengt.

Die Masche der professionellen Täter ist dabei immer gleich: Sie suchen sich Filialen aus, die verkehrsgünstig liegen, damit sie schnell flüchten können. Sie kommen im Schutz der Dunkelheit. Die eigentliche Tat dauert maximal drei Minuten. Die modernen Bankräuber sind mit sehr schnellen gestohlenen Autos unterwegs.

Allein im Raum München wurden bei den beiden Taten 2018 in Ottobrunn sowie zwei Sprengungen 2017 in der Clemensstraße in München und in Grünwald insgesamt mehr als 1,2 Millionen Euro erbeutet. Bayernweit wurden seit 2017 insgesamt 28 Fälle einschließlich Versuchen registriert.

Das Phänomen "Geldautomaten sprengen"

In Bayern ist das Phänomen noch relativ jung und längst nicht so verbreitet wie in anderen Bundesländern. Besonders viele Taten gibt es in NRW, allein 2017 flogen hier 270 EC-Automaten in die Luft. Das Gros der Täter soll zu einer etwa 250-köpfigen Bande aus den Niederlanden gehören. Sie werden "Audi-Bande" genannt – nach ihren bevorzugten PS-starken Flucht-Autos.

In den Niederlanden müssen Geldkassetten in den Automaten mittlerweile mit Farbplomben geschützt werden, um die Beute für die Sprenger nutzlos zu machen – im Gegensatz zu Deutschland, wo die Banken selbst entscheiden können, welchen finanziellen Aufwand sie betreiben wollen, um das Geld zu schützen.

Zugriff auf die "Audi-Bande" - der Ablauf

Seit Dienstagnachmittag hatte die Münchner Kripo Informationen, dass Mitglieder der "Audi-Bande" einen Coup bei München planen. In der Nacht darauf, gegen 2.30 Uhr, war es so weit: Ein schwarzer Audi RS5 quattro hielt vor der Sparda Bank in Germering.

Die Filiale liegt verkehrsgünstig nahe der A96 und A99. Das Auto, das es in vier Sekunden von 0 auf 100 schafft, war gestohlen. Genauso das Kennzeichen. Im Auto lag außerdem ein Austausch-Kennzeichen, das ebenfalls geklaut war. Was die Täter nicht wussten: Die Polizei war bereits ganz nah an ihnen dran.

Der Beifahrer stieg mit einer Propangasflasche aus, ging zur Bank. In diesem Moment gab Kriminaloberrat Markus Kraus, der den Einsatz vom Münchner Polizeipräsidium aus leitete, das Kommando: "Zugriff".

Beamte des Spezialeinsatzkommandos (SEK) rasten von allen Seiten heran, umstellten den Audi, Polizisten sprangen aus ihren Dienstwagen, um die Männer festzunehmen.

Ein Täter rast auf einen Polizisten zu und bricht ihm ein Bein

Doch die setzten alles dran, um zu entkommen. Einer rannte zu Fuß davon, der andere gab Gas und rammte, obwohl er bereits eingekeilt war, mehrere Polizeifahrzeuge.

Der 27-Jährige fuhr auf einen Polizisten zu, klemmte den Mann ein. "Er erlitt einen Schienbein-Wadenbeinbruch", so Markus Kraus. Zwei weitere Polizisten erlitten Prellungen. Mehrere Schüsse fielen. Eine Kugel traf den 27-jährigen Audifahrer in die Schulter. Seinem Komplizen gelang in dem Durcheinander die Flucht.

Auch wenn ein Täter entkommen konnte, ist die Festnahme für die Münchner Polizei ein großer Erfolg. "Wir haben es hier mit hochgradig professionellen Tätern zu tun, sozusagen mit der Champions League. Das betrifft den Modus Operandi der Täter und ihren Umgang mit der Polizei", sagte Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins.

In anderen Städten schossen die Täter offenbar schon um sich

Einsatzleiter Kraus: "Diese Leute nehmen keine Rücksicht auf Verluste – weder auf Polizeibeamte noch auf Bürger. Wie man ja gesehen hat." In anderen Städten sollen Mitglieder der "Audi-Bande" auch bereits geschossen haben. Die Täter vom Kleinen Stachus waren aber wohl nicht bewaffnet.

In derselben Nacht wurden in Gilching noch drei mutmaßliche Komplizen der Automatensprenger festgenommen: Zwei junge Frauen (17, 19) und ein Mann (47) sollen beim Ausspähen von Banken geholfen haben. Der Polizei ist es gelungen, einer Bande, die wohl hunderte Automaten in Deutschland gesprengt hat, einen Schlag zu versetzen. Nur eines bereitet Einsatzleiter Kraus leichte Bauchschmerzen: Mindestens zwei von fünf Dienstwagen sind Schrott – und drei weitere sind schwer beschädigt. Es war ein teurer Einsatz.

 

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