Münchner Philharmoniker Santtu-Matias Rouvali über Sibelius

Der junge finnische Dirigent Santtu-Matias_Rouvali. Foto: Kaapo Kamu

Der finnische Dirigent Santtu-Matias Rouvali über musikalische Vorlieben, Sibelius und die Jagd auf Schwäne

 

Wenn er erzählt, dass er hin und wieder seinen Ausweis zeigen muss, um ein Bier zu bekommen, glaubt man ihm das aufs Wort. Denn der 33-jährige Santtu-Matias Rouvali könnte ohne Frack ohne weiteres als 16-Jähriger durchgehen. Heute gibt der Finne sein Debüt bei den Münchner Philharmonikern, im Februar kehrt er mit den Göteborger Symphonikern in den Gasteig zurück.

AZ: Mr. Rouvali, wie kamen Sie zum Dirigieren?
Santtu-Matias Rouvali: Weil meine Eltern den Babysitter sparen wollten. Meine Mutter spielte zweite Geige im Lahti Symphony Orchestra, mein Vater zweite Klarinette. Mit fünf haben sie mich zu einer Orchesterprobe mitgenommen. Kinder zieht an, was für das Auge was hermacht, nicht ein Fagott. Bei mir waren es der Dirigent und die Schlagzeuger.

Letzteres haben Sie studiert.
Meine Mutter hat mir auch Geigenunterricht gegeben. An der Sibelius-Akademie in Helsinki haben mir meine Lehrer Jorma Panula und Leif Segerstam geraten, in die Dirigierklasse zu wechseln.

Später waren Sie Dudamel Fellow des Los Angeles Philharmoic Orchestra. Was haben Sie da gemacht?
Da bin ich vor allem herumgesessen. Niemand wollte etwas von mir, und Gustavo Dudamel war leider auch nicht da. Aber es hat letztlich nicht geschadet: Vor zwei Jahren habe ich beim Los Angeles Symphony Orchestra debütiert, und man hat mich wieder eingeladen.

Bei den Münchner Philharmonikern ist die Fünfte von Prokofjew das sinfonische Hauptwerk.
Ich liebe russisches Eishockey, russische Musik und alles Künstlerische, was aus Russland kommt. Es ist ein Land großartiger Individualisten. Nur die russische Politik mag ich weniger.

Was dirigieren Sie, wenn nicht Prokofjew auf dem Programm steht?
Die Fünfte dirigiere ich heute erst zum zweiten Mal. Derzeit liegt mein Schwerpunkt auf nordischer und finnischer Musik. Haydn und Mozart können andere besser. Ich habe einige Symphonien von Mahler dirigiert, aber noch keinen Bruckner, weil ich noch nie danach gefragt wurde.

Der bleibt älteren Herren vorbehalten.
Ich sollte es doch einmal mit Bruckner versuchen.

Welchen Eindruck hatten Sie bisher von den Münchner Philharmonikern?
Man hat mir oft gesagt, dass das Orchester sehr konservativ sei. Meine Erfahrung ist eine andere: Die Musiker sind sehr flexibel, mit viel Lust, etwas Neues zu probieren.

Gefällt Ihnen der Gasteig?
Der Saal in Göteborg ist vergleichsweise klein. Bei den ersten Proben im Gasteig war ich mir nicht sicher, ob die Musiker wirklich laut spielen, weil es nicht laut klingt. Bei Proben in Göteborg kann ich mehr an Details feilen. Aber das ist bei Gastspielen normal.

Als Finne gelten Sie naturgemäß als Sibelius-Spezialist, dessen Symphonien Sie gerade aufnehmen.
Sowohl im Konzert mit den Münchner Philharmonikern als auch beim Gastspiel mit den Göteborger Symphonikern dirigiere ich ein Stück dieses Komponisten. Sibelius hilft dabei, Finnland besser zu verstehen. Es ist ein Land zwischen Russland und Schweden.

Sibelius war eine Art Nationalsymbol, als Finnland nach der Unabhängigkeit von Russland strebte und das vor 100 Jahren erreichte.
Seine Tondichtung „Finnlandia“ ist eine heimliche Nationalhymne. Sie durfte wegen der russischen Zensur anfangs nur „Fantasie“ heißen.

Was ist das Finnische an Sibelius?
Ein besonderer Klang, eine eigene unverwechselbare Klangsprache, die man sofort erkennt. Und eine bestimmte Melancholie.

Mit Ihren Göteborgern führen Sie die Symphonie Nr. 5 von Sibelius im Gasteig auf. Der Schluss ist mir ein Rätsel: Eigentlich müsste da das sogenannte Schwanenthema gesteigert wiederkommen. Aber das Stück bricht mit sechs brutalen Orchesterschlägen ab. Warum ist das so?

Meine Erklärung: Der dritte Schlag ist der Schuss auf den Schwan, danach stürzt er ab und ist tot. Damals durften Schwäne noch gejagt werden.

Klingt überzeugend.
Im dritten Schlag gibt es eine Dissonanz, die für mich den tödlichen Treffer ausdrückt. Ich gehe manchmal übrigens selbst jagen – auf kleinere Tiere wie Hasen, Gänse und Tauben. Elche jagt man in der Gruppe, was mich weniger interessiert. Ich jage lieber allein.

Rouvali dirigiert am 9. und 10. Januar 2019 um 20 Uhr „En Saga“ von Sibelius, das Cellokonzert von Elgar (Solistin: Harriet Krijgh) und die Fünfte von Prokofjew, Restkarten an der Abendkasse. Die Göteborger gastieren am 20. Februar 2019 um 20 Uhr unter seiner Leitung im Gasteig. Solistin ist Alice Sara Ott mit dem Liszt-Konzert Nr. 1, Telefon 93 60 93

 

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