Münchner Philharmoniker Mozarts Messe c-moll mit Andrew Manze

Der Dirigent Andrew Manze. Foto: Benjamin Ealovega

Andrew Manze dirigiert die Philharmoniker mit Chor: Die Messe c-moll von Mozart, rekonstruiert von Benjamin-Gunnar Cohrs

 

Bei einer Spieldauer von mindestens einer Dreiviertelstunde fällt es dem Hörer nicht störend auf, dass die Messe c-moll KV 427 von Wolfgang Amadeus Mozart Fragment geblieben ist – es sei denn, er wäre katholischer Dogmatiker. Es ist daher fraglich, ob man sie als Nachgeborener überhaupt vervollständigen muss. Wenn man es partout nicht lassen kann, sollte man es so machen wie Benjamin-Gunnar Cohrs. Der Musikwissenschaftler, der auch an der überzeugenden Rekonstruktion des Finales von Anton Bruckners Symphonie Nr. 9 beteiligt war, greift weitgehend auf andere Stücke Mozarts zurück und integriert diese behutsam und sinnfällig. Es wäre dieser Fassung von 2013 zu wünschen, dass sie sich im Konzertbetrieb weiter bewähren kann.

Fahriger Dirigent

Dann trifft sie vielleicht auch auf phantasievollere Musiker als Andrew Manze. Gerade diesem so ambitionierten Werk mit seinen kühnen langsamen Sätzen wird man nicht gerecht, wenn man immer nur das nächstliegende Durchschnittstempo wählt. Mozarts dunkle Visionen bräuchten existentielle Dramatik, nicht historisierende Gleichmacherei – wenngleich man fairerweise einräumen muss, dass Manze die klanglichen Angebote der Münchner Philharmoniker nicht vollständig ignoriert. Im ersten Teil zeigt sich allerdings, dass Joseph Haydns Symphonik heute selbst für Spitzenorchester nicht mehr selbstverständlich ist. Zwei veritable Fehler, einer in den Streichern, einer in den Bläsern, die in der Symphonie Nr. 104 passieren, dürfen nicht verschwiegen werden. Man ist geneigt, sie Manzes fahrigem Dirigat zuzuschreiben.

In Mozarts Messe macht der Philharmonische Chor am meisten Eindruck, weil er die virtuosen Gesangsparts in der Philharmonie mühelos zum Klingen bringt. Chordirektor Andreas Herrmann hat nicht zuletzt mit schön intonierenden Männerstimmen makellose Ausgeglichenheit hergestellt. Mit ihren heiklen Soloparts gehen die beiden Sopranistinnen sehr unterschiedlich um. Die Amerikanerin Jacquelyn Wagner singt statuarisch, fast steif, die Russin Julia Lezhneva beweglicher und freier. Die ausgefallenen Spitzentöne bewältigt Wagner mit ihrem tendenziell engen, doch gut geführten Organ einen Tick souveräner als Lezhneva, für welche die Partie zu hoch zu liegen scheint. Im Ganzen muss man resümieren: An Mozarts Fragment in c-moll kann man auch heute noch grandios scheitern.

 

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