Münchner Philharmoniker Mit Valery Gergiev in Korea

Valery Gergiev. Foto: dpa

Die Münchner Philharmoniker sind mit ihrem Chefdirigenten Valery Gergiev auf Asien-Tournee

Der Nachtflug war lang; wenn man die Busfahrt vom Flughafen zum Hotel einrechnet, waren alle einen halben Tag unterwegs. Doch schon wenige Stunden nach der Ankunft im südkoreanischen Seoul sind aus den Aufenthaltsräumen im Keller des Hotels Flötentöne zu vernehmen. Geht man durch die Hotelflure, hört man einen Trompeter, der sich einspielt.

Wenn die Münchner Philharmoniker auf Konzerttournee sind, stellt sich kein Urlaubs-Gefühl ein. Selbst professionelle Musiker müssen täglich ihre Fingerfertigkeit üben, die Bläser außerdem ihre Lippenmuskeln trainieren, um ihre Kraft und den butterweichen Ansatz nicht zu verlieren.

Gleich am nächsten Tag, der Jetlag ist noch zu spüren, werden die Philharmoniker voll gefordert. Der Chefdirigent Valery Gergiev ist erst kurz vor dem ersten Konzert aus St. Petersburg eingetroffen. Somit bleibt für eine erste Probe in Seongnam, einer Stadt mit einer Million Einwohnern, etwa eine Busstunde von Seoul entfernt, unmittelbar vor dem Konzert nur wenig Zeit.

Zwar hat das Orchester die Symphonie Nr. 1 c-moll von Johannes Brahms noch in der vorigen Woche im Münchner Abonnement-Konzert gespielt. Doch die vergleichsweise kleine Concert Hall im Seongnam Arts Center ist dem Orchester nicht vertraut – und dazu noch akustisch problematisch, ohne Räumlichkeit und trocken. Während sich der mitreisende Autor dieser Zeilen noch, für ihn eher unerwartet, zum heimischen Gasteig zurücksehnt, zeigt sich Gergiev pragmatisch.

Anpassung an den Saal

Er lässt den Pianisten Yekwon Sunwoo und das Orchester mit dem Klavierkonzert Nr. 3 C-Dur von Sergej Prokofjew auf der Bühne allein und schreitet lauschend im Saal auf und ab, während sich die solchermaßen verwaisten Philharmoniker, vom Konzertmeister Lorenz Nasturica-Herschcovici rudimentär mit dem Geigenbogen geleitet, auch ohne Leitung ganz gut schlagen.

Zurück auf der Bühne, schnipst Gergiev die Musik kurz ab und gibt den Bläsern präzise Angaben: Sie kämen „zu wenig distinkt“ im Saal an und sollten einen „reicheren Ton produzieren“. Sonst wäre die Musik „tot“. Außerdem muss das Kollektiv enger zusammenrücken: eine kleine zusätzliche Herausforderung für die aus München mitgeführten Orchesterwarte.

Es reicht also nur zu einer Anspielprobe, die darauf verwendet wird, die klanglichen Verhältnisse des schwierigen Saals von Seongnam zu korrigieren. Gergiev wählt einige Passagen aus dem Klavierkonzert von Prokofjew aus, die auch der südkoreanische Pianist wie auf Knopfdruck parat hat. Die Ouvertüre zur Oper „Die verkaufte Braut“ von Bedrich Smetana wird ganz durchgespielt.

Für Brahms bleiben nur noch wenige Minuten übrig. Als Gergiev dem Pianisten noch ein paar freundliche Hinweise gibt, intonieren die Posaunen noch rasch ihren Choral aus dem Finale der ersten Symphonie. Eine Dreiviertelstunde später beginnt das Konzert.

Dem Jubel und den Pfiffen nach zu urteilen, bemerkt das Publikum die straffe Vorbereitungszeit nicht. Das liegt vornehmlich an den Münchner Philharmonikern, die sich unter Gergiev energisch dazu animiert sehen, eine ihrer großen Tugenden zu pflegen: das genaue Aufeinanderhören. Es ist bewundernswert, wie genau das Orchester zusammenspielt, als großes Ganzes, aber auch bis in die einzelnen Gruppen hinein. Einige wenige Details mögen, zumal bei Prokofjew, verlorengehen, doch das kann man auch der Akustik zuschieben, die sich durch das anwesende Publikum ja wieder verändert hat.

Hohes Prestige in Asien

Deutlich wird aber auch, dass Gergiev die knappe Vorbereitungszeit wohl gezielt einsetzt. Nicht nur kann er sich auf die exzellenten Musiker verlassen. Sie müssen sich auch seiner Leitung, die auf eine lückenlos klare Zeichengebung verzichtet, bedingungslos anvertrauen. Ein hohes Maß an Spontaneität ist die Folge. Dies kann zu unterschiedlichen Ergebnissen führen.

Bei Brahms Erster übertragen sich sowohl Spannung als auch, vor allem in den Ecksätzen, Spannungsarmut des Dirigenten, der nicht immer über gleichviel an Energie verfügt. Das dritte Klavierkonzert von Prokofjew aber wird mitreißend lebendig präsentiert, zumal auch der 28jährige südkoreanische Pianist Yekwon Sunwoo mit hochgezüchteter Technik und interessant kristallenem Ton begeistert.

Am kommenden Abend sieht es dann schon anders aus. Der Konzertsaal im Sejong Center in Seoul ist mit 3000 Plätzen dreimal so groß wie der in Seongnam und klingt entsprechend ausladend. Er wurde übrigens auf den Tag genau vor 40 Jahren eröffnet; die Philharmoniker wurden wegen des Prestiges, das sie in Asien genießen, für diesen feierlichen Anlass ausgewählt. Auf dem Programm steht nun die Symphonie Nr. 1 D-Dur von Gustav Mahler, der die Akustik weit entgegenkommt.

Gergiev enthält sich aller Übertreibungen, wie sie bei Mahler üblich sind, und das Orchester führt mit feinen Streichern und zarten Hörnern eine delikate Kammermusik vor. Nach dem Konzert stehen hunderte von begeisterten Hörern Schlange, um sich von Sunwoo und Gergiev ihre Konzertprogramme signieren zu lassen. Selbst der Rezensent wird um ein Autogramm gebeten, was er aber natürlich bescheiden abwehrt. Seine Aufgabe ist es, in wenigen Tagen über den Fortgang der Reise, dann aus China, zu berichten.

 

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