Münchner Philharmoniker Mit Valery Gergiev in China

ie Philharmoniker gastierten auch im Kulturzentrum von Hangzou. Der vom Kanadier Carlos Ott entworfene Bau enthält ein Opernhaus und mehrere Säle. Foto: Slawomir Grenda/MPhil

Grenzenloses Vertrauen: Die Philharmoniker setzen unter Valery Gergiev ihre Tour durch Asien in China fort

 

In den Konzertsälen in China sitzt vorn an der Bühne ein Saalbediensteter, dem eine wichtige Aufgabe zukommt. Von Zeit zu Zeit hält er ein elektronisches Schild hoch, auf dem er verschiedene Botschaften anknipsen kann, die er dann in grüner Leuchtschrift an das Publikum sendet: „Bitte ruhig sein“, steht dort auf Chinesisch und Englisch. Oder: „Nicht zwischen den Sätzen klatschen“.

Was hiesige Musikfreunde als Bevormundung empfinden dürften, ist in China durchaus notwendig. Das Publikum ist bisweilen unruhig, immer wieder dudelt ein Handy los. Mitten in die Brahms-Symphonie hinein quäkt ein jazziges Saxophonsolo, eine junge Frau springt auf und rennt mit klackernden Absätzen aus dem Saal. Immerhin telefoniert sie nicht, während die Musik spielt.

Die Münchner Philharmoniker sind merklich irritiert, doch nicht wirklich erstaunt. Im Interview betont Chefdirigent Valery Gergiev denn auch, dass sich das Konzertverhalten des asiatischen Publikums im Verlauf der letzten zwanzig Jahre eher gebessert habe. Und der Markt, der hier entsteht, allein dadurch, dass buchstäblich Millionen von Kindern klassische Instrumente lernen, könne von den europäischen Orchestern nicht ignoriert werden. Als die Münchner Philharmoniker in China ankommen, sind die Kollegen aus Wien, Berlin und Amsterdam bereits da gewesen. Es geht also auch darum, frühzeitig in diesem Bereich der Welt präsent zu sein. Gergiev vermutet, dass er bereits gut zum 20. Mal in China dirigiert.

Aus einem Orchester wird eine Familie

Darüber hinaus schätzt er die Vorteile, die das Tourneeleben für das Orchester hat. Das gemeinsame Reisen würde die Musiker zu einer Familie zusammenschweißen. Die jeweils unterschiedlichen Orte halten das Orchester dazu an, jeweils neu auf die akustischen Gegebenheiten zu reagieren: „Jeder Konzertsaal hat seine eigenen Geheimnisse, die man herausfinden muss.“ Ein wenig maliziös merkt er an, dass er auch in München nicht zu denjenigen gehöre, die klangliche Mängel auf die Saalakustik – gemeint ist natürlich die Philharmonie im Gasteig – schieben würden.

Die Anpassung geschieht in den jeweils höchstens einstündigen Proben direkt vor dem Konzert, in denen Gergiev absichtlich darauf verzichtet, das jeweilige Werk im Ganzen durchlaufen zu lassen. „Es ist nicht wichtig, alles zu erklären“. Er lässt einzelne Stellen anspielen und reagiert dann darauf, wie es klingt. Oft singt er Phrasen mit seinem knarzigen Bassbariton vor: „Da-hii-hii-di-dii.“ Er instruiert die Klarinette, unbeirrt voranzuschreiten, „wie ein Revolutionär“. Wenn das Staccato zu kurz ist, macht er die Bewegung eines davonfliegenden Vogels. Die Musiker sollen dann selbstständig von den Details auf das Ganze schließen. Am Schluss der Probe gibt Gergiev den Musikern gerne ein aufmunterndes englisches „Enjoy!“ mit – „Genießt es!“.

Konstante Veränderung

Kurz: Gergiev hat grenzenloses Vertrauen in die Münchner Philharmoniker: ein Wort, das er geradezu dramatisch ausspricht. Während der Tournee, auf der die Konzerte, oft nur von einem Reisetag unterbrochen, dicht aufeinander folgen, wird deutlicher als im normalen Abonnement-Betrieb, welche Freiheiten der Chef seinen Kollegen zugesteht. Die insgesamt sechs mitgebrachten Werke, darunter die Symphonie Nr. 1 und das Klavierkonzert Nr. 2 von Johannes Brahms, die Erste von Gustav Mahler und das dritte der Klavierkonzerte von Sergej Prokofjew, verändern sich konstant.

Das ist das genaue Gegenteil etwa zur Arbeitsweise Lorin Maazels, der mit seinen eindeutigen Bewegungen stets einen starken Willen durchsetzte. Gergiev hingegen, so kann man beobachten, nimmt es in Kauf, wenn einmal Sand in das Getriebe geweht wird. Dann ist eben einmal ein Einsatz verrutscht. Nicht schlimm. Beim nächsten Mal klappt es wieder.

Im zentralchinesischen Wuhan passiert etwas. Der große Saal hat eine phantastische Resonanz, die Philharmoniker genießen ihren eigenen Schönklang. Die Erste von Brahms gebiert sich förmlich selbst, organisch, zwingend, voller Spannung und Spontaneität. Wie schon in München steht Gergiev ohne Podest quasi inmitten der Musiker. Auf Nachfrage hat er vorher bestätigt, dass diese Positionierung bewusst gewählt ist: Er möchte nicht „über den Spielern stehen“, sondern „auf Augenhöhe“.

Von der Freiheit des Musizierens

Überhaupt komme es auf den Augenkontakt an, so, wie man ja auch im Gespräch nicht primär auf die Hände seines Gegenübers achten würde: „Sie würden sich doch sonst lächerlich vorkommen.“ Das erklärt, warum sich Gergiev außer in Ausnahmefällen, manchmal auf geradezu aufreizende Weise, weigert, ein klares Taktmetrum zu schlagen. Die Musiker sollen aufeinander hören und sich gleichzeitig von seinen Blicken leiten lassen.

Letztlich ist es in der Musik wie auch anderswo, wenn man große Freiheit zulässt. Ob alles gelingt, hängt auch vom Zufall ab, vom Wohlbefinden der Musiker, ihrer Tagesform, auch davon, ob sich soetwas wie Gruppendynamik, Gemeinschaftsgefühl, Inspiration einstellt.

Dass die Münchner Philharmoniker gleichsam vom Geist überkommen werden wie am besagten Abend in Wuhan, lässt sich nicht gezielt und beliebig oft wiederholen. Am Abend darauf im südöstlich gelegenen Hangzhou, das bei der Ankunft schon unter einer dichten Smog-Wolke liegt, ist man schon wieder nicht mehr ganz so zufrieden. Wenn es aber gelingt, sitzen die Münchner Philharmoniker und ihre Zuhörer auf der vordersten Stuhlkante – und heben ab. Hier wird Freiheit als grenzüberschreitende erfahrbar.
 

 

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