Münchner Philharmoniker Gergiev dirigiert Schnittke und Bruckner

Valery Gergiev im Gasteig. Foto: dpa

Die Philharmoniker eröffnen unter ihrem Chef Valery Gergiev ihre Konzertsaison mit Symphonien von Anton Bruckner und Alfred Schnittke

 

Die Münchner Philharmoniker, so scheint es zunächst, haben es nicht wirklich eilig, ihre Konzertsaison zu beginnen. Lange bleibt die Bühne leer, der früheste Vogel gleichsam ist ein Schlagzeuger, der einsam an den Glocken werkelt, ein Trompeter kommt hinzu, dann Flöte, Oboe, Violine, Kontrabass: eine umgekehrte Abschiedssymphonie. Das Publikum lacht, klatscht vereinzelt und redet im Übrigen ungeniert weiter. Irgendwann sitzen alle Musiker auf der Bühne der Philharmonie und spielen vor sich hin. Die ungeheure Kakophonie findet ihr Ende, als Chefdirigent Valery Gergiev auftritt, bewaffnet mit einer riesigen grünen Partitur. Ein Fingerzeig von ihm – und das Chaos lichtet sich schlagartig. Die Symphonie Nr. 1 von Alfred Schnittke beginnt.

Eine so freche Saisoneröffnung ist ein echter Coup. In seinem symphonischen Erstling, uraufgeführt 1974, hatte der deutsch-russische Komponist Schnittke so hochintelligent wie theatralisch effektvoll die Situation des Orchestermusizierens selbst reflektiert. Was passiert, wenn alle Musiker absolut frei handeln? Es führt in ohrenbetäubenden Lärm. Kann man ein Orchester demokratisch organisieren? Nein, denn dann kämpfen alle gegen alle. Wie notwendig die ordnende Hand des Dirigenten ist, führt Schnittke anschaulich vor.

Eine Großtat, die Kräfte kostet

Der hier mit diesem Amt betraute Valery Gergiev leistet aber mehr bloße Koordination. Es ist beeindruckend, wie rasch sein Orchester mittlerweile auf seine bloße Anwesenheit reagiert. Nicht nur sind die massiven Tuttipassagen in diesem einstündigen symphonischen Koloss auf konkurrenzlose Weise überblickbar, die praktisch vollzählig versammelten Philharmoniker fühlen sich unter Gergiev auch unmittelbar in die verschiedensten Stile des Werkes ein. Barockes Konzertieren, maschinenhafte Märsche, ausgedehnte Jazz-Passagen, schließlich Schnittkes eigenes modernes Komponieren runden sich zum aufregenden Happening. 

Auch das Münchner Publikum feiert sein Orchester mit Beifallsstürmen. Die sichtlich geleerten Reihen im zweiten Teil zeigen allerdings, dass Schnittkes herausfordernde Großtat auch Kräfte gekostet hat: „Jetzt gehen wir, nicht, dass die dann noch mal weitermachen“, sagt eine Hörerin, als sie in die Pause aufbricht. Da ist es wohl zu verzeihen, wenn nach der Materialschlacht die Symphonie Nr. 6 A-Dur von Anton Bruckner etwas ermattet wirkt. Manche diffizile Passagen der Streicher muten verwaschen an, Explosionen unterbleiben, das Tempo hängt nicht nur einmal leicht durch – was nicht heißt, dass der Augenblicksmusiker Gergiev nicht zu gegebener Zeit, vielleicht nur etwas spät, auch wieder frische Energien zuschießen kann. Vielleicht hätte Schnittke an diesem Abend ausgereicht. Zum Nachdenken gibt er allein genug auf. 

 

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