Münchner Philharmoniker Die Rückkehr in den Gasteig

Impressionen vom ersten Konzert der Münchner Philharmoniker nach drei Monaten im Gasteig. Foto: Hans Engels

Die Münchner Philharmoniker spielen das erste Konzert im Gasteig seit der coronabedingten Schließung

 

Der Weg vom Max-Weber-Platz zum Gasteig führt an voll besetzten Cafés und Restaurants vorbei, mit munterem Treiben auf erweiterten Freischankflächen und natürlich ohne Mundschutz. Im Gasteig dann Hygiene-Strenge: Nur 100 Besucher, mit viel Abstand in einem 2400 Besucher fassenden Saal, das Konzert ohne Pause, unter Vermeidung sozialer Kontakte und ohne den gewohnten Espresso vor Beginn, weil die Bar geschlossen und der Betreiber in Insolvenz gegangen ist.

Mit solchen Widersprüchen müssen Besucher und Veranstalter von Aufführungen aller Art zwischen Oper, Rockmusik, Pop, Jazz und Kabarett derzeit leben. Wer nicht von der Öffentlichkeit bezahlt wird wie die Münchner Philharmoniker, die nach drei Monaten am Dienstag ihr erstes Konzert gaben, dem geht es erst an die Rücklagen und dann an die wirtschaftliche Existenz. Auch in der unmittelbaren Nähe von Staat und Stadt ist nicht alles rosig: Die im Veranstaltungsbereich tätigen Mitarbeiter der städtischen Gasteig München GmbH befinden sich noch immer in Kurzarbeit.

Das sind so die Gedanken, die einem durch den Kopf gehen, wenn man mit Mundschutz und Spuren von Atemnot beobachtet, wie die Philharmoniker ebenfalls mit vorschriftsmäßiger Bedeckung das Gasteig-Podium betreten. Im Unterschied zum Publikum durften sie aber dann frei atmen.

Weniger Musiker als sonst

Dann begrüßte der Philharmoniker-Intendant Paul Müller die Besucher, darunter auch die Zweite Bürgermeisterin Katrin Habenschaden und den Kulturreferenten Anton Biebl, ehe Chefdirigent Valery Gergiev erschien, um Prokofjews „Symphonie classique“, das Konzert für Klavier und Trompete von Dmitri Schostakowitsch und Franz Schuberts „Unvollendete“ zu dirigieren.

Das sind an sich kleiner besetzte Werke, die Gergiev im Normalfall aber in großer Streicherbesetzung spielen lässt. Bei der „Unvollendeten“, die immerhin drei Posaunen aufbietet, saßen dann 43 Musiker auf dem Podium des Gasteig, der sich aus akustischen Gründen für schlanke Besetzungen weniger eignet und mit 100 Besuchern auch etwas halliger wirkt als mit voll besetzten Sesseln.

Von einer Notlösung zu sprechen, wäre trotzdem verfehlt, auch wenn Gergiev im Normalfall entsprechend seiner Klangvorstellung und mit Rücksicht auf den Raum gewiss mehr als acht erste Geigen aufbieten würde. Am Beginn des quirligen Finales der Prokofjew-Symphonie, die Gergiev auch vor Corona vergleichsweise behäbig und unironisch hat spielen lassen, gab es einige Unschärfen, die womöglich auf die ungewohnten Distanzen auf dem Podium zurückzuführen sind.

Grüblerischer Schubert

Den Umbau vor und nach dem Klavierkonzert erledigten starke Männer mit Handschuhen, den Blechbläsern wurden Plastikschalen zur Entsorgung des Kondenswassers hingestellt. Im Prokofjew-Konzert ließ sich der Trompeter Guido Segers keineswegs von der sehr schwerindustriell agierenden Pianistin Anna Vinnitskaya an den Rand drängen. Ähnlich überzeugend gelang die „Unvollendete“, bei der Gergiev die nachdenklich-grüblerische Seite mit dem Drama in Ausgleich brachte. Und weil das Stück auch diese Sichtweise zulässt, ist angesichts der Schlüssigkeit, mit der Gergiev sein Konzept durchzieht, dagegen nichts zu sagen.

Wenn 100 Leute in einem Riesen-Saal klatschen, klingt das leicht ein wenig matt. Aber alle Anwesenden legten sich mächtig ins Zeug, und so kam ein sehr herzlicher, die Grenze zum Enthusiasmus streifender Beifall zustande, ehe sich die Konzertbesucher draußen der lästigen Maske wieder entledigen durften.

Hinterher hätte man theoretisch maskenlos mit dem Chefdirigenten und einer Gruppe Philharmoniker vorschriftsmäßig ein Glas auf das Ereignis trinken dürfen – wenn auch nicht im „Gast“ neben der Philharmonie, das in Insolvenz gegangen ist. Das ist ein Widerspruch, der nur schwer auszuhalten ist.

Es bleibt riskant

Der unter zu Recht verärgerten Musikern beliebte Vergleich zwischen den Regeln für Konzerte und im Flugverkehr soll hier trotzdem nicht gezogen werden. Es kann auch nicht darum gehen, die Gefahren einer Corona-Infektion zu verharmlosen. Denn das Geschrei über den verantwortungslosen Kulturbetrieb wäre groß, wenn auch nur ein Besucher erkrankt und die Umsitzenden dann zwei Wochen in Quarantäne verbringen müssten.

Der Gasteig und die großen Münchner Theater haben bereits am Beginn der Pandemie auf die spezifischen Bedingungen ihrer Häuser angepasste Hygienekonzepte entwickelt. In der Philharmonie wären beispielsweise bis zu 600 Besucher problemlos möglich.

Die privaten Veranstalter wären zwar dann ihr Sorgen noch immer nicht los, aber die großen Münchner Orchester könnten im letzten Monat der Saison noch ihre Abonnenten wenigstens symbolisch zufriedenstellen.
 

 

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