Münchner Philharmoniker Die Debüts von Oksana Lyniv und Karina Canellakis

Karina Canellakis dirigiert die Philharmoniker im Gasteig. Foto: Tobias Hase

Die Dirigentinnen Oksana Lyniv und Karina Canellakis debütieren im Livestream bei den Münchner Philharmonikern

 

Den Einsatz zum Klavierkonzert Nr. 13 C-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart gibt Oksana Lyniv so suggestiv direkt in die Kamera, dass sich Hörer, die selbst musizieren, unwillkürlich aufgefordert fühlen, mitzumachen. Wenn eine intelligente Bildregie solche Perspektiven eröffnet, die im Konzert naturgemäß nicht möglich sind, bringt das Zusehen Freude. So machen die Münchner Philharmoniker das Beste aus der Situation, coronabedingt ohne Publikum spielen zu müssen.

Zwei einstündige Mitschnitte dokumentieren, wie zwei Dirigentinnen beim Orchester debütieren, die gebürtige Ukrainerin Oksana Lyniv und die Amerikanerin Karina Canellakis. Es ist angenehm, in einem Werk Mozarts zur Abwechslung wieder einmal einem prächtig aufgetürmten Orchestertutti mit substanzvoll schweren Streichern zu begegnen. Auch in der Symphonie Nr. 96 von Joseph Haydn dynamisiert Oksana Lyniv, Chefdirigentin der Grazer Oper, Phrasen beredt oder lässt die Blechbläser schmettern. Keineswegs ignoriert sie also die Errungenschaften der historisierenden Aufführungsbewegung. Doch ist sie nicht von deren Neigungen zur Klangverarmung angekränkelt. Alice Sara Ott lässt sich von dieser Begleitung tragen und passt sich mit ihrem lukullischen Klavierton lückenlos in die Atmosphäre allgemeiner Gesanglichkeit ein.

Hören und reagieren

Mit dem zweiten Debütkonzert stellt sich die Amerikanerin Karina Canellakis bei den Philharmonikern vor, frischgebackene Erste Gastdirigentin des London Philharmonic Orchestra. Der Vergleich zwischen Oksana Lyniv und Karina Canellakis ist erhellend. Während Lyniv freundlich kollegial, doch unmissverständlich straff führt, bevorzugt Canellakis in der Symphonie Nr. 4 von Ludwig van Beethoven ein offeneres Musizieren. Die Ukrainerin erwartet ein Ereignis vom Orchester und lächelt, wenn es verlässlich erscheint, die Amerikanerin dagegen lauscht mit weit aufgerissenen Augen gespannt, was sich nach ihren Vorschlägen entwickelt.

So wird insbesondere die Atmosphäre der Unentschiedenheit, welche in der langsamen Einleitung der Vierten herrscht, erfahrbar wie in kaum einem der regulären Konzerte der jüngeren Vergangenheit. Karina Canellakis vollzieht einen ergebnisoffenen Prozess nach, mit dem Ohr dicht am Orchester, auf das sie auch in den schnellen Sätzen, wenn die Musik voranstürmt, noch geistesgegenwärtig reagieren kann.

Kurz gesagt, macht sie alles richtig: Neugierig geht sie auf die spezifische Klangkultur der Münchner Philharmoniker ein, die in den klug gemäßigten Tempi unbehelligt aufblühen können – nicht einmal das Finale wird, wie häufig, verhudelt. Weil sie aber so aufmerksam auf das Orchester hört, kann sie auch ohne historisierende Klischees auskommen, was sie wiederum mit Oksana Lyniv gemeinsam hat. Eine Trendwende?

Probleme anderer Art sind bei den Orchesterwerken des Amerikaners John Adams zu lösen. So unterschiedliche Dirigenten wie Gustavo Dudamel oder Andris Nelsons sind bei dessen minimalistischen Formelwiederholungen schon ins Pauschale abgerutscht. Zwar kann auch Karina Canellakis in den „Shaker Loops“ für Streichorchester nur begrenzt Abwechslung schaffen, doch gelingt es ihr, Adams permanentes Tutti durchlässig zu halten und die Aufmerksamkeit beim Spielen des Immergleichen nie abreißen zu lassen.

Hoffentlich können diese beiden Dirigentinnen ihre Debüts bald noch einmal wiederholen – live und ohne dazwischengeschaltete Kameras.


Was die Philharmoniker weiter planen

Die Video-Produktion von Beethovens Symphonie Nr. 4 unter Karina Canellakis steht bis Montag früh unter www.mphil.de/stream kostenfrei zur Verfügung. Vom 26. bis 29. Juni wird dort ein Konzert unter Kent Nagano mit Werken von Bach und Bartók zu sehen zu sein. Das Konzert mit Oksana Lyniv kann demnächst kostenpflichtig auf Streaming-Plattformen wie Classica und Idagio abgerufen werden.

Die ersten Konzerte vor Publikum finden am kommenden Dienstag (23. Juni) und Donnerstag (25. Juni) statt. Zugelassen sind 100 Zuhörer. Valery Gergiev, der Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, leitet am ersten Abend unter anderem Schuberts „Unvollendete“ und das Konzert für Klavier, Trompete und Streicher von Dmitri Schostakowitsch. Am zweiten Abend spielt Matias Piñeira das Hornkonzert KV 495 von Mozart, davor gibt es Rossinis „Cenerentola“-Ouvertüre, anschließend Beethovens Siebte.

Das zweite Konzert wird aufgezeichnet und gestreamt. Der Kartenverkauf für beide Termine hat bei Münchenticket bereits begonnen.
 

 

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