Unterstützung für die Stadt Münchner Philharmoniker: Aushelfen am Telefon und im Lager

Der Geiger Nils Schad im Logistikzentrum der Stadt, das in der Kleinen Olympiahalle eingerichtet wurde. Foto: Nils Schad

Die Münchner Philharmoniker unterstützen die Stadtverwaltung und telefonieren mit ihren Abonnenten.

 

Bald nach der Schließung der Theater, Konzertsäle und Bibliotheken forderte Oberbürgermeister Dieter Reiter die nach Hause geschickten Mitarbeiter dazu auf, auf freiwilliger Basis wegen Erkrankungen und zu betreuenden Kindern ausgedünnte Behörden der Stadt zu unterstützen. Der Brief erreichte nicht nur Lehrer der städtischen Schulen, sondern auch die Münchner Philharmoniker, deren Konzertbetrieb derzeit ruht.

Rund 80 der 126 Musiker des Orchesters der Stadt meldeten sich. Einige, die keine deutschen Muttersprachler sind, hatten Hemmungen, an einem Bürgertelefon Anrufe entgegenzunehmen. Der Rest versucht zu Hause seine Spielfähigkeit zu erhalten und wartet auf ein Ende des Veranstaltungsverbots.

Im Lager und am Telefon

Der Geiger Nils Schad hilft derzeit im Logistikzentrum, das die Landeshauptstadt zur Verteilung von Schutzmasken und anderem medizinischen Material in der Kleinen Olympiahalle eingerichtet hat. Die Bratscherin Beate Springorum hingegen arbeitet in der Telefonzentrale der Städtischen Berufsfeuerwehr, in der die Fäden bei der Verteilung des Materials zusammenlaufen. Andere Musiker wie der Konzertmeister Julian Shevlin beantworten an Bürgertelefonen Fragen aus der Bevölkerung.

Die Musik kommt trotzdem nicht zu kurz. Beate Springorum hat in dem Gebäude der Telefonzentrale ein Zimmer entdeckt, in dem sie ungestört – und ohne andere zu stören – in den Pausen Bratsche üben kann. Denn ein Berufsmusiker muss sich auch in Spielpausen auf dem Instrument für den Moment fit halten, in dem es wieder los geht.

Beate Springorum hofft – wie alle ihre Kollegen – bald wieder für die Münchner im Gasteig spielen zu dürfen. Aber mit normalen Konzerten vor 2.500 Leuten rechnet sie so schnell nicht. Zwar wäre es sicher kein Problem, nur einen Teil der Plätze in der Philharmonie zu besetzen, das organisatorische Drumherum eines Konzerts mit Pausen und der Nähe unter den Musikern hinter der Bühne macht es schwierig. Und angesichts der geltenden Reisebeschränkungen und Quarantäneregelungen dürfte es nicht einfach werden, Dirigenten von auswärts nach München zu holen.

Hoffen auf die nächsten Wochen

Die Philharmoniker arbeiten – wie alle anderen städtischen und staatlichen Kultureinrichtungen – derzeit an Hygienekonzepten für eine Wiederaufnahme des Veranstaltungsbetriebs. Und wenn man sich unter Musikern aller Orchester umhört, besteht auch kein Mangel an Ideen, wie man Konzerte auch unter erschwerten Bedingungen durchführen könnte – und sei es an der frischen Luft.

Auch mit den Reisen schaut es bei den Philharmonikern derzeit schlecht aus. "Das steht in den Sternen", sagt die Bratschistin, die dem dreiköpfigen, von den Musikern gewählten Orchestervorstand der Philharmoniker angehört. "Es ist auch die Frage, welche Auswirkungen die Krise auf die Veranstalter hat. Da fürchte ich, rollt eine Lawine auf uns zu."

Beate Springorum kennt viele freiberuflich arbeitende Instrumentalisten, die derzeit finanziell erheblich schlechter dastehen als die Musiker eines städtischen oder staatlichen Orchesters. "Bei einem Kollegen sind alle Konzerte bis Dezember abgesagt worden", sagt Beate Springorum. In Berlin, so höre sie, seien beantragte Hilfen bereits ausbezahlt worden, in anderen Ländern noch nicht.

Zu allem bereit

Ein Kollege der Bratschistin, der Hornist Ulrich Haider, gibt mit anderen philharmonischen Bläsern Web-Seminare für den Musikbund Ober- und Niederbayern. Andere Musiker telefonieren mit den Abonnenten des Orchesters der Stadt. Die treuesten Besucher der Konzerte gehören bekanntlich überwiegend der Risikogruppe der Älteren an. Sie freuen sich, so ist zu hören, über die direkte Ansprache durch die Musiker. Viele von ihnen sehen sich Livestreams an, aber alle vermissen das Konzerterlebnis.

Auch die Musiker des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks seien "zu allem bereit", sagt Orchestermanager Nikolaus Pont. Das wisse man auch im Sender. Allerdings gibt es dort kaum Bereiche in der Verwaltung, in denen man aushelfen könne. Man solle aber keinesfalls denken, dass die Musiker derzeit unterhalb ihrer normalen Dienstverpflichtungen beschäftigt seien. Ähnlich wie die Philharmoniker bereitet sich auch das BR-Symphonieorchester auf die Zeit nach der Aufhebung des Veranstaltungsverbots vor. Geplant sind Auftritte in kleineren Einheiten, die derzeit geprobt werden.


 
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