Münchner Opernfestspiele "Requiem für einen Lebenden" von Felix Leuschner in der Reithalle

Das "Requiem für einen Lebenden" in der Reithalle. Foto: Wilfried Hösl

Festspielwerkstatt: Felix Leuschners „Requiem für einen Lebenden“ in der Reithalle

 

Gesungen wird nicht, nur rhythmisch gesprochen. Felix Leuschner schreibt keine typische Neue Musik, obwohl bei seinem „Requiem für einen Lebenden“ ein typisches Kammerensemble mit Bassklarinette, Flöte und zwei Streichern hinter der Spielfläche sitzt.

Seine Kammeroper geht von realen Geräuschen wie Vogelgezwitscher und Sirenen aus. Daraus entwickeln sich Rhythmen, die vor allem vom E-Drumset weiterentwickelt werden, dem die übrigen Instrumente eher geräuschhaft als melodisch folgen.

Techno und Abendland

Das klingt – entfernt – mehr nach Techno als nach Avantgarde. Die Geschichte gibt sich in der Orientierung am liturgischen Ablauf eines Requiems dagegen abendländisch, obwohl sie in Texas spielt und von einem Mörder erzählt, der in der Todeszelle auf die Hinrichtung mit der Giftspritze wartet.

Anders als in den beiden anderen Produktionen der Festspielwerkstatt der Bayerischen Staatsoper verlässt das „Requiem für einen Lebenden“ bei der Schilderung der früheren Hinrichtungsform durch den Strang durchaus die Komfortzone. Dass Leuschner und das übrige Produktionsteam die Todesstrafe für einen gesellschaftlichen Rache-Anachronismus halten, wird deutlich. Aber sie hüten sich, den Mörder zum Opfer zu machen, obwohl seine schwierige Kindheit erwähnt wird – aber mehr als Tatsache, und nicht als Erklärung. Sie moralisieren nichts – jede Bewertung wird dem Zuschauer überlassen.

Flüchtige Initimität

Der mit kurzgeschorenen blonden Haaren sehr amerikanisch wirkende Schauspieler Ben Daniel Jöhnk stellt den Häftling weniger als Charakter, sondern distanziert als exemplarischen Fall dar. Diese Strategie eindringlicher Neutralität bewährt sich auch beim Kind des Todeskandidaten, dessen Worte auf Salome Kammer und Adriana Bastidas-Gamboa übertragen sind. Sie spielen seine Schwester, die Ex-Freundin und den Sohn.

Einmal gehen kalte Figuren eines (elektronischen) Cembalos oder Zymbals plötzlich in texanische Country-Musik über. Das Ensemble Interface sorgt nicht nur für den Sound, sondern stellt auch den bei einem Raubüberfall ermordeten Geschäftsführer eines Burgerladens dar. Gegen Ende, im Offertorium, wenn sich der Häftling die Wirkung der Todesspritze vorstellt, setzt die sonst allgegenwärtige Verstärkung und klangliche Verfremdung aus, um einem flüchtigen Moment höchster Intimität zu ermöglichen.

Die bessere Biennale

Reto Fingers Text ist nicht frei von Phrasen, wenn gleich am Anfang ein Neugeborenes das unvermeidliche „Licht der Welt“ erblickt. Einwenden ließe sich, dass das „Requiem für einen Lebenden“ auch als Hörspiel funktionieren würde und wenig Raum für Theater lässt. Die Umrahmung der Spielfläche durch eine Plastikfolie mit Grafitti und das riesige Baby im vorderen Teil der Reithalle wirken da fast verzichtbar.

Trotzdem: Es ist deutlich zu spüren, wie eng der Regisseur Manuel Schmitt mit dem Komponisten Leuschner und dem Autor Finger zusammengearbeitet hat. Dass die Festspielwerkstatt der Staatsoper solche Freiräume zulässt, macht sie unverzichtbar. Und das umso mehr, als sich die eigentlich zuständige Biennale für Neues Musiktheater in unverbildlicher Bastelei verliert.

Noch einmal heute und morgen um 20 Uhr in der Reithalle, Heßsstraße 132, Karten zu 24 Euro an der Abendkasse
 

 

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