Münchner Opernfestspiele Kultur auf dem Abstellgleis

Thomas Gottschalk (rechts) mit Nikolaus Bachler bei „Oper für alle“ auf den Stufen des Nationaltheaters. Foto: Wilfried Hösl

Nikolaus Bachler kritisiert nach der Absage der Festspiele die Politik. Andere Staatstheater geben die Saison noch nicht verloren

 

"In den letzten Wochen haben wir mehrere Szenarien für die Durchführung der Festspiele durchgespielt, die vor allem die Sicherheit und Gesundheit von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Kunstschaffenden und Publikum sicherstellen sollten“, schreibt Nikolaus Bachler in einer Pressemitteilung. Keine der Optionen habe sich als praktikabel herausgestellt. Daher müsse die Staatsoper auf Anordnung des Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst nicht nur die Opernfestspiele absagen, sondern auch alle verbleibenden Vorstellungen der laufenden Spielzeit.

Aus Bachlers Worten spricht eine gewisse Verbitterung gegenüber der Politik. „Ich würde mir für die nahe Zukunft wünschen, dass die Politik – und darüber hinaus wir alle – bald zu einer Diskussion zurückkehren können, die Kultur – und zwar nicht nur Oper, sondern auch Ausstellungen, Theater, Kino, Konzerte aller Art – nicht auf dem Abstellgleis parkt, sondern als das anerkennt, was sie ist: unverzichtbar.“ Unser aller Gesundheit sei wichtig, zu ihr gehöre aber auch unser soziales wie kulturelles Wohlbefinden. „Die Freiheit der Kunst und unsere Geistesbildung sind dafür grundlegend. Die Solidarität, die in aller Öffentlichkeit den Kulturschaffenden derzeit entgegengebracht wird, zeigt, dass Kunst ein systemrelevantes Gut ist.“

Ungelöste Gagenfrage

Die Staatsoper plant eine Fortsetzung der Anfang April unterbrochenen Montagskonzerte, die per Livestream ins Internet übertragen wurde. Darüber hinaus werden in den Werkstätten die Vorbereitungen für die kommende Spielzeit begonnen. Ob die für April geplante Produktion „7 Deaths of Maria Callas“ von und mit Marina Abramovic zu einem späteren Zeitpunkt gezeigt werden kann, ist derzeit noch offen. Ob die Neuinszenierungen von Verdis „Falstaff“ und Rameaus „Castor et Pollux“ verschoben werden können oder entfallen müssen, hängt von der Verfügbarkeit der Künstler ab, weshalb derzeit dazu keine Vorhersage möglich ist.

Offen bleibt weiter auch die Frage der Gagen für Freiberufler an allen Staatstheatern. Beim Staatsschauspiel betrifft das primär Regisseure, an der Staatsoper und am Gärtnerplatztheater die überwiegend freiberuflich arbeitenden Solisten. Rein formal müssten die Häuser ihren Künstlern ohne die Gegenleistung eines Auftritt gar nichts bezahlen. Dem Vernehmen nach wird hier aber im Finanz- und Kunstministerium an individuellen Lösungen gearbeitet.

Die anderen Staatstheater hoffen weiter

Die beiden anderen Münchner Staatstheater erklären die Spielzeit noch nicht für beendet. Das mag durchaus pragmatische Gründe haben: Sie sind im Unterschied zur Staatsoper weniger von internationalen Gästen und ihren Reisemöglichkeiten abhängig. Außerdem zeichnete sich bis zum Abend auch kein wasserdichter Unterschied zwischen den bis 31. August untersagten „Großveranstaltungen“ und anderen Veranstaltungen ab. Diese Definition wird vom Staatsministerium für Gesundheit und Pflege erarbeitet. In Schleswig-Holstein denkt man offenbar über eine Obergrenze von 1000 Besuchern nach, was von Kulturschaffenden auf Sozialen Medien teilweise als „mutige Entscheidung“ bejubelt wird.

Aber das Wort „mutig“ hat durchaus einen Doppelsinn. Das Residenztheater prüft derzeit in Abstimmung mit Ministerium, „ob und wann“ der Probenbetrieb unter Einhaltung der Hygienevorschriften ermöglicht werden kann. Auch über einen Spielbetrieb mit „neuen ungewöhnlichen Formaten“ wird nachgedacht. Was Termine angeht, verweist das Staatsschauspiel auf die bis 3. Mai geltenden Ausgangsbeschränkungen und den vom Ministerpräsidenten genannten 30. April für eine Entscheidung über ein weiteres Vorgehen. Genauso halten es auch das Staatstheater am Gärtnerplatz und die städtischen Kultureinrichtungen, die ebenfalls von den Entscheidungen des Gesundheitsministeriums abhängig sind. Das Kulturreferat erklärte am Freitag, dass die städtischen Theater und Museen, die Münchner Stadtbibliothek und die Münchner Volkshochschule nach „derzeitigem Stand“ bis 3. Mai geschlossen blieben.

Frivole Anmutung

Auch der Konzertbetrieb der Münchner Philharmoniker im Gasteig ruhe bis dahin. „Wir stellen uns flexibel auf die Situation ein und wägen alle Belange sorgfältig ab: den Schutz der Gesundheit der Bevölkerung und auch unserer Beschäftigten, die kulturellen Bedürfnisse der Menschen und die individuelle Situation der einzelnen Kultureinrichtungen“, so das Kulturreferat.

Angesichts des bundesweiten Verbots von Großveranstaltungen bis zum 31. August mutet allerdings der Optimismus einer städtischen Großveranstaltung ein wenig frivol an: Die Homepage von „Klassik am Odeonsplatz“ wirbt auch noch am Freitagnachmittag mit dem Spruch „Jetzt Tickets ab 19 Euro sichern!“, als sei in den letzten Wochen nichts geschehen.


Kommentar: Ein Kulturstaat bleiben

Alle, die ihr Geld damit verdienen, auf einer Bühne zu stehen und die dabei mitwirken, dass dies möglich ist, sind zu Recht darüber verärgert, wenn Markus Söder lang und breit über Baumärkte, Gottesdienste und Fußballer spricht, aber kein Wort über die Situation derer verliert, denen die Coronakrise ein Berufsverbot verpasst hat: Schauspieler, Sänger und freie Musiker, die nicht an einem Theater oder einem Orchester fest angestellt sind.

Davon gibt es mehr, als viele denken. Insgesamt 2,2 Millionen Bürger verdienen in Deutschland ihr Geld als Solo-Selbstständige – nicht nur im Kulturbereich. Den meisten von ihnen brechen derzeit die Einnahmen weg, trotz vollmundiger Versprechen, auch ihnen helfen zu wollen. Bayern hat sich aus der Landes-Soforthilfen für Freie, Solo-Selbstständige und Unternehmen bis 10 Personen Ende März verabschiedet, andere Hilfen betreffen primär Betriebskosten, die bei Kulturschaffenden meist nicht anfallen.

Bedingungsloses Grundeinkommen

Alle darstellenden Künstler und Musiker werden in jedem Exit-Szenario aufgrund der Kontaktbeschränkungen bis weit in den Herbst von Veranstaltungsverboten und massiven wirtschaftlichen Einbußen besonders betroffen sein. Man sollte sich auch nicht allzuviele Illusionen darüber machen, wie freudig das Stammpublikum mit Mundschutz Streichquartette im Gasteig mit 250 anderen Hörern auf Distanz hören will.
Der Staat wird nicht darum herumkommen, für Solo-Selbstständige aus dem Kulturbereich befristet ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen. Dieser Begriff mag für CSU-Anhänger nach linksgrüner Utopie klingen. Aber den kurzen Schrecken sollten Söder & Co. aushalten, wenn Bayern bleiben soll, was es laut Verfassung ist: ein Kulturstaat.
 

 

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