Münchner Opernfestspiele Erwin Schrott mit "Tango diablo" im Nationaltheater

Erwin Schrott mit "Tango diablo" im Nationaltheater. Foto: Wilfried Hösl

Opernfestspiele: Erwin Schrott mit seinem Programm „Tango diablo“ im Nationaltheater

 

Auf der zweiten Seite des Programmhefts steht gleich dreimal der Name Erwin Schrott. Als „in concert“, als „Musikalische Leitung und Idee“ und nicht zuletzt auch noch als „Bassbariton“. Die Funktion als musikalischer Leiter hat der Super-Mann aus Uruguay tatsächlich wahrgenommen: Er dirigierte bei seinem Programm „Tango diablo“ im so gut wie ausverkauften Nationaltheater tatsächlich zwei Bandoneonspieler samt zwei weiteren Herren am Klavier und der Gitarre, obwohl die auch ohne ihn kaum aus dem Takt gekommen wären.

Schrott ist offenbar ein Kontrollfreak. Aber das sei ihm verziehen. Denn er ahnt eine tiefe Wahrheit: Wer einen Liederabend bei den Münchner Opernfestspielen besucht, fürchtet ganz tief im Herzen das Kunsthochamt. Da schadet es nicht, dass sich der Sänger traut, den Entertainer zu geben, der wie im Popkonzert die Begleitmusiker mit Soli vorstellt, den Applaus dirigiert und bei der Zugabe das Publikum zum Aufstehen und Tanzen bringt.

Nachahmer seien aber gewarnt: Wie Schrott das macht, ist sein eigenes Ding. Es lässt sich nicht kopieren. Denn die satte, dunkle Stimme passt zu lateinamerikanischer Musik und zu Edel-Tangos. Und weil Schrott derlei auch nicht schmalzig aufbläst, sondern im Zweifelsfall auf Sprechgesang setzt, bleibt er authentisch. Mit dem schmalzigen Operetten- oder Musicalgeknödel von Tenören hat das nichts zu tun.

Im ersten Teil sang der 46-Jährige Teufels-Arien aus Opern von Charles Gounod, Hector Berlioz und Arrigo Boito, arrangiert für Klavier, Gitarre und zwei Bandoneons. Ehe sich nun der Purist mit Grausen wendet: Es funktioniert. Und das schreibt hier jemand, der Bearbeitungen und Crossover überhaupt nicht mag.

Zwei Bandoneons fügen dem choralartigen „Voici les roses“ aus „La damnation de Faust“ einen ganz eigenen Klangreiz hinzu. Er spielt auf das Original an und schlägt zugleich einen Bogen zur lateinamerikanischen Tangomusik. Warum keine Gitarre bei Gounods Arie „Vous qui faites l’endormie“? Es ist eine höhnische Serenade.

Alles, was Frauen an charmanten Teufeln lieben 

Schrott wagte auch was. Er schickte das Publikum auch nicht mit einem Knalleffekt in die Pause, sondern mit der anspruchsvollen Beschwörung der Nonnen aus Giacomo Meyerbeers „Robert le diable“: Kein Stück, das jeder Opernbesucher kennt. Aber eines, das sich zu kennen lohnt.

Der Mann aus Uruguay versteht sich auf alles, was Damen an Teufeln lieben: Er gibt den Unberechenbaren, ist abweisend, dämonisch und grinst dem Publikum im nächsten Moment verschwörerisch zu. Zwischendrin setzte der Teufelspianist Michael Häringer das Publikum mit Vollgriffigem wie dem Mephistowalzer von Franz Liszt in Erstaunen.

Der zweite Teil gehörte dem Entertainment: Schrott plauderte in nicht durchwegs völlig verständlichem Englisch, erzählte Schnurren über seine Heimat Uruguay, seinen Vater Hermann Schrott, den Tango und die Rivalität der Großstädte auf beiden Seiten des Rio del la Plata. Schrott sang dazu eher ruhige, melancholische Musik von Astor Piazolla, Mario Soto und anderen. Dabei entstand dank Kerzenleuchtern und schummrigem Licht eine Clubatmosphäre, die dem riesigen Nationaltheater nicht ohne weiteres zufliegt.

Am Ende warf Schrott pantomimisch sein Herz mit vollen Händen ins Publikum. Das warf es mindestens genauso herzlich zurück. Nur eine Dame hinter dem Berichterstatter war stinksauer. Sie hatte offenbar einen ganz normalen Liederabend erwartet. Aber die Überschrift „Tango diablo“ müsste Warnung genug sein. Ein Uruguayer meint das niemals im übertragenen Sinn.

 

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