Münchner Opernfestspiele Eine Stunde Beifall für die Gruberova

Mit Blumen überschüttet: Edita Gruberova und der Dirigent Marco Armiliato bei der Gala im Nationaltheater. Foto: Wilfried Hösl

Opernfestspiele: Edita Gruberova wird für ihren Arienabend im Nationaltheater eine Stunde lang gefeiert

Aus dem Nichts setzt ein magischer Laut ein, wie von einem Zauberinstrument aus einer besseren Welt. Nur, dass dieser Ton menschlichen Ursprungs ist. Der elfenbeinerne, doch belebte Klang schwillt an, schwingt aufs Herrlichste aus und verebbt dann wieder im Nichts.

In dieser stimmlichen Reinheit und dieser höchst bewussten Kontrolle können das außer Edita Gruberova nicht viele Sängerinnen, und auch aus der Geschichte fällt einem kein echtes Gegenstück ein. Das ist schon an sich ein Wunder, aber es grenzt an Hexerei, dass die Stimme der slowakischen Sängerin keinem spürbaren Alterungsprozess ausgesetzt zu sein scheint. Sie erfüllt die vollbesetzte Bayerische Staatsoper wie die einer Dreißigjährigen, die vor ein paar Jahren debütiert hat.

Diese Gala feiert jedoch Gruberovas 50-jähriges Bühnenjubiläum. In dieser Phase der Karriere haben die meisten Kolleginnen schon längst abgedankt. Kein Wunder, dass das Publikum schon den Auftritt der Primadonna assoluta mit frenetischen „Brava!“-Rufen feiert. Die Erwartungen werden noch weit übertroffen.

Die Zentralsonne

Denn die 71-jährige Gruberova kann ihre schier instrumentale Beweglichkeit in den Arien aus Opern von Wolfgang Amadeus Mozart in konkurrenzloser Phantasie vollkommen frei einsetzen. In der „Traurigkeits“-Arie aus der „Entführung aus dem Serail“ wird jede Silbe ausgekostet, in „Non mi dir“ aus „Don Giovanni“ dunkelt sie die Tiefe auch einmal ausdrucksvoll hohl ein; selbst das erregte, kurzatmige Stammeln von „D´Oreste d´Ajace“ wird auf übergeordneten Bögen phrasiert. Zu allem Überfluss kann sie auch noch die feinsten Gesangsfäden in „Ah! non credea mirarti“ aus „La sonnambula“ von Vincenzo Bellini so schlagkräftig verdichten, dass sie sich in einen atemberaubenden hohen Es entladen.

Diese totale technische Beherrschung könnte beängstigend wirken. Hier jedoch wird sie zur höchsten Kunst. Ihre Kolleginnen müssen sie eigentlich hassen dafür. Aber das Publikum rastet aus. Selbst die hervorragenden jungen Sänger, die das Ensemble für die Szenen aus „La Traviata“ von Giuseppe Verdi vervollständigen, können die Zentralsonne nur umkreisen. Allenfalls Maria Callas dürfte eine vergleichbar elektrisierende Wirkung entfaltet haben.

Viva Edita!

Dennoch gerät die Begleitung nicht zur Nebensache. Marco Armiliato gestaltet sie am Pult des fabelhaften Bayerischen Staatsorchesters so liebevoll und aufmerksam, wie er der Jubilarin am Schluss die Hand küsst. Er schmiegt sich Gruberova auch in den beiden Zugaben aus Wagners „Tannhäuser“ und der „Fledermaus“ von Johann Strauß Sohn wie eine zweite Haut an. Allein, wie das aufreizend zurückgehaltene Lachen in „Mein Herr Marquis“ in eine einheitliche Bewegung gebracht wird, ist beeindruckend.

Dass die Schlussakkorde im ohrenbetäubenden Applaus untergehen, ist hier völlig in Ordnung. Die stehenden Ovationen und der Beifall halten noch an, als der Rezensent fast eine Stunde nach dem offiziellen Ende der Gala schon verzückt die Stufen der Staatsoper hinunter schwebt. Am besten hat es der freudentrunkene Zwischenrufer im zweiten Teil ausgedrückt: Viva Edita!

Zum 50-jährigen Bühnenjubliäum hat BR Klassik unter dem Titel „Edita Gruberova“ eine CD mit Aufnahmen veröffentlicht, die mit dem Münchner Rundfunkorchester entstanden sind
 

 

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