Münchner Opernfestspiele Der Liederabend von Christian Gerhaher

Christian Gerhaher und Gerold Huber im Prinzregententheater. Foto: Wilfried Hösl

Christian Gerhaher und Gerold Huber mit Mussorgsky, Brahms und Britten im Prinzegententheater

 

Vor wenigen Tagen ist Christian Gerhaher 50 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass gibt es nach dem jüngsten Liederabend im Prinzregententheater Glückwünsche vom Opern-Intendanten Nikolaus Bachler, einen Bayerischen Löwen als Präsent und von der Kritik die neugierige Frage: Was nun? Wohin geht die weitere Reise?

Diese Frage kann man jedem Sänger stellen. Doch bei Gerhaher ist es besonders schwer, die Tendenz einer wesentlichen Entwicklung vorherzusagen. Seine Liedkunst ist, besonders in puncto Textgestaltung, seit langem auf einem einsamen Niveau, auf dem nur noch weitere Verfeinerungen möglich sind.

Am direktesten zeigt sich das im aktuellen Programm an den Liedern von Johannes Brahms. Typisch für Gerhaher ist die Auswahl von sieben im Ganzen sehr elegischen Gesängen, in denen der Bariton des gebürtigen Straubingers wie von selbst zur Geltung kommt: wie er sich etwa in „Meerfahrt“ op. 96/4 sacht vom Boden abfedert und, perfekt gestützt, in der Höhe still jubiliert. In den volksliedhaften Gebilden aus op. 14 und op. 48, zu deren Gestaltung man die Kunst des Einfachen beherrschen muss, merkt man ihm sein heimliches Vergnügen über die schiere Tonschönheit der eigenen Stimme an.

Bestürzende Tragik

Es ist gut, ein solches Können zu pflegen, bei dem das Publikum genau hinhören muss. Richtiggehend aufhören aber lassen die „Lieder und Tänze des Todes“ von Modest Mussorgsky, in die Gerhaher sich nach zurückhaltendem Beginn grandios hineinsteigert. Welche Gewalt er in seinem sanften Auftreten verbirgt! Zu welcher Brutalität er doch fähig ist! Die bestürzende Drastik wird von Gerold Huber, Gerhahers ständigem Liedpartner, noch ungemein verstärkt: Der Klavierpart bildet holzschnittartige Wucht aus und wird gleichzeitig auf seine Farbigkeit hin abgeklopft.

Eine geradezu segensreiche Wirkung üben Gerhaher und Huber auf die Lieder von Benjamin Britten aus, nicht nur auf die sympathisch nostalgischen Purcell-Bearbeitungen, sondern vor allem auf die spröden „Songs and Proverbs of William Blake“ op. 74. Gerhahers plastische Diktion, die ihn auch einmal ganz untypisch grimassieren, ja, die Zähne fletschen lässt, holt alles aus diesen wenig zugänglichen späten Exerzitien heraus, was darin an Gegenständlichkeit überhaupt auffindbar ist. Wir sind gespannt auf Christian Gerhahers weitere Entwicklung.

 

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