Münchner Opernfestspiele Barrie Kosky über Händels "Agrippina"

Der Regisseur und Intendant Barrie Kosky. Foto: dpa

Barrie Kosky über Händels „Agrippina“ im Prinzregententheater und die schwierige Kunst der Operette 

 

Der römische Kaiser Claudius soll auf der Rückreise von seinem erfolgreichen Feldzug gegen Britannien ertrunken sein. Seine Gattin Agrippina sieht endlich den Moment gekommen, Nero – ihren Sohn aus erster Ehe –, zum Thron zu verhelfen. Diese Geschichte über Macht und Erotik erzählt Georg Friedrich Händels frühe Oper „Agrippina“, deren Text wahrscheinlich von Vincenzo Grimani stammt, der im Hauptberuf Kardinal und kaiserlicher Botschafter beim Vatikan war. Barrie Kosky inszeniert die Oper als letzte Premiere der Münchner Opernfestspiele im Prinzregententheater. Gleich anschließend bringt er dann „Orphée aux enfers“ von Jacques Offenbach bei den Salzburger Festspielen heraus.

AZ: Herr Kosky, ist es nicht das Erstaunlichste an Händels Oper, dass der Text zu diesem Politkrimi höchstwahrscheinlich von einem Kardinal stammt?
BARRIE KOSKY: Ich finde mindestens genau so erstaunlich, wie der junge Händel die italienische Klangkultur in sich aufgesaugt hat. Es ist nicht ganz sicher, ob das Libretto wirklich von Vincenzo Grimani stammt. Er stammte aus einer reichen Familie, die mehrere Theater in Venedig besaß. Seine Widersprüche sind die Widersprüche des barocken, des katholischen Italien dieser Zeit.

Der Text von „Agrippina“ ist spöttisch und steht in der Tradition der älteren venezianischen Oper, die damals aus der Mode kam.
Das waren eher Spaß-Stücke. In „Agrippina“ gibt es aber eine Verbindung aus politischem Drama, Liebesgeschichte und schwarzer Komödie, die mich an Shakespeare erinnert, beispielsweise wenn Agrippina mit dem Publikum redet wie Richard III. und die Zuschauer zu ihrem Komplizen macht. Diese Musik macht sie zu einer hochkomplexen Frau, die es so in barocken Opernlibretti sonst kaum gibt.

Außerdem ist sie Mutter - auch das ist einmalig.
Sie ist eine erwachsene, erfahrene Frau, die mithilfe ihrer Erotik manipuliert. Aber sie hat in der ganzen Oper keine Liebesszene. Die Hälfte ihrer Arien ist in Moll, und das verleiht der Figur eine gewisse Unruhe, Melancholie und depressive Note.

Eigentlich ist bei dieser Oper schon in der Vorlage vorhanden, was man bei den späteren Werken mühsam hinzuinszenieren muss.
In „Giulio Cesare“ oder „Ariodante“ gibt es grandiose Musik. Aber Händel hat nie wieder eine so gute Geschichte als Oper vertont. Erst in den Oratorien gibt es das wieder - aber als radikales Kopftheater. Die Stärke von „Agrippina“ besteht auch darin, dass Händel das Urteil über das Verhalten der Figuren dem Zuschauer überlässt - wie Mozart und Janácek. Wagner und Verdi fällen immer ein Urteil.

Sind Sie mit einem festen Konzept herangegangen oder entwickeln Sie Ihre Inszenierung auf der Probe?
Ich mache mir natürlich vorher Gedanken. Aber ich treffe vor der ersten Probe keine Entscheidung über einen Charakter, weil ich erst die Menschen kennenlernen muss, die das dann auf die Bühne tragen. Ich studiere nicht eine Inszenierung ein, ich hole etwas aus den Sängern heraus. Der Regisseur hat immer etwas von einem Schamanen und Alchemisten.

Das braucht viel Zeit.
Die hatten wir. Ich kenne - außer meinem eigenen Haus, der Komischen Oper Berlin, keinen Ort, an dem so perfekte Bedingungen herrschen wie hier an der Bayerischen Staatsoper.

Als Kritiker sieht man viele gelungene Händel-Aufführungen, aber nur sehr selten einen gelungenen Offenbach. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Weil Offenbach zehnmal schwerer zu inszenieren ist als Verdi, Puccini und Wagner. Operetten sind keine Opern auf Urlaub. Die Musik muss in einem dreckigen Varieté-Stil gesungen werden, wie ein Chanson. 50 Prozent der Arbeit eines Regisseurs besteht darin, die richtige Besetzung zu finden. Die Sänger müssen auch tanzen und Texte sprechen können. Und leider ist die deutsche Operettentradition nach 1933 durch die Nazis zerstört worden.

Warum tun Sie sich dann „Orphée aux enfers“ in Salzburg an?
Zum 200. Geburtstag kann ich Offenbach kein besseres Geschenk machen als eine Inszenierung seines ersten großen Erfolgs. Ich habe zum Intendanten Markus Hinterhäuser gesagt, dass ich keine berühmten Opernsänger will, sondern richtige Darsteller, ein Ensemble aus Clowns. Das haben wir gefunden, und ich habe für die Produktion schon vier Wochen in Berlin geprobt.

Hoffentlich klappt es.
Ich glaube, Offenbach lächelt in seinem Grab. Mozart war sein Gott, und nun wird er im „Haus für Mozart“ gespielt. Und Max Reinhardt, der Mitbegründer der Festspiele, lächelt auch: Er liebte Operette.

Premiere am 23. Juli um 18 Uhr im Prinzregententheater, ausverkauft. Für die Vorstellung am 26. Juli teure Restkarten. „Orphée aux enfers“ ab 14. August in Salzburg, Infos unter www.salzburgfestival.at

 

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