Münchner Opernfestspiele Anna Netrebko singt in "Eugen Onegin" - die AZ-Kritik

Anna Netrebko und Mariusz Kwiecien in "Eugen Onegin". Foto: Wilfried Hösl

Reines Glück: Peter Tschaikowskys „Eugen Onegin“ mit Anna Netrebko als Tatjana bei den Opernfestspielen im Nationaltheater

 

Es ist, als ob Peter Tschaikowsky seinen „Eugen Onegin“ für diese Aufführung komponiert hätte. Selbst für die Bayerische Staatsoper ist das Ensemble, das hier an diesem Juli-Abend zusammenfindet, besonders glücklich zu nennen: Junge Sänger mit kraftvollen wie sensiblen Stimmen, die sich vollkommen mit ihren Rollen identifizieren.

Die berühmteste unter ihnen, Anna Netrebko, fügt sich geradezu bescheiden in das melancholische Spiel ein. Ihre Tatjana ist bis zum zeitlichen Bruch der Handlung geradezu kindlich, burschikos in Schlaghosen gekleidet. Gleich, ob sie tanzt oder auf dem Sofa fläzt, um Romane zu lesen: Sie lebt diese Mädchenfrau Tatjana mit einer Schauspielkunst, die natürlicher nicht sein könnte.

Erst wenn sie sich in der Briefszene bis zum Leibchen auszieht, wird sie zur liebenden Frau. Doch die Unschuld behält sie in ihrer Stimme, selbst wenn sie in herrlich dunkler Glut auf den Spitzentönen vergeht: Netrebko sucht vor allem zärtlich die leisen Töne ihrer Partie und teilt sie dem Publikum geradezu intim mit ihrem so leicht ansprechenden Wundersopran mit. Am Schluss, wenn sie an der Seite des Fürsten endlich in glamouröser Robe erscheinen darf, hält die Fassade nur so lange, bis sie Onegin wiedersieht. Und sie wird wieder zum jungen Mädchen, auch und besonders stimmlich. Beglückend.

Mit Sorgfalt durch die Schönheiten der Partitur

Unmittelbar glaubhaft ist, wieso sich diese Tatjana so spontan in Onegin verguckt. Mariusz Kwiecien ist ein Verführer mit einem lyrischen Bariton, den er jedoch mit solch einer dämonischen Dringlichkeit führt, dass unter der gelangweilten Attitüde die Selbstzerstörung aufscheint wie ein Abgrund.

Das genaue Gegenbild dazu ist der Lenski Pavol Bresliks, ein Tenor mit kerniger Tiefe und einer Höhe, die elegisch verklingt: Breslik lässt keinen Zweifel daran, dass Lenski weiß, dass er im Duell sterben wird.

Erregung für Putinisten

All diese Situationen ergeben sich wohlgemerkt rein musikalisch; die Inszenierung Krzysztof Warlikowkis von 2007 hat daran wenig Anteil. Seine Idee, die Geschehnisse auf die unterdrückte Homosexualität Lenskis und Onegins zurückzuführen, ist plausibel. Doch hätte man das auch weniger klamaukig inszenieren können als mit schwulen Cowboys, die heutzutage nur noch Putinisten zu provozieren vermögen.

Über das Sängerensemble allein aber könnte man gut und gerne zwei Doppelseiten schreiben. Etwa darüber, dass Günther Groissböck mit seinem profunden Bass ein überaus handlungsstarker Gremin ist, Alisa Kolosova eine blutvolle Olga mit sehrendem Mezzosopran, und auch die Rollen der reifen Damen charismatisch besetzt sind, mit Heike Grötzinger als Larina und Elena Zilio als Filipjewna.

Und möglichst ausführlich müsste man den Beitrag des Bayerischen Staatsorchesters würdigen. Leo Hussain, ein junger Brite, der derzeit als Chef an der Oper von Rouen wirkt, entdeckt mit größter Sorgfalt all die Schönheiten der Partitur, trägt aber auch den Furor für die offiziösen Ballmomente in sich. Vor allem aber dirigiert er das von Tschaikowsky so intim konzipierte Drama mit großer Ruhe, lässt zwischen den Nummern wertvolle Stille einkehren, schenkt allen Beteiligten Zeit zu atmen. Schöner geht es nicht.

 

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