Münchner LKA-Beamter erklärt Darum hat "Aktenzeichen XY" so eine hohe Erfolgsquote

Alfred Hettmer vom LKA München ist regelmäßig bei "Aktenzeichen XY" dabei. Seit zehn Jahren wird die ZDF-Sendung von Rudi Cerne (kleines Foto) moderiert. Foto: dpa/az

Verbrechersuche im TV: Seit fast 50 Jahren hilft „Aktenzeichen XY“ Straftaten aufzuklären. Der Kripobeamte Alfred Hettmer aus München erklärt, was die Sendung so erfolgreich macht.

 

München - Maskierte Männer überfallen eine Familie – vor den Augen der Nachbarin. Die Frau zögert nicht und greift zum Telefon. Jetzt fahndet die Polizei nach den Tätern. Dabei setzt sie auf die Hilfe des ZDF-Publikums und berichtet am Dienstag in „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ über den Fall. Mit dabei ist – wie seit 30 Jahren – Alfred Hettmer vom Landeskriminalamt (LKA) in München.

Der 60-Jährige gibt einen Einblick in die Arbeit der Polizei hinter den Kulissen der Sendung, die 1967, vor fast 50 Jahren, erstmals ausgestrahlt wurde. „Aktenzeichen XY ist ein Dauerbrenner und eine große Hilfe für die Polizei“, sagt der 60-Jährige. Etwa 40 Prozent der Fälle, über die berichtet wird, würden später aufgrund von Zuschauerhinweisen aufgeklärt.

Das Erfolgsgeheimnis der Sendung? „Wenn ein Täter, Mitwisser oder Zeuge sieht, dass über einen Fall berichtet wird, erwächst ein Druck“, sagt Hettmer. Zeugen von Straftaten gingen oft davon aus, dass ihre Beobachtungen nicht wichtig seien oder die Polizei schon Bescheid wisse und ihre Hinweise nicht benötige. Durch die Sendung bemerkten sie, dass sie doch helfen können.

Fall Lolita Brieger nach 29 Jahren aufgeklärt

Bei Beteiligten werde die Erinnerung an die Tat aufgefrischt und plötzlich plage vielleicht einen Mitwisser das schlechte Gewissen, sagt Hettmer. „Oder er erfährt, dass ihm nichts passieren kann, weil seine Beteiligung an der Tat verjährt ist. Dann greift er zum Hörer.“ Die nachgestellten Szenen appellieren zudem an die Gefühle der Zuschauer. Sie sehen, welche schlimmen Folgen die Tat für ein Opfer hat. „Das löst Betroffenheit aus.“

Auf diese Weise ist etwa im Jahr 2011 der Fall Lolita Brieger nach 29 Jahren aufgeklärt worden (siehe unten). Eine Mitwisserin sah die Sendung, in der auch über die inzwischen betagte Mutter des Opfers gesprochen wurde, und gab den entscheidenden Hinweis. Die Polizei ermittelte daraufhin den Täter – der jedoch wegen Verjährung nicht mehr verurteilt werden konnte – und fand die Leiche des Mädchens.

Seit 1986 gehört Hettmer zum Team der Beamten, die im Studio an den Telefonen sitzen und die Anrufe der Zuschauer entgegennehmen, seit 2003 leitet er das Team. Immer am Ende der Sendung bespricht er mit Moderator Rudi Cerne die Zuschauerhinweise und hat es so zu einem der wohl bekanntesten Kriminalbeamten des Landes gebracht. Im LKA sei er inzwischen aber nicht mehr als Ermittler in vorderster Front tätig, erzählt er. Hettmer leitet das Sachgebiet INPOL, das etwa die Informationsdatenbank der Polizei betreut.

Einige Tage vor der Sendung bekomme er die Fahndungsfotos und die Fälle von der XY-Redaktion zugeschickt, erzählt Hettmer. Daraus erstelle er Manuskripte für die Kollegen, die an den Telefonen sitzen. Acht Apparate sind pro Sendung besetzt. Gut 150 Zuschauerhinweise gehen ein. Das Studio ist bis 1.30 Uhr besetzt.

Die meisten Hinweise gab es 2007 im Fall Maddie McCann

Von ein paar Besserwissern und Wichtigtuern abgesehen versuchten die meisten Anrufer ernsthafte Hinweise oder Tipps zu geben. „Sie fragen dann: Haben Sie das schon geprüft? Haben Sie da oder dort schon gesucht?“ Manchmal seien die Hinweise sehr konkret: „Vor einigen Jahren war ein Anrufer sicher, dass er die gesuchte Person in einem Lokal in seinem Urlaubsort in Spanien erkannt hat.“ Als dann ein Zweiter und ein Dritter anriefen, die dort auch im Urlaub waren, habe sich die Sache schnell verdichtet.

Die meisten Hinweise habe es gegeben, als Aktenzeichen XY über die 2007 in Portugal verschwundene Maddie McCann berichtete. Gibt es Fälle, die so aussichtslos sind, dass die Ermittler aufgeben? „Nein. Dieser Punkt wird nie erreicht. Ein ungeklärter Fall wird nie hundertprozentig zu den Akten gelegt.“ Man gehe vielleicht mit einem anderen Team dran, sagt Hettmer. Auch die Technik habe sich verbessert – was bei Altfällen hilfreich sei. Mittels DNA-Analyse könnten Verdächtige überführt oder Unschuldige entlastet werden.

Manchmal seien die Ermittler schon während der Sendung dicht am Ziel. So habe einmal eine Zuschauerin ein Betrügerpaar erkannt. Es hatte sich in ihrer Ferienwohnung eingemietet. Als die Beamten anrückten, war das Paar weg – es hatte den Beitrag wohl selbst gesehen. „Das war ganz knapp damals. Die Ofenplatte war noch warm.“ In einem anderen Fall stellte sich ein Täter vor der Ausstrahlung. „Weil er nicht wollte, dass Freunde und Bekannte sein Bild im Fernsehen sehen.“

Millionenräuber, Mörder und Erpresser - Diese Fälle bleiben im Gedächtnis

Eduard Zimmermann, Erfinder von „Aktenzeichen XY, ungelöst“ wollte den „Bildschirm zur Verbrecherbekämpfung“ nutzen. Oft gelingt das. Schon in der ersten Sendung wird der Melkmaschinenschwindler Johannes K. von Zuschauern erkannt und festgenommen. Manche spektakulären Fälle bleiben aber ungelöst.

Es ist der erste Mord, der in „XY“ aufgeklärt wird: Der Verleger Bernhard Boll wird 1968 in seinem Haus erschlagen. Der Täter versetzt danach die Uhr des Opfers, von der im TV ein Foto gezeigt wird. Der Pfandleiher erkennt sie und nennt den Beamten den Namen des Mannes, der sie in seinen Laden gebracht hat. Er wird verurteilt.

Robert Einstein ist der Cousin des berühmten Physikers. Seine Frau und beiden Töchtern werden im Zweiten Weltkrieg von einer unbekannten Nazi-Einheit in ihrem Haus erschossen. „Aktenzeichen“ rekonstruiert den Fall. Trotz 30 Anrufen kann er aber nicht aufgeklärt werden.

Die erst 18 Jahre alte Lolita Brieger verschwindet im November 1982. Erst als „Aktenzeichen“ 2011 über den Fall berichtet, meldet sich ein Mitwisser. Es kommt heraus: Lolitas Ex-Freund hat sie mit einem Draht erdrosselt.

Roger H. klaut 2004 rund eine Million Euro aus einem Geldtransporter. Als sein Fahndungs-Foto im TV gezeigt wird, kann er nicht mehr fliehen – und stellt sich der Polizei. Kurioserweise bei einem Beamten, der ebenfalls in der „XY“-Sendung war.

Im September 1981 wird die zehn Jahre alte Ursula Herrmann aus Eching entführt. Sie wird in einer Holzkiste im Waldboden vergraben und erstickt dort, weil das Luftrohr, das dem Mädchen Sauerstoff liefern sollte, mit Laub verstopft ist. Ursulas Eltern versucht der Täter zu erpressen. Wenige Tage später wird Ursulas Leiche gefunden. Fast 30 Jahre nach der Tat wird ein Augsburger nach einer „XY“-Sendung überführt. Werner M. wird im März 2010 zu lebenslanger Haft verurteilt.

Ein Diakon missbraucht zwei Mädchen und stellt die Videos ins Netz. „XY“ zeigt Teile des Materials, in dem der Täter und seine Wohnung zu erkennen sind. Bekannte erkennen den Mann. 2010 wird Dominik S. festgenommen.

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Zahlen, Daten, Fakten - Die Statistik zur Serie

  • Die erste Ausgabe von „Aktenzeichen XY“ wurde am 20.10.1967 ausgestrahlt. Moderator war Eduard Zimmermann, der das Sendungskonzept entwickelt hat.
     
  • 1997 gab Zimmermann die Moderation ab, er starb 2009 in einem Altenheim in München.
     
  • „Aktenzeichen XY“ war ein klassischer Straßenfeger, auch heute schauen im Schnitt fünf Millionen Menschen zu.
     
  • Bis September 2015 wurden in der Sendung 4455 Fälle behandelt. 1813 davon wurden aufgeklärt. Das ergibt eine Erfolgsquote von 40,7 Prozent.
     
  • Jeder dritte in der Sendung behandelte Fall ist ein Mordfall. Bis September 2015 wurden 1458 Tötungsdelikte in der Sendung behandelt. Aufgeklärt werden konnten 599. Von 1233 Raubüberfällen wurden 395 gelöst.
     
  • Die meisten Fälle stammen aus Nordrhein-Westfalen, danach folgen Bayern und Hessen.
     
  • Das Konzept der Sendung wurde weltweit adaptiert, unter anderem in Großbritannien, in Israel und Italien gibt es Ableger.
 

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