Münchner Kammerspiele Wut, Umsturz und Bananenbrot

Matthias Lilienthal bei der Vorstellung des Projekts. Foto: Judith Buss

Matthias Lilienthal schenkt uns allen (auf unsere Kosten) zum Abschied noch eine Plakatausstellung

 

Es sei ein „Abschiedsgeschenk an die von uns geliebte Stadt München“, erklärte der scheidende Intendant der Kammerspiele vor der Kammer 2 bei der Präsentation einer Ausstellung von Plakaten. Natürlich überrascht der ironische Unterton nicht, denn Liebe war es nicht, was Matthias Lilienthal, große Teile seines Publikums und auch viele politische Vertreter im Stadtrat miteinander verband. „Wir machen jetzt richtige Kunst“, unkte er und strickte bei dieser Gelegenheit an der Legende, Opfer eines „Rausschmisses aus der Stadt“ zu sein.

Bei der Schau im öffentlichen Raum geht es nicht um einen Rückblick über die fünf Jahre Lilienthal-Intendanz, sondern um ganz aktuelle Werke, die eigens für diesen Anlass geschaffen wurden. Dieser Anlass ist die Corona-Krise mit den Theaterschließungen, die die längst angemieteten Werbeflächen für den Rest der Spielzeit überflüssig machte. Zum Projekt „Welt ohne Kunst“ habe ihn Philippe Quesne inspiriert, berichtet Lilienthal. Der französische Maler und Theatermacher hatte an Freunde Bilder des Beatles-Albums „Abbey Road“ geschickt – die Fab Four hatte er auf dem berühmesten Zebrastreifen der Popgeschichte verschwinden lassen.

Mikrodrama von Elfriede Jelinek

Quesnes Plakat zeigt mit einem Nachbau des Gemäldes „Wanderer über dem Nebelmeer“ ein Motiv aus seiner Performance „Caspar Western Friedrich“, mit der er 2016 an den Kammerspielen debütiert hatte. Ein anderes Stück Kammerspiel-Historie greift die Münchner Filmemacherin Cana Bilir-Meier auf. Ihr Entwurf zeigt die Eintrittskarte zu „Das Land der Träume – Düsler Ülkesi“ (1982), einem frühen und vermutlich sogar dem ersten Theaterstück von und mit Migranten in München, sowie ein Gedicht von Semra Ertan auf türkisch und deutsch.

Ein reines Schriftplakat kommt als Minitextfläche und Mikrodrama von Elfriede Jelinek. Die Szene einer Ausweiskontrolle endet mit: „Wieso stehen hier mehrere beisammen? Das geht nicht. Das wäre Theater, und das ist jetzt verboten.“ Nur einen einzigen Satz, um den ohnmächtigen Zorn der Theaterwelt auf den Punkt zu bringen, braucht der Schweizer Milo Rau, ein häufiger Gast an den Kammerspielen: „Wenn Du nicht relevant bist fürs System, dann ist das System vielleicht nicht relevant für Dich.“

Insgesamt elf verschiedene Poster in unterschiedlichen Gruppierungen sind während der nächsten Wochen bis zum Ende der Spielzeit im Stadtraum zu sehen. Es gibt auch verstörende Bilder wie eines umgestürzten Designersessels mit der Mitteilung von einem Umsturz „beim Bananenbrot backen“ von Henrike Naumann oder von Anne Imhof, die 2017 für ihre „Faust“-Performance“ den Goldenen Löwen der Biennale Venedig gewann und ihre Lebensgefährtin Eliza Douglas im Schneidersitz mit Kampfhose in Tarnmustern und einer den Oberkörper nur zur Hälfte verhüllenden Antifa-Fahne inszeniert.

 

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