Münchner Kammerspiele „What they want to hear“ von Lola Arias

„What they want to hear“ in den Kammerspielen. Foto: Thomas Aurin

Das Projekt „What they want to hear“ in den Kammerspielen bringt uns die Situation von Asylbewerbern mitreißend nahe

Wer glaubwürdig eine wahre Geschichte erzählen will, dessen Gedächtnis sollte nicht nur präzise funktionieren, sondern der sollte auch die kulturellen Unterschiede in verschiedenen Sprachräumen kennen. Denn während der arabische Erzähler innerhalb einer Geschichte gerne hin und her springt, mag man es in Deutschland lieber ordentlich. Eins nach dem anderen, erklärt Michaela Steiger in ihrer Rolle als ehrenamtliche Helferin einer Gruppe von Asylbewerbern. Damit deren Geschichten überzeugend klingen, möchte sie mit ihnen proben – ähnlich, wie man es vom Theater kennt.

Ein Stück weit Schauspielerei ist also von jenen gefragt, die nach ihrer Flucht aus Kriegsgebieten in Deutschland Asyl beantragen. „What they want to hear“ nennt die argentinische Regisseurin Lola Arias ihr dokumentarisches Projekt, das jetzt in der Kammer 1 uraufgeführt wurde. Sie konzentriert sich vor allem auf das Asylverfahren, das der Archäologe Raaed Al Kour bislang durchlebt hat. Notgedrungen musste er seine syrische Heimat Daraa verlassen und gelangte 2014 nach Deutschland. Dort wartet er bislang 1620 Tagen darauf, als Geflüchteter anerkannt zu werden – und steht indes nun selbst auf der Bühne, um mit einiger Unterstützung seine Geschichte zu erzählen.

Kafkaeske Behörden

Welche Stationen er auf seinem Weg nach Deutschland durchquerte, ist eine der Fragen, die Raaed Al Kour bei den Anhörungen im Münchner Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) beantworten musste. Sein Übersetzer, in der theatralen Rekonstruktion ruhig, warmherzig und smart gespielt von Hassan Akkouch, kommt ganz durcheinander bei der Auflistung. Auf einer Landkarte illustriert eine rote Linie die Odyssee, die in Deutschland kafkaesk durch die Behörden weitergeht.

Wie kräftezehrend die letzten vier Jahre für Raaed Al Kour gewesen sein müssen, lässt sich im Lauf des Abends immer mehr nachempfinden. Denn Arias zeichnet das Asylverfahren in seiner Länge und Redundanz zumindest ansatzweise nach, durchbricht die Rekonstruktion der peinlich peniblen Anhörungen auf dem Amt nur gelegentlich mit anderen Szenen und Projektionen von Videomaterial. Eigentlich findet hier ein existentielles Drama statt, aber das akkurate Behörden-Interieur, das Dominic Huber in der Kammer 1 eingerichtet hat, ist von steriler Nüchternheit – ähnlich, wie die Menschlichkeit im ritualisierten Befragen unterschwellig und manchmal ganz offenbar verloren geht.

Abstumpfung durch die Routine

Michaela Steiger hat die anspruchsvolle Aufgabe, die verhörende Beamtin sowie andere Rollen, darunter eine Anwältin, zu spielen. Mit einem ins Mechanische gehenden Sprechduktus macht sie die Abstumpfung durch die Routine spürbar. Gerne würde man jedoch einen tieferen Einblick in die Hintergründe des bürokratischen Horrors bekommen.

Lola Arias zeigte mit ihrer beim Spielart-Festival eingeladenen Performance über den Falkland-Krieg, wie differenziert sie zwei konträre Positionen beleuchten kann. Jetzt fehlen Stimmen der Gegenseite, was wohl daran liegt, dass das BAMF sie nach einem längeren Telefongespräch nicht weiter bei der Recherche unterstützen wollte.

So ist die Performance eine klare, eindeutige Anklage gegen die Zumutungen der Verfahren, die jeder Asylbewerber durchleben muss und deren Verschärfung im verstärkt heimattümelnden CSU-Bayern droht. Die Bilder der Willkommenskultur am Münchner Hauptbahnhof von 2015 lässt Arias Revue passieren – wo ist der Drive zur Hilfe hin? Über die Amtsstube hat Bühnenbildner Dominic Huber eine weitere Etage für solche Erinnerungsmomente eingerichtet.

Leben im Ungewissen

Hier tragen Mitglieder des Open Border Ensembles der Kammerspiele, Jamal Chkair, Kinan Hmeidan und Kamel Najma, Teile ihrer eigenen Biografie bei und stellen unter anderem Szenen einer propagandistisch-kitschigen TV-Soap nach. In Archivbildern bekommt man auch eine Ahnung vom Aufruhr in Daraa. Aber vor allem muss man den Worten von Raaed Al Kour glauben: Er demonstrierte mit und geriet ins Visier der Scharfschützen.

Sein Pech ist, dass er auf seinem Weg nach Deutschland in Bulgarien registriert wurde und zu dieser ersten europäischen Anlaufstelle laut Dublin-Verordnung einfach zurückgeschickt werden kann. Die Situation in Bulgarien jedoch ist, Fotos zeigen es, menschenunwürdig. Auf den Ablehnungsbescheid seines Antrags seitens des BAMF legte Al Kour erfolgreich Berufung ein, aber er lebt weiterhin im Ungewissen.
Mit seinen Kollegen spielt er nun einnehmend Theater. Das Langzeitprojekt der Kammerspiele, die Situation Geflüchteter nahe zu bringen, geht in dieser Produktion mitreißend auf.  

Kammer 1, nächste Vorstellungen: 27. Juni; 3., 12., 16., 23. Juli; jeweils 20 Uhr; Karten: Telefon 233 966 05
 

 

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