Münchner Kammerspiele Was kommt nach Matthias Lilienthal?

Steigt da der Geist des Theaters oder gar ein neuer Intendant aus dem Kachelofen in Christoph Marthalers „Tiefer Schweb“? Foto: Thomas Aurin

Nach dem Aus von Matthias Lilienthal stellt sich die Frage: Wer kann danach überhaupt die Kammerspiele leiten?

 

Als im September 2013 bekannt gegeben wurde, dass Matthias Lilienthal ab Herbst 2015 der neue Intendant der Kammerspiele sein würde, herrschte recht einhellige Begeisterung. Das Hebbel am Ufer hatte Lilienthal während seiner neunjährigen Intendanz zu einem der erfolgreichsten Theater Deutschlands geformt. Das HAU wurde mehrfach ausgezeichnet und galt als progressiv, so, wie München sich auch seine Kammerspiele vorstellte. Lilienthal sollte als Nachfolger von Johan Simons die Internationalisierung des Hauses und die Einbeziehung des Stadtraums weitertreiben, aber selbstredend auch eigene Akzente setzen.

Er steht für eine Öffnung des Theaters in diverse Kunstsparten und eine Durchmischung mit den Ästhetiken der Freien Szene. Dass ihm politische Themen wie Migration und soziales Engagement wichtig sind, dass er zudem ein performancekräftiges Ensemble zusammenstellen wollte – all das war kein Geheimnis, sondern kündigte Lilienthal überall freimütig an. Und er mischte sich schon vor seiner Intendanz in den städtischen Diskurs ein, womit er sein Interesse an München zeigte.

Betrachtet man den Stand der Dinge an den Kammerspielen, muss man doch feststellen: Lilienthal hat konsequent ausprobiert, was ihm zu Beginn seiner Intendanz vorschwebte. Keine Überraschungen. Erwartbare Startprobleme. Und derzeit: kein volles Haus, aber ein eingespieltes Ensemble und jeweils zwei Einladungen zum Berliner Theatertreffen und zu den Wiener Festwochen. Der CSU ist das schnurz. Fest steht nun der Abschied von Lilienthal in zweieinhalb Jahren, womit sich die Frage stellt, mit welchem Profil der Nachfolger oder die Nachfolgerin an den Kammerspielen antreten könnte?

Denn wer jetzt nach Lilienthal kommt, soll offenbar eine Vorliebe für Sprechtheater und Rollenspiel, dem so genannten Schauspielertheater haben, zumindest nach Wunsch der CSU, sowie einem Teil der Presse und des Publikums. Und zusätzlich über Experimentiergeist und Interesse für aktuelle Themen verfügen.

Überraschungseierlegende Wollmilchsau

Gewünscht ist, kurz gesagt, eine überraschungseierlegende Wollmilchsau mit Theaterzaubergarantie. Schaut man dann noch auf die andere Seite der Maximilianstraße, hat man ein solches Profil sogar ansatzweise vorliegen: Unter dem Noch-Intendant Martin Kusej und dessen findigem Chefdramaturgen Sebastian Huber hat sich das Staatsschauspiel nach einer ebenfalls erwartbar schwierigen Anfangszeit zu einem wohl austarierten, publikumswirksamen Organismus entwickelt, in dem modernes, aber in seltenen Fällen gewagtes, Sprechtheater geboten wird.

Kusej und Huber haben im Lauf der Zeit gelernt, wie sie dem Publikum das mit Anspruch geben, was es auch will und lassen nur gelegentlich im Cuvilliés-Theater und Marstall die Experimentiersau raus. Indem Lilienthal in seinem Haus doch um einiges mehr auf performatives Spiel und grenzsprengendes, auch Laien einbeziehendes Diskurstheater setzte und wesentlich mehr sprechtheaterferne Formate in sein Programm hineinließ, erzeugte er klare Alleinstellungsmerkmale seines Hauses.

In dem übrigens nicht schlicht irgendwelche Popkonzerte veranstaltet werden, sondern Konzerte und gut organisierte Festivals mit avancierter (Elektro-)Musik. Was dem Gesamtanspruch der Kammerspiele, am Puls der Zeit zu sein und spartenübergreifend in die Zukunft zu blicken, entspricht.

Das Intendantenkarussell

Die Namen, die man jetzt in die Spekulationsrunde werfen kann, sind letztlich dieselben, die schon für die Nachfolge von Kusej am Residenztheater kursierten. Die Intendanz von Barbara Frey am Züricher Schauspielhaus läuft 2019 aus – nach Zürich wechseln dann Kammerspiele-Hausregisseur Nicolas Steman und Chefdramaturg Benjamin von Blomberg. Insofern könnte man einfach die kreativen Kräfte zwischen den Städten austauschen. Frey hat als Musikerin und Regieassistentin am Theater Basel unter Frank Baumbauer gearbeitet, war in der Freien Szene tätig, inszenierte deutschlandweit. In Zürich hat sie ein gut funktionierendes Sprechtheater geleitet und jenen Zürichern, die nach dem Theater noch gediegen essen gehen wollen, sicher nicht allzu viel Experiment zugemutet.

Als Intendanznovizen böten sich auch Regisseure an, die mit den Kammerspielen vor der Ära Lilienthal stark verbunden waren: Sebastian Nübling etwa, der unter anderem in Hamburg, Berlin und Zürich sowie der Jugendsparte des Theaters Basel regelmäßig inszeniert, europaweit als Regisseur Kontakte geknüpft hat und etwa mit dem trinationalen Projekt „Three Kingdoms“ an den Kammerspielen unterschiedliche Spielarten bestechend vereinte. Andreas Kriegenburg hat unter Frank Baumbauer und Johan Simons den Stil der Kammerspiele mitgeprägt, drosselte seinen Regiefuror aber in den letzten Jahren, um mit viel Respekt vor den Texten „Maria Stuart“ oder, am Resi, „Macbeth“ zu inszenieren.

Großartige Theatervisionen würde man von diesen Namen spontan erstmal nicht erwarten. Als spektakuläre Personalie könnte man Frank Castorf ins Spiel werfen. Aber einerseits wird das Kulturreferat jetzt kaum jemanden erwägen, der ähnlich wie Matthias Lilienthal aus Berlin kommt, ebenfalls nicht für einen Kuschelkurs steht, sondern die Konfrontation und Spannung mit dem Publikum sucht.

Fehlt es an Geduld?

Andererseits ist eh die große Frage, welcher Theatermacher mit neuen, spannenden Ideen überhaupt Lust hat, in die Fußstapfen eines Intendanten zu treten, dessen Versuche über zweieinhalb Jahre hinweg mit Ungeduld von einem Großteil der Presse beobachtet wurde und dessen Schicksal am seidenen Faden einer Partei hing, die vor allem Sprechtheater sehen will. Und auch für Lilienthal wenig zufriedenstellende Besucherzahlen als ausschlaggebend ansieht, so, wie auch bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern vor allem Quote zählt.

In Berlin sieht man derzeit, wie jede misslungene Inszenierung an der Volksbühne unter Chris Dercon gleich als exemplarisch für das Scheitern eines ganzen Konzepts interpretiert wird. Nach einem halben Jahr. Insofern erzählt das Intendantenbashing und Besetzungskarussell bei aller Berechtigung, was die Hinterfragung autoritärer Strukturen angeht, davon, wie kurzatmig die mediale Rezeption geworden ist – und wie kurz der Geduldsfaden mancher Zuschauer.

Zu betrachten wäre, wer sein erstes Urteil über die Kammerspiele nach wackligem Anfang wirklich noch mal überprüft hat. Zuletzt standen beachtlich viele gelungene, diskussionsanregende, überregional wahrgenommene Abende auf dem Programm. Und gelegentliches Scheitern muss einem vorwärts orientierten Theater als Privileg gewährt bleiben – sowie die Unabhängigkeit von bühnenfernen Meinungen wie jene der CSU.

Wer die Kammerspiele in zweieinhalb Jahren übernimmt, ist so jedenfalls nicht zu beneiden.
 

 

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