Münchner Kammerspiele Was Barbara Mundel plant

Die Dramaturgin und Intendantin Barbara Mundel. Foto: dpa

Barbara Mundel ist ab September neue Intendantin der Kammerspiele. In einer Pressekonferenz stellte sie mit ihrem Team ihre Pläne vor

 

Einem jedem Anfang wohnt bekanntermaßen ein Zauber inne, aber was machen, wenn der Start einer Intendanz genau in die gar nicht so zauberhafte Zeit von Corona fällt? Barbara Mundel, die designierte neue Chefin der Münchner Kammerspiele, räumt ein, dass sie schon einige Zeit brauchte, bis sie die Dimension der Krise für ihren Einstand richtig begriff.

Aber es steht natürlich fest: „Wir wollen spielen!“ Und Not macht ja auch erfinderisch, weshalb es dann auch nicht groß verwunderte, dass Mundel und ihre Chefdramaturgin Viola Hasselberg bei der Pressekonferenz auf der Bühne der Kammerspiele nicht nur physisch präsent waren, sondern auch als computeranimierte Avatare durch ein Video wandelten und das Ensemble in den Kästchen einer Video-Konferenz präsentierten.

Den virtuellen Raum als derzeit viel genutzte Bühne haben Mundel und ihr Team zwar durchaus im Kopf und sie wollen sich dem Digitalen auch in Zukunft nicht verschließen. Aber natürlich wünschen sie sich vor allem wieder die leibliche Kopräsenz von Ensemble und Publikum, wollen auf die zwei Nebenbühnen der Kammerspiele und die Hauptbühne, die, zumindest bei der Pressekonferenz, ganz nebenbei wieder als „Schauspielhaus“ bezeichnet wurde. Also nichts mehr mit „Kammer 1, 2 und 3“, was einst ja Labels waren, mit denen Matthias Lilienthal symbolträchtig sein Territorium markierte.

Ein Teil des Ensembles bleibt

Dass Mundels Vorgänger seine Intendanz nun vielleicht nicht so richtig abschließen kann, bedauert Barbara Mundel und möchte seine Linien doch in einigen Belangen weiterführen. Allein schon, was das Ensemble angeht, macht Mundel keinen ganz harten Cut: Immerhin 12 von 30 Mitgliedern stammen aus Lilienthals Zeiten, es sind Zeynep Bozbay, Thomas Hauser, Walter Hess, Gro Swantje Kohlhof, Jelena Kuljic, Christian Löber, Stefan Merki, Jochen Noch, Annette Paulmann, Wiebke Puls, Vincent Redetzki und Thomas Schmauser. Und auch alte Kammerspiele-Bekannte findet man in der Liste, zum Beispiel André Jung, der als Gast an die alte Wirkungsstätte zurückkehren wird.

Während Andreas Beck vor einem Jahr aus Basel viele alte Bekannte nach München ans Bayerische Staatsschauspiel mitnahm, bringt Mundel aus Freiburg, wo sie von 2006 bis 2017 Intendantin war, nicht allzu viele Leute mit. Stattdessen setzt sie auf die Kraft eines neu zusammengewürfelten Teams: Auf dem Flyer, der anstelle eines Programmheftes erste Informationen über die geplante Spielzeit gibt, stehen zwanzig alphabetisch aufgelistete Namen unter der Rubrik „Leitungsteam“. Unter ihnen ist Mundel als Intendantin eingereiht, was von der Absicht kündet, in flachen Hierarchien zu arbeiten.

Einige Inszenierungen aus der Lilienthal-Ära wie etwa „König Lear“ oder „Die Räuberinnen“ möchte Mundel, falls möglich, im Lauf der Spielzeit übernehmen. Aber natürlich hat sie vor allem Neues vor.

Falk Richter wird Hausregisseur

Ein vierköpfiges Regie-Team wurde gleich für die ersten fünf Jahre Mundels fest gebucht, soll also die Geschicke der Kammerspiele über diesen Zeitraum mitbestimmen. Mundel denkt langfristig. Und hat mit Falk Richter einen leitenden Regisseur an Bord, der zuvor unter anderem am Schauspielhaus Zürich, an der Berliner Schaubühne und am Düsseldorfer Schauspielhaus als Hausregisseur wirkte.

Richter soll auch die erste große Inszenierung am Haus stemmen und hat dafür einen hübschen Titel gewählt: „Touch“ soll thematisieren, ob und wie Berührungen in Zeiten von Corona möglich sind, wie unser Leben im übertragenen Sinne diesen und anderen Krisen berührt wird. Für dieses Projekt will Richter richtig viele Ensemblemitglieder auf der Bühne des Schauspielhauses versammeln, die von Choreographin Anouk van Dijk in Tanzbewegung gebracht werden sollen – Sicherheitsabstand, ick hör dir trapsen.

Für die Spielzeit-Eröffnung ist der 8. Oktober angepeilt, aber der Termin bleibt nur dann bestehen, wenn klar ist, ob ausreichend viele Menschen im Zuschauerraum dabei sein können.

Für die ersten zwei Wochen hat Mundel, die ihr Amt Anfang September antritt, eine weitere Tanz-Performance angesetzt: Doris Uhlich, in München eine alte Festival-Bekannte, will mit 30 Münchnern eine Performance unter dem Titel „Habitat Munich“ erarbeiten, wobei sie ihrem Ansatz, Körper jeglicher Ausformung in ihrer puren Nacktheit zu zeigen und in Bewegung zu bringen, treu bleiben will.

Mehr Partizipation

In Freiburg hat Mundel zahlreiche Stadtraum-Projekte realisiert; in München hat sie vor über 15 Jahren als Chefdramaturgin der Kammerspiele gemeinsam mit Björn Bicker das Stadtraumprojekt „Bunny Hill“ entwickelt. Als Intendantin will sie nun erneut den Münchnern eine Bühne bieten, beginnend mit „Habitat Munich“ und „What is the city but the people?“, einem Cross-Over-Projekt zwischen Installation, Konzert und Theater, bei dem gleich 150 Münchner performen sollen. Wunsch-Ort ist der Odeonsplatz, gespielt werden soll vor 999 Zuschauern. Na dann, viel Glück.

Neben mehr Bürgerpartizipation wollen Mundel und ihr Team verstärkt integratives Theater machen: Nele Jahnke, als Regisseurin und Dramaturgin nun ebenfalls Teil des künstlerischen Leitungsteams, hat viele Jahre das Theater Hora in der Schweiz mitgeleitet. Vier Schauspieler und Schauspielerinnen mit „geistiger Behinderung“ sind jetzt im Ensemble der Kammerspiele.

Als erstes wird Nele Jahnke mit Julia Häusermann das Solo „Ich bin’s Frank“ erarbeiten, in Kooperation mit dem Theater Hora. Sowieso, die Kooperationen: Mit der Schauburg und der Otto-Falckenberg-Schule möchte Mundel die Zusammenarbeit intensivieren, plant unter anderem ein „LAB für Berufsschüler*innen“ und will Schauspielstudent*innen verstärkt in den Kammerspielen einsetzen, beispielsweise in „9/26 – Das Oktoberfestattentat“, ein neues dokumentarisches Projekt von Christine Umpfenbach („Urteile“).

Auch die Neue Dramatik und langfristige Zusammenarbeit mit Autoren und Autorinnen liegt Mundel am Herzen: Nora Abdel-Maksoud, die zuletzt am Volkstheater inszenierte, bringt beispielsweise ihr Stück „Jeeps“ zur Uraufführung. Pinar Karabulut hat am Volkstheater inszeniert und macht nun als neue Hausregisseurin den Karriere-Sprung auf die Kammerspiele-Bühne: Sie will im nächsten Jahr „Der Sprung vom Elfenbeinturm“ inszenieren, nach dem Stück von Gisela Elsner. Insgesamt sollen in den Kammerspielen Stücke von (zu Unrecht) vergessenen Autorinnen wieder-aufgeführt werden.

Postmigrantischer Mehrzweckladen

Bekannte Titel finden sich in Mundels Programm kaum. Falk Richter will Thomas Bernhards „Heldenplatz“ mit Edgar Selge inszenieren; Jan Bosse bringt den vor kurzem wiederentdeckten und von der Kritik hymnisch gefeierten Mammut-Roman „Effingers“ von Gabriele Tergit erstmals auf die Bühne – mit 12 Spieler*innen. Zwar stehen einige Monologe auf den Bühnen der Kammerspiele an, aber von Corona will sich Mundel die Lust an großen Ensemble-Inszenierungen nicht nehmen lassen. Jan-Christoph Gockel, der Vierte im Bunde der fest ans Haus gebundenen Regisseure, kann dabei von vorneherein etwas ruhiger in die Vollen greifen: Er arbeitet in seinen Inszenierungen mit Schauspielern und Puppen, gebaut von Michael Pietsch, „Puppen dürfen sich berühren!“. Als Erstes hat Gockel dabei eine Adaption von Ernst Tollers Roman „Eine Jugend in Deutschland“ vor.

Außerdem will Mundel weiterhin mit Künstlerinnen und Künstlern aus der Freien Szene Münchens kooperieren, darunter Oliver Zahn und Anna Konjetzky. Mit Gerhard Polt und den Well-Brüdern ist ein Projekt geplant, die „Alien Disko“-Macher von The Notwist sind für eine Produktion schon gebucht. Konzerte dürfte es weiterhin in den Kammerspielen geben. Und auch die internationale Ausrichtung der Kammerspiele möchte Mundel fortsetzen: Projekte mit dem Choreografen Serge Aimé Coulibaly aus Burkina Faso oder dem argentinischen Regisseur Mariano Pensotti schweben ihr zum Beispiel vor.

Mundel und ihr Team haben viel vor – und spannen den Bogen in die Zukunft: Ein Langzeitprojekt für die nächsten fünf Jahre soll gleich am Anfang unter dem Titel „Koy Koy“ verwirklicht werden: ein Kiosk anstelle der Kammerspiele-Kasse, direkt an der Maximilianstraße.

Ein „postmigrantischer Mehrzweckladen“ soll das werden, mit Köstlichkeiten aus aller Welt. Auch wenn der Erfolg in den Sternen liegt: Das klingt auf jeden Fall verführerischer als Lilienthals „Shabby Shabby Apartments“.

Das ganze geplante Programm ist auch auf der Webseite der Kammerspiele nachzulesen

 

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