Münchner Kammerspiele Tarun Kade über die Live-Cam-Variante von Leonie Böhms „Yung Faust“

Die Kammerspiele wollen ab heute Live-Cam-Performances streamen. Los geht es mit einer Variante von Leonie Böhms „Yung Faust“. Foto: Julian Baumann

Die Kammerspiele wollen ab heute Live-Cam-Performances streamen. Los geht es mit einer Variante von Leonie Böhms „Yung Faust“

 

An den Kammerspielen steht wie überall gerade der Proben- und Aufführungsbetrieb still – zumindest größtenteils. Denn während man sich zuletzt für jeweils 24 Stunden Inszenierungs- Mitschnitte ansehen konnte, sollen jetzt auch regelmäßig Live-Events wie Performances oder Lesungen online stattfinden.

Federführend für das Programm der „Kammer 4“ ist Dramaturg Tarun Kade, der gerade mit einer Videokonferenz-Variante von Leonie Böhms „Yung Faust“ beschäftigt ist. Das Gespräch mit Kade fand am Telefon statt.
 

AZ: Herr Kade, wie ist bei Ihnen gerade die Gemütslage?
TARUN KADE: Mittel. Man bleibt halt zuhause und versucht sich zu beschäftigen, wobei ich jetzt viel im Home Office beschäftigt bin. Am Freitag hatte ich über acht Stunden hinweg Videokonferenzen, in denen es viel um die „Kammer 4“ ging. Solche gesprächsintensiven Tage kenne ich durchaus, aber ich kann nun mal nicht wie sonst danach in die Kantine oder in ein anderes Büro gehen. Stattdessen tauchen unterschiedliche Gesichter auf dem immer gleichen Bildschirm auf; Privat- und Arbeitsraum vermischen sich. Das ist ja gerade bei vielen so, und das macht mit einem natürlich auch was.

Ab dieser Woche sollen jeweils dienstags und donnerstags Live-Cam-Performances der Kammerspiele online stattfinden. Wie wird das geprobt?
Wir proben das in dem Sinne nicht. Aber wir überlegen uns in den Gesprächen mit der Regie und den Künstler*innen, wie sich eine Inszenierung für eine Live-Performance online adaptieren lässt. Wir gehen da ganz offen und spontan hinein, klären zuvor ein paar technische Dinge, schärfen inhaltlich die Themen. Was dann genau passieren wird, auch im Austausch mit den Zuschauer*innen, können wir nicht vorhersehen. Insofern sind wir genauso gespannt wie alle anderen wie das laufen wird.

Wie sehen die interaktiven Möglichkeiten aus?
Also, die Künstler*innen kommunizieren und spielen live über ein Video-Konferenz-Tool. Im Fall von „Yung Faust“ wird der Bildschirm viergeteilt sein. Annette Paulmann, Benjamin Radjaipour, Julia Riedler und der Musiker Johannes Rieder haben jeweils ein Quadrat für sich und senden live aus ihren Wohnräumen. Was sie am Dienstag ab 18 Uhr machen, wird per Facebook-Livestream und auf der Webseite der Kammerspiele übertragen. Die Zuschauer*innen sind dabei eingeladen, das Geschehen jederzeit zu kommentieren. Die Spieler*innen wiederum werden versuchen, darauf zu reagieren, also, die Kommentare in ihr Spiel einzubeziehen.

Hat es einen Grund, wieso „Yung Faust“ für diese erste Live-Cam-Performance ausgesucht wurde?
Ja. Das Stück passt einfach sehr gut, weil es darin um Begegnung und Intimität, um die Sehnsucht nach menschlicher Nähe geht. Das ist für sich schon ein zeitgemäßes Thema, aber jetzt fehlt uns diese Nähe ja umso mehr. Auf der Bühne haben die Spieler*innen sich körperlich stark miteinander auseinandergesetzt, spielten und rutschten im Wasser, wälzten sich übereinander, kämpften, küssten sich – das sind jetzt genau die Dinge, die man gerade nur begrenzt oder gar nicht machen kann. Darin besteht für uns die Herausforderung, und das ist jetzt auch verstärkt das Thema: wie man über eine Video-Konferenz mit Live-Cam trotzdem zu einer Form von Begegnung kommen kann.

Was als zentrale Qualität des Theaters schmerzhaft fehlen wird, ist die Körperlichkeit des Spiels.
Ja, natürlich. Das Begehren aber fällt auf keinen Fall weg. Und es wird doch spannend sein, wie man auch ohne die Möglichkeit, direkt in Kontakt zu treten, sich vielleicht näher kommen kann. Und was zu spüren sein wird – und bei Netflix und anderen fehlt – ist die Atmosphäre des Live-Erlebnisses.

Dieses Live-Erleben fehlt wiederum bei den Theatermitschnitten, die bisher auf der Kammerspiele-Website gezeigt wurden – mit verblüffend guten Zuschauerzahlen.
Ja, das hat uns selbst überrascht: Theatermitschnitte haben ja den Ruf, ultralangweilig zu sein. Der Stream von Toshiki Okadas Inszenierung „No Sex“ hatte aber innerhalb von 24 Stunden über 6000 Aufrufe. Ich habe danach auf Instagram einige Posts gesehen, auf denen Leute sich selbst abbildeten, wie sie sich den Stream anschauen, plus Kommentare zu der Aufführung. Toshiki Okada hat mir erzählt, dass er von einem in Berlin lebenden japanischen Studenten eine Nachricht bekam, dass der sich über die Gelegenheit, „No Sex“ sehen zu können, sehr gefreut habe und danach mit einer Gruppe von Mitstudierenden über die Inszenierung per Videokonferenz diskutierte. So bilden sich gerade bestimmte Formen der Kommunikation über Theater aus, die sonst eher selten stattfinden.

Und dass man jetzt bei „Yung Faust“ direkt kommentieren kann, ist ja fast schon ein Luxus, den man sich in einer „normalen“ Aufführung gar nicht mehr erlauben darf.
Ja, genau. Das ist fast wie in Shakespeares Zeiten.

Nach „Yung Faust“ gibt es am Donnerstag auch eine Live-Lesung des Buchs „Kein Freund außer den Bergen“ von Behrouz Boochani, einem kurdisch-iranischen Journalisten, der 2013 als Geflüchteter auf der Insel Manus Island in einem von Australien betriebenen Auffanglager interniert wurde.
Genau. Er hat von dort aus ein Buch in Form von Kurznachrichten geschrieben. Damian Rebgetz hat für diese Lesung die Initiative ergriffen, und es ist ja auch ein Thema, was uns gerade verstärkt beschäftigt. Die Gefahr besteht ja, dass sich noch mehr die Meinung breit macht, man solle Grenzen geschlossen halten und die humanitäre Hilfe für Geflüchtete aussetzen. Darauf müssen wir aufmerksam machen. Jetzt, wo Physical Distance angesagt ist, braucht es umso mehr Solidarität.

Wissen Sie schon, was nach diesen beiden Online-Aufführungen folgen wird?
Es ist Verschiedenes in Planung, aber wir müssen da auch erstmal Erfahrungen sammeln. „Werther’s Quest for Love“ mit Vincent Redetzki bietet sich für eine weitere Live-Performance an. Dann ist für den 4. April vorgesehen, das sowieso schon geplante „Wuss“-Festival, das passenderweise „Within the Lonely Hours“ heißt, online stattfinden zu lassen. Außerdem möchte Enis Maci, deren Stück „Wunde R“ Mitte April uraufgeführt werden sollte, eine kleine Reihe mit dem Titel „Die große Beunruhigung“ veranstalten, inklusive Essay- und Romanlesung plus einem Kurzfilm-Stream.

Ab 20. April soll der Theaterbetrieb wieder aufgenommen werden. Glauben Sie daran?
Wir hoffen natürlich, am 20. April weitermachen zu können, aber sicher ist gerade nichts. Wir sind jedenfalls mit den Regieteams in Kontakt. Bis 19. April ist auch das Proben untersagt, das heißt, die für April angesetzten Premieren werden sich sicherlich noch nach hinten verschieben.

Es sollte als Abschluss der Intendanz von Matthias Lilienthal ein 24-Stunden-Projekt zu Roberto Bolaños Riesenroman „2666“ entwickelt werden. Die Premiere war für den 30. Mai angesetzt.
Auch da sind wir in Gesprächen darüber, welche Form dieses Projekt weiterhin annehmen könnte. Es ist ganz klar, dass es insgesamt einige Modifikationen und Veränderungen im Spielplan geben wird.

Glauben Sie, dass man im Theater überhaupt irgendwann „back to normal“ gehen kann?
Back to normal? Nein. Wir machen jetzt alle Erfahrungen, die sich in sämtlichen Künsten nachhaltig auswirken werden. Die Auseinandersetzung mit Themen wie der Klimakrise war in letzter Zeit ja schon präsenter. Das wird sich noch weiter verstärken. Außerdem wird sich die Frage, wie Theater international gedacht werden kann, noch mal ganz neu stellen. Wir werden verstärkt dafür kämpfen müssen, dass nicht alles noch identitärer wird, dass man sich nicht noch mehr einkapselt. Sich weiter öffnen, Grenzen überwinden – das wird eine große Herausforderung sein. Dazu kommen die ganzen existentiellen Verletzungen, die viele gerade im freien künstlerischen Bereich erleben müssen.

An einem städtischen Theater kann man sich schätzungsweise noch etwas privilegiert fühlen.
Ja. Man lernt eine Festanstellung in einer solchen Zeit durchaus zu schätzen. Es gibt aber auch einige, die hier als Gast spielen oder Gastspiele hier gehabt hätten und für ausgefallene Vorstellungen eigentlich nicht bezahlt werden. Am Haus wird gerade daran gearbeitet, das so gut wie möglich zu kompensieren. Gleichzeitig ist die Politik deutlich gefordert, Fonds anzulegen und gerade freien Künstler*innen über längere Zeit zu helfen. Da stehen wir alle in der Verantwortung.

Besteht nicht auch die Gefahr, dass sich jetzt alle daran gewöhnen, lieber zu Hause zu bleiben und sich irgendwas zu streamen?
Nein. Ich glaube eher, dass alle nach dieser Zeit total gierig darauf sind, endlich wieder aus dem Haus zu kommen und draußen gemeinsam etwas zu erleben.

„Yung Faust“, Dienstag, 24. März, ab 18 Uhr online, www.muenchner-kammerspiele.de
 

 

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